Bundesliga

Interview: Thomas Müller über Vertragsverhandlungen und Teamgeist

Der Offensivspieler des FC Bayern lässt im Interview tief blicken

Müller: "Bodenständigkeit? Bei Vertragsverhandlungen sind ganz andere Dinge wichtig"

Thomas Müller geht "grundsätzlich mit einer positiven Einstellung" durchs Leben.

Thomas Müller geht "grundsätzlich mit einer positiven Einstellung" durchs Leben. imago images

Thomas Müller nimmt sich Zeit an diesem freien Tag. Angesichts von Corona und der Regeln findet das Interview telefonisch statt. Der Austausch wird dadurch nicht behindert. Der Weltmeister von 2014, seit über zwölf Jahren Profi, antwortet reflektiert und ausführlich. Lediglich bei der Frage nach einer weiteren Zukunft in der Nationalmannschaft blockt er ab: "Netter Versuch."

Herr Müller, haben Sie in der teils nicht so dominanten und selbstverständlichen Hinserie des FC Bayern jemals ernsthaft befürchtet, dass die neunte Meisterschaft hintereinander gefährdet sein könnte?

Grundsätzlich gehe ich mit einer positiven Einstellung durchs Leben. Deshalb habe ich mir diese Frage nie gestellt, auch wenn wir die Magie aus dem Sommer nicht ganz mit in die neue Saison nehmen konnten. Trotzdem waren wir immer mehr als wettbewerbsfähig.

Was hat sich in der neuen Saison verändert?

Die Leichtigkeit aus der Vorsaison ist ein wenig verflogen. Im November, Dezember 2020 hatten wir viele knappe Ergebnisse mit ungewöhnlich vielen Gegentoren. Und dass dann die Öffentlichkeit und die ganze Liga danach lechzen, dass dieser FC Bayern endlich vom Thron gestoßen wird, kann ich absolut nachvollziehen. Aber wir waren überwiegend Tabellenführer in der Hinserie, und aus dieser Position heraus hast du immer die besten Chancen, Meister zu werden. Wir waren auch in dieser Phase selbstbewusst, haben aber den Anspruch, nicht nur zu gewinnen, sondern spielerisch zu dominieren.

Sie sagten, als es unter Niko Kovac nicht recht lief, es fehle das Spielglück. Hat der FC Bayern 2020/21 bisher dieses Spielglück fast schon ausgereizt?

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Das Spielglück gehört immer dazu. Die Dortmunder zum Beispiel spielen in Mönchengladbach nach ihrem ersten Gegentor eine fulminante erste Hälfte und müssen eigentlich 3:1 führen, stattdessen kassieren sie ein saublödes Tor zum 2:2. Am Ende verliert der BVB 2:4, und es hätte sogar noch höher ausgehen können. Das zeigt einfach, dass es im Fußball in 90 Minuten so viele Situationen gibt, die ein Spiel entscheiden können, es aber nicht zwangsläufig tun. Letztlich ist aber das Ergebnis entscheidend. Im Fußball wird selten das Spiel in der Tiefe analysiert, sondern meistens das Ergebnis interpretiert.

Führt diese Wahrnehmung in der Öffentlichkeit dazu, dass die eigentlich Handelnden, in diesem Falle die Spieler, zu Behandelten werden, weil sie sich von diesen Bewertungen beeinflussen lassen?

Inwiefern es Spieler beeinflusst, weiß ich nicht. Top-Profis, die auf höchstem Niveau spielen, dürften sich davon nicht negativ beeinflussen lassen. Auch wenn viele Spieler sagen, sie würden nichts lesen, bekommen wir dann schlussendlich in der heutigen Zeit doch alles mit. Mich persönlich interessieren die Noten aber wenig. Die Bewertung einer Spielerleistung sollte mit dem Trainer abgeklärt werden, mit sich selbst und mit Vertrauenspersonen, die nichts schönreden und nur dein Bestes wollen. Alles andere gehört einfach zum Geschäft.

Warum nimmt die aktuelle Bundesliga-Saison wieder diese Entwicklung pro FC Bayern?

Nach dem Pokal-Aus in Kiel zeigten wir uns verbessert. Gegen Freiburg und Augsburg haben wir vor der Pause super gespielt, hätten aber am Ende auch ohne Sieg dastehen können. Dann hätte keinen mehr interessiert, dass wir zum Beispiel den FCA 45 Minuten lang komplett eingeschnürt hatten. Vom Ausrutscher der bisher sehr stabilen Leipziger in Mainz haben wir natürlich profitiert. Ich sehe uns jetzt in einer sehr guten Position.

Ist es dieser totale Wille, der diese Bayern-Mannschaft insbesondere und vor allen anderen Bundesligisten auszeichnet?

Dieser Siegeswille ist sicherlich eine unserer Stärken. Es gehört aber deutlich mehr dazu, um in der Bundesliga dauerhaft an der Spitze zu sein.

Welche Qualitäten der Spieler sind dafür nötig?

Das Fußballspiel ist sehr komplex. Du kannst Spieler von ihrer Technik und Physis her bewerten. Es gibt aber auch weiche Kriterien: Spielverständnis, Gespür für Situationen und da die Risikoeinschätzung; Entscheidungsfindung, Entscheidungsgeschwindigkeit. Wir haben schon sehr viele Spieler, die das komplette Paket aus Technik, Physis und Erfahrung mitbringen. Dazu haben wir mit Manuel Neuer den besten Torhüter und in Robert Lewandowski den Stürmer, der im Schnitt in jedem Spiel ein Tor schießt, also vorne und hinten absolute Weltklasse. Die Mittelachse ist sehr gut, dazu kommen hungrige und talentierte Spieler mit dem gewissen Etwas, wie Kingsley Coman, Serge Gnabry und Leroy Sané auf den Flügeln. Unser Gerüst ist ziemlich stabil. Viele unserer Spieler sind nicht umsonst schon so lange beim FC Bayern.

Wie meinen Sie das?

Spieler wie zum Beispiel Kimmich, Lewandowski, Neuer, um nur einige zu nennen, gehen nach Hause und denken nicht nur darüber nach, wie sie im nächsten Spiel ihre eigene Leistung verbessern können, sondern überlegen auch, was gemacht werden muss, um die Team-Performance zu optimieren.

Sie sind im 13. Jahr dabei. Was treibt Sie persönlich noch an?

Es macht einfach Spaß, sich täglich mit den Besten zu messen. Sowohl intern als auch in den verschiedenen Wettbewerben.

Ist dieser Antrieb angeboren? Oder kann man den erlernen?

Man muss es ein Stück weit in sich haben, sich aber auch durchaus als junger Spieler von anderen inspirieren lassen. Typen wie Arjen Robben oder Franck Ribery zum Beispiel waren verrückt nach Erfolg. Diese Eigenschaft entscheidet oftmals auf dem allerhöchsten Niveau.

Ich war schon in meinem ganzen Leben hungrig auf Erfolg.

Thomas Müller

Und von diesen Spielern haben Sie gelernt?

Ich war schon in meinem ganzen Leben hungrig auf Erfolg. Spiele und Titel zu gewinnen fühlt sich einfach gut an. Um es immer wieder aufs Neue zu erleben, bin ich bereit, täglich hart dafür zu arbeiten. Aber man darf nicht vergessen: Man kommt im Fußball nicht allein zurecht, man braucht das gesamte Team. Und wir sollten es auch nicht übertreiben, dass nur beim FC Bayern Gewinnertypen herumlaufen und woanders nicht. Das ist viel zu plump.

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Wie motivieren Sie sich selbst?

Es geht immer um An- und Abspannen. Grundsätzlich macht es den Reiz aus, sich auf diesem Topniveau zu messen. Es ist eine besondere Herausforderung, man steht ständig unter Beobachtung, vor allem beim FC Bayern, da ist immer die Lupe drauf. Jeder einzelne Spieler muss da sich und der Außenwelt zeigen, dass er dieses Niveau gehen kann. Darin besteht der Antrieb: Man will das Gefühl haben, dass man zu den Besten gehört und besser ist als alle, die an diesem Wettbewerb teilgenommen haben. Es geht einem nicht um diese Schale, um diesen Pokal. Dieses Metallstück ist einem völlig egal. Denn kaum ist es gewonnen, geht es schon wieder darum, wer es im kommenden Jahr gewinnt.

Ist das Leben eines Fußballprofis also doch nicht so süß?

Doch, absolut. Oder hat man den Eindruck, als würde ich es nicht genießen? Profisport und Top- Wettkampf sind nicht immer angenehm. Wenn man in diesem Geschäft erfolgreich sein will, muss man süchtig nach dieser besonderen Challenge sein.

Und wenn es hieße, ich als "Radio Müller" sei der "Organisator" und hätte einen Spielradius von zwei Metern und am wenigsten Kilometer auf der Uhr, würde ich die Glaubwürdigkeit verlieren. Dann ist der Ofen aus.

Thomas Müller

Muss ein Führungsspieler und stellvertretender Kapitän, der Sie sind, für die Kollegen, gerade die jüngeren, umso mehr ein Vorbild sein, wenn es um Professionalität geht?

Absolut, man wächst in diese Rolle hinein. Am Anfang war ich nur ein junger Spieler, da war Mark van Bommel die Führungsfigur. Dann kam die Ära Lahm-Schweinsteiger, da musstest du nur deinen Job auf deiner Position erledigen und hast dich nicht so um das große Ganze gekümmert. Da hast du nicht überlegt, ob es besser für das Team wäre, wenn sich Schweinsteiger zwei Meter weiter links anbieten würde. Die Übernahme von mehr Verantwortung entwickelte sich sukzessive. Seit Hansi Flick übernommen hat, ist meine Rolle in der Mannschaft klar definiert. Dazu gehört auch, es bewusst vorzuleben, dass es bei allen Talenten, die unser Kader hat, nur über den Einsatz eines jeden Einzelnen geht. Das ist sicherlich eine meiner Stärken, dass ich meine Mitspieler mitreißen und animieren kann. Und wenn es hieße, ich als "Radio Müller" sei der "Organisator" und hätte einen Spielradius von zwei Metern und am wenigsten Kilometer auf der Uhr, würde ich die Glaubwürdigkeit verlieren. Dann ist der Ofen aus.

Oliver Kahn, ein Profi, der nach außen immer als sehr robust erschien, trug große psychische Kämpfe mit sich aus. Plagen auch Sie manchmal Selbstzweifel?

Ich war schon immer mit einem gesunden Selbstvertrauen gesegnet und hatte schon immer den Drang zu gewinnen. Selbst beim "Mensch ärgere dich nicht!" gegen meinen Bruder. Mit jedem Sieg merkst du - im Fußball oder wo auch immer - , dass du die Fähigkeit hast zu gewinnen, wenn du dich anstrengst. Du bekommst Vertrauen in die eigene Stärke. Hätte ich in meiner Jugend jedes Spiel verloren, trotz meines Engagements, hätte ich nicht so viel Selbstvertrauen aufgebaut. Je häufiger es klappt, wenn du alles reinwirfst, desto mehr steigert sich dein Selbstvertrauen. Und wenn du genügend Selbstvertrauen hast, kannst du viel selbstkritischer mit dir umgehen, um an deinen Schwächen zu arbeiten. Das heißt aber nicht, dass es keine Selbstzweifel gibt. Nach schlechten Spielen kommen auch heute noch die Gedanken: Kann ich noch mithalten? Wieso kriege ich es nicht hin? Hier hilft einem dann die jahrelange Erfahrung, es muss schließlich am nächsten Tag wieder vorwärts gehen. Gerade als Offensivspieler ist diese Einstellung unabdingbar. Es geht immer um die jeweils nächste Aktion, mit der man das Spiel eventuell entscheiden kann.

Spüren Sie, dass Ihr Spiel heute viel reifer wirkt?

Mein Spiel fühlt sich aktuell gut an. Es ist weniger fehleranfällig als noch vor zehn Jahren. Technisch bin ich heute versierter und in jedem Fall ein kompletterer Fußballer als damals. Das sollte aber auch die logische Folge sein, wenn du zwölf Jahre beim FC Bayern mit den Besten trainierst.

Ist der Fußball für Sie nach einem Dutzend Jahren Dauerstress noch immer Spaß oder harter Beruf?

Beides. (lacht) Aber wenn du dauernd mit englischen Wochen und hoher Belastung unterwegs bist, denkst du dir abends im Hotel schon mal: Jetzt reicht's, lange mache ich das nicht mehr mit. Aber es gibt eben nichts Schöneres als den Fußball, diesen Adrenalinkick, diese Sucht nach Siegen. Vor allem die vergangenen 13 Monate waren phänomenal, gerade die Zeit beim Champions- League-Turnier in Portugal im vorigen August.

Auf dem Spielfeld pflege ich die Art, wie ich sonst durchs Leben gehe: Man tauscht sich mit einem Gegenspieler oder Schiedsrichter aus, mal hitzig, mal lustig.

Thomas Müller

Sie sind leistungsorientiert und auf dem Platz gerne mit einem Lächeln unterwegs. Ihre Analysen nach den Spielen hören sich reflektiert an - bis hin zur grammatikalischen Selbstkorrektur. Ist der Fußball für Sie noch immer mehr das eigentliche Spiel, der Sport? Oder Entertainment?

Ein bisschen Show und Entertainment gehören sicherlich dazu. Für uns Spieler auf dem Platz geht es aber einzig um das Spiel. Auf dem Spielfeld pflege ich die Art, wie ich sonst durchs Leben gehe: Man tauscht sich mit einem Gegenspieler oder Schiedsrichter aus, mal hitzig, mal lustig. Man lebt diese Situationen sehr intensiv.

Sie sind einer der selten gewordenen Profis, die authentisch rüberkommen. Müssen Sie manchmal Thomas Müller spielen oder gar schauspielern, weil Sie wissen, dass von Ihnen ein gewisser Witz und eine gewisse Originalität erwartet werden?

Ich verstelle mich nicht. Und wenn Sie auf das Interview nach dem Pokal-Aus in Kiel anspielen...

... als Sie gegenüber einer TV-Reporterin, die nach dem Spiel nach der Stimmung in der Kabine fragte und dabei lachte, verständlich gereizt reagierten ...

... im Fußball kann nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen herrschen. Das gehört einfach auch mal dazu.

Thomas Müller auf dem kicker-Titel vom Montag

Thomas Müller auf dem kicker-Titel vom Montag kicker

Gehören Social Media, wo Sie sich beispielsweise jüngst mit Ihren drei Pferden unterhielten, zur Eigenvermarktung dazu?

In erster Linie geht es um die Interaktion zwischen den Fans und den Spielern. Und - um inhaltlich tiefer zu gehen - als Spieler habe ich damit leichter Zugang, eigene Ideen und Werte rüberzubringen, die mir wichtig sind. Wir Spieler haben unseren Spaß daran, auch persönliche Inhalte mit unseren Fans zu teilen, und können dadurch inspirieren oder für gute Laune sorgen.

Sind Fußballer, vor allem die Stars, heute eine eigene Marke?

Ich denke schon, das ist natürlich auch bei mir so.

Wofür soll die Marke Müller stehen?

Ich versuche zu transportieren, was mich als Mensch ausmacht. Sie wird von mir und meinen Aktionen und Themen geformt. Es geht um Eigenschaften wie Authentizität und Leidenschaft, für Dinge zu brennen, die einem wichtig sind. Ohne dabei die Leichtigkeit des Lebens zu vernachlässigen. Die Freude und der Spaß dürfen nicht zu kurz kommen. Themen wie meine sozialen Projekte, gesunde Ernährung oder mein Engagement zur Leseförderung beziehungsweise witzige Online-Formate wie die ThoMats-Challenge sind Möglichkeiten, meine Popularität sinnvoll einzusetzen. Die Marke wird stark geprägt von dem, was man selbst ist, sonst kauft es dir keiner ab.

Dass ich meine komplette bisherige Karriere beim FC Bayern verbrachte, das hat für mich nichts mit Bodenständigkeit zu tun.

Thomas Müller

Ist für Sie in Zeiten der Globalisierung Bodenständigkeit ein besonderer Wert, das gelebte Bekenntnis zur Heimat?

Wenn die Frage darauf abzielt, dass ich meine komplette bisherige Karriere beim FC Bayern verbrachte, hat das für mich nichts mit Bodenständigkeit zu tun. Bei Vertragsverhandlungen sind ganz andere Dinge wichtig. Sowohl für den Klub als auch für den Spieler spielen einzig die Perspektive auf gemeinsamen Erfolg und wirtschaftliche Aspekte eine Rolle. Aber natürlich passt das mit mir, einem Kind aus der Region, und dem FC Bayern gut zusammen, keine Frage.

Spieler und Verein bilden also eine Zweckgemeinschaft für den größtmöglichen Erfolg? Wo bleibt da die Identifikation?

Wie in der vorherigen Frage beschrieben, sind das für mich zwei Paar Stiefel. Das eine beschreibt das Arbeitsverhältnis. Zur Identifikation gehört für mich, mit welcher inneren Einstellung ich das Ganze mit Leben fülle. Wie sehr stehe ich zu meinem Verein? Wie sehr bringe ich mich ein? Versuche ich auch die Interessen des Klubs zu verstehen oder mache ich Dienst nach Vorschrift?

Ihr Vertrag gilt bis 2023. Wissen Sie, wie lange Sie spielen wollen?

Das lasse ich völlig offen. Aktuell macht es richtig Spaß und ich bin fit wie ein Turnschuh. (lacht)

FCB-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sieht Sie in ferner Zukunft in anderer Funktion im Verein. Coach Flick meint, Sie würden ein guter Trainer werden, und bezweifelt, dass Sie es am Schreibtisch aushalten. Wie sind da Ihre Gedanken?

Ich habe als Profi in den letzten 13 Jahren sicherlich mehr vom Trainerjob mitbekommen als von der Arbeit am Schreibtisch. Aber ich habe noch keine Idee davon, wie ich meine Zukunft gestalten will - wie nah oder fern ich dem Fußball sein möchte. Da ist alles offen.

Interview: Karlheinz Wild