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Nach Spielabbrüchen: Schiedsrichtern aus Heilbronn reicht es

Verein sieht "Rufschädigung" und schlägt Regeländerung vor

Nach Gewalt und Beleidigungen: Heilbronner Schiedsrichtern reicht es

Setzen ein Zeichen: Im Raum Heilbronn sind zuletzt Schiedsrichter dreimal heftig attackiert und bedroht worden.

Setzen ein Zeichen: Im Raum Heilbronn sind zuletzt Schiedsrichter dreimal heftig attackiert und bedroht worden. imago images/Avanti

Das Fass ist übergelaufen, nicht alleine durch ein paar Tropfen, sondern im Grunde durch einen ganzen Schwall. Im baden-württembergischen Fußball-Bezirk Unterland, in dessen Zentrum die Großstadt Heilbronn liegt, haben drei schwere Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung die Schiedsrichter zu einem drastischen Schritt veranlasst: Bis Jahresende werden keine Partien mehr von Mannschaften des KSV Blau/Weiß Heilbronn, des 1. FC Lauffen und des TGV Eintracht Beilstein besetzt. Aller Voraussicht nach werden sämtliche Begegnungen 2022 nachgeholt. "Wir können uns nicht mehr länger nur auf die Sportgerichte verlassen", sagt Marco Gegner, der als Obmann der Schiedsrichter-Gruppe Heilbronn und des Bezirks Unterland genau weiß, was seine rund 180 Kameraden an der Pfeife umtreibt.

Und die treibt derzeit so einiges um. Angefangen hatte alles am 14. Oktober mit dem Bezirkspokal-Spiel zwischen dem TGV Eintracht Beilstein und der SG Bad Wimpfen, das in der Verlängerung zu Gunsten der SG kippte (Endstand 5:2 für Bad Wimpfen). Ein mit Rot vom Platz gestellter Beilsteiner Spieler ging laut Gegners Schilderungen nach dem Feldverweis auf dem Schiedsrichter los, konnte nur mit Mühe von einem dazwischengehenden Mannschaftskameraden an einer körperlichen Attacke auf den Unparteiischen gehindert werden. Gegner erzählt weiter, dass der betreffende Spieler nach Schlusspfiff weiter provoziert und beleidigt habe und zudem sein Trainer den Schiedsrichter "belagert" hätte.

Drei Tage später sei ein Spieler des KSV Blau/Weiß Heilbronn im Spiel der Kreisliga A1 beim SC Abstatt in der Schlussphase ausgerastet, auf den Schiedsrichter zugestürmt und haben diesen umgeschubst. Folge: Rot und Spielabbruch.

Doch es ist nicht nur die physische Gewalt, die den Schiedsrichtern im Unterland zu schaffen macht: Am 7. November wurde ein Spieler des 1. FC Lauffen II beim Auswärtsspiel gegen den FSV Schwaigern III in der Kreisliga B3 nach grobem Foulspiel mit der Roten Karte bestraft. Gegner schildert, dass der Spieler den Schiedsrichter sofort rassistisch beleidigt habe, unter anderem mit der Titulierung "Nazi". Auch hier brach der Schiedsrichter die Partie ab. Zudem sei der Referee vom betreffenden Spieler noch bis zur Kabine verfolgt worden, auch die Polizei musste anrücken. 

Nachhaltig traumatisiert

Gegner bekommt als Obmann all die Berichte über solche Abbrüche und Vorfälle auf den Tisch. Und er erzählt, dass es nicht einfach damit getan sei, einen Sonderbericht anzufertigen und dann am kommenden Wochenende wieder auf den Sportplätzen der Region einfach so das nächste Spiel anzupfeifen: "Die betreffenden Kameraden haben die Vorfälle bis heute nicht richtig verarbeitet, sind davon noch immer traumatisiert." Es sei fraglich, ob diese Schiedsrichter überhaupt nochmal ein Spiel pfeifen wollen.

Nach einer Videokonferenz, die kurz nach dem dritten Vorfall einberufen wurde, entschied Gegner gemeinsam mit dem Verbandsschiedsrichter-Ausschuss und Vertretern des Bezirks, dass man jetzt ein Zeichen setzen müsse. "Und zwar ein Nachhaltiges", so Gegner, der deswegen mit seinen Kollegen überein gekommen war, dass das bloße Bestreiken eines einzigen Spieltags zum einen schnell wieder vergessen worden wäre und zum anderen viele unbeteiligte Mannschaften bestraft hätte. Also wurde sich nur auf diejenigen Vereine konzentriert, von deren Spielern und Betreuern auch die Aggressionen der jüngeren Vergangenheit ausgingen. 

Marco Gegner als Schiedsrichterassistent

Kennt sich aus mit Emotionen: Der heutige Schiedsrichter-Obmann Marco Gegner fungierte wie hier im November 2015 beispielsweise bei Regionalliga-Heimspielen des SV Waldhof Mannheim als Assistent. imago/Sportsword

"Die Vereine hatten das nicht erwartet", erzählt Gegner, dessen Telefon nach Bekanntwerden des Entschluss nicht mehr still stand. 95 Prozent der Rückmeldungen seien zustimmend gewesen, allerdings hat der Schiedsrichter-Obmann auch registriert, dass von den drei betroffenen Vereinen die Geschehnisse doch eher "bagatellisiert" wurden. So sagte Tihomir Tominac, Vorstand von Blau/Weiß Heilbronn beispielsweise gegenüber der "Heilbronner Stimme" zu dem Vorfall seines Vereins: "Natürlich war das nicht in Ordnung. Der Spieler ist gesperrt worden und das nehmen wir auch so an. Warum jetzt die ganze Mannschaft und der Verein noch bestraft werden, verstehe ich nicht." In Lauffen stellt man indes die Frage, warum die erste Mannschaft für eine Verfehlung der zweiten Mannschaft bestraft werde. Bei den jeweiligen Gegnern der drei bestraften Klubs zeigt man zwar Verständnis für die Schiedsrichter, fühlt sich anderseits auch ein wenig unschuldig in Mithaftung genommen.

Unschuldig, so fühlt sich der TGV Eintracht Beilstein sicherlich nicht. Doch trotzdem sagt Abteilungsleiter Wolfgang Behr, dass der Vorfall seines Vereins nicht unbedingt auf eine Stufe mit den zwei anderen Exzessen gestellt gehört, da er ihn als etwas harmloser einstuft. Zwar verstehe er schon, dass die Schiedsrichter jetzt ein Exempel statuieren wollen, doch viel mehr missfällt ihm, dass sein Verein vor vollendete Tatsachen gestellt wurde: "Wir haben bis heute nichts Schriftliches von den Schiedsrichtern, wurden nie angehört." Ein solches Anhörungsrecht, gibt Behr zu bedenken, habe man aber, wenn Sportgerichte über Spielabsetzungen entscheiden. "Solche Fragen gehören auch in die Sportgerichtsbarkeit", betont der Abteilungsleiter, dem aber gleichzeitig auch wichtig ist zu betonen, dass der ausgerastete Spieler intern hart bestraft wurde, indem sich Beilstein von ihm getrennt habe. "Wir haben dafür einen passenden internen Strafenkatalog", so Behr. 

Unsere Spieler sind Vorbild für unsere Jugend

Wolfgang Behr, Abteilungsleiter TGV Eintracht Beilstein

Vorfälle dieser Art könne sein Verein auch gar nicht einfach so hinnehmen, schließlich ist der TGV Eintracht ein Mehrspartenverein mit großer Jugendabteilung. "Unsere Spieler sind Vorbild für unsere Jugend", sagt Behr. Und trotzdem - oder gerade deswegen - findet der Beilsteiner Funktionär die Kollektivstrafe, die die Boykott-Aktion der Schiedsrichter für ihn defacto darstellt, nicht gerechtfertigt. "Sie ist für uns als Verein sogar rufschädigend", so Behr.

Dass Blau/Weiß Heilbronn, Beilstein und Lauffen von der Schiedsrichter-Gilde bestraft wurden, das will Obmann Gegner so nicht ausdrücken: "Diese Aktion von uns ist keine Strafe, dafür sind die Sportgerichte zuständig. Wir wollten hingegen ein Zeichen setzen, da uns der Schutz unserer Schiedsrichter wichtig ist."

Aus der Stuttgarter Zentrale des Württembergischen Fußballverbands (WFV) hörte man hingegen auffällig wenig, zumindest sehen das die Heilbronner Schiedsrichter so. Ein eher allgemein gehaltener Instagram-Post für mehr Respekt gegenüber Schiedsrichtern, das war es auch schon. "Das hat viele Schiedsrichter-Kollegen enttäuscht", schildert Gegner die Gefühlslage vor Ort und denkt, dass die gestartete Aktion von den Verbandsoberen allenfalls "geduldet" werde. Rein faktisch seien in so einem Verband eben mehr Mitglieder als Spieler beziehungsweise Betreuer als als Schiedsrichter aktiv.

Das muss im Wiederholungsfall von einem Punktabzug bis zu einer Herausnahme aus dem Spielbetrieb gehen.

Schiedsrichter-Obmann Marco Gegner über mögliche Strafen für auffällige Vereine

Auch wenn die Heilbronner Schiedsrichter mit ihrer Aktion das Thema Gewalt in den Blickpunkt gerückt haben, gibt sich niemand der Illusion hin, dass dieses gefühlt immer größer werdende Problem in absehbarer Zeit vom Tisch sein werde. Gegner wünscht sich daher, dass die Sportgerichte mit harten Urteilen Signale setzen. "Das muss im Wiederholungsfall von einem Punktabzug bis zu einer Herausnahme aus dem Spielbetrieb gehen". Zusätzlich müsse jeder Verein seine Spieler sensibilisieren, dass Gewalt und Diskriminierungen auf dem Sportplatz zu ernsten Konsequenzen führen.

Behr hat da noch eine andere Idee, die ihm bei seiner zweiten sportlichen Liebe, dem Handball, in den Sinn gekommen ist. "Wenn Schiedsrichter früh mit Gelben Karten um sich werfen, kommen sie leicht in die Bredouille. Wenn es beim zweiten Vergehen dann zwei Minuten Zeitstrafe statt gleich Gelb-Rot geben würde, würde das die ganze Situation deeskalieren." Gerade das aus dem Ruder gelaufene Pokalspiel gegen Bad Wimpfen eignet sich als Paradebeispiel, denn sein TGV spielte ab der 61. Minute nach Gelb-Rot zu zehnt und die letzten 20 Minuten der Verlängerung nach einer glattroten Karte sogar nur zu neunt. Auf dem Kunstrasenplatz an der Albert-Einstein-Straße kochte nach den Platzverweisen die Stimmung mehr und mehr hoch.

Den Ruf nach härteren Strafen teilt Behr grundsätzlich mit Gegner, doch während die Schiedsrichter auch die Vereine vermehrt in den Fokus nehmen wollen, sollen Sportgerichte nach Ansicht des Beilsteiner Abteilungsleiters die einzelnen Spieler oder Funktionäre für ihr Fehlverhalten drastischer als bisher bestrafen anstatt Kollektivstrafen auszusprechen.

Weitere Maßnahmen möglich

Weit über Heilbronns Grenzen hinaus wird immer mehr Beteiligten klar, dass jeder Gewaltausbruch eine ganze Sportart in Misskredit bringt. Denn egal ob bedrängt, geschubst oder unflätig beleidigt zu werden - der sowieso schon großen Herausforderung, auch zukünftig den Spielbetrieb mit ausreichend Schiedsrichtern aufrechterhalten zu können, sind solche Vorkommnisse nicht nur in Gegners Augen alles andere als zuträglich. "Wir üben hier ein Ehrenamt aus", erinnert Gegner, dessen Schiedsrichter-Gruppe sich weitere, wenngleich noch nicht näher spezifizierte Maßnahmen vorbehält, sollte es in Zukunft zu weiteren Übergriffen auf seine Kameraden kommen.

Vorfälle, die ein Vereinsfunktionär wie Behr natürlich auch nicht sehen will. "Keiner will Beleidigungen und Respektlosigkeiten." Daher hofft er, wenn sich in ein paar Wochen die Aufregung um die Aktion der Heilbronner Schiedsrichter etwas gelegt habe, dass es dann zu einem runden Tisch mit Vereinen, Bezirk und Schiedsrichtervertretern kommt. "So ein Dialog läge schon in unserem eigenen Interesse als Verein", so Behr. Denn schließlich schauen Jugendliche und deren Eltern genau hin, wie ein großer und lebendiger Sportverein wie der TGV Eintracht Beilstein mit dem sensiblen Thema Gewalt und Diskriminierungen umgeht.

Stefan Wölfel

Geld, Verband, Gewalterfahrung: Die Ergebnisse der Amateurfußball-Umfrage