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Mourinho: Nur noch ein Schatten der Vergangenheit

Kommentierende Analyse zum Aus bei Tottenham

Mourinho: Nur noch ein Schatten der Vergangenheit

Wieder mal gescheitert: José Mourinho.

Wieder mal gescheitert: José Mourinho. imago images

Wenige Tage vor dem Ligapokalfinale gegen ein durchaus aktuell etwas angeschlagenes und damit eben bezwingbares Manchester City entlässt Tottenham Hotspur seinen Coach José Mourinho. Jenen Trainer also, der mehr Endspiele in seiner Karriere gewonnen als verloren hat.

Er hat viel verloren - nicht nur Spiele

Doch ansonsten hat er eben fast alles Spezielle verloren. Seine Aura der "Unbesiegbarkeit", seinen besonderen Umgang mit Spielern. The "Special One", das war schon vor seiner Zeit bei Manchester United ein Begriff, ein Schatten seiner durchaus glorreichen Vergangenheit, und auch dort erwarb er ihn nicht mehr zurück.

Als die Spurs ihn im November 2019 als Nachfolger Mauricio Pochettinos verpflichteten, urteilte der kicker, dass es möglicherweise eine kurzfristige Heilung, ein Pflaster sein werde, aber keine tiefergehende sportliche Heilung. So kam es. Denn anders als Pep Guardiola, Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder hierzulande Hansi Flick, steht Mourinho immer noch für Defensivfußball. An guten Tagen gewinnt man mit entsprechendem taktischen Geschick auch Spiele (wie gegen ManCity), wenn man klar unterlegen ist. Doch insgesamt ist dieser Pragmatismus überholt und nicht zielführend, wenn es darum geht, einem Verein einen Stempel aufzudrücken, eine Identität zu verleihen.

Und selbst der Nimbus, dass Mourinhos Mannschaften wenn auch nicht schön anzusehen, so doch immerhin schwer zu besiegen sind, verflüchtigte sich. Erstmals in seiner Karriere als Coach hat er schon jetzt zehn Ligaspiele in einer Saison verloren, zudem verbuchte er mit 1,77 Punkten den schlechtesten Punkteschnitt auf all seinen Stationen.

Mourinho ist kein Besser-Macher

Mourinho kann mit Stars, sollten sie denn auf seiner Wellenlänge liegen, arbeiten, alles aus ihnen herausholen. Aber Spieler wirklich entwickeln, besser machen, das ist nicht seine Stärke.

Was schade ist, denn gerade mit dem Offensivpotenzial der Spurs hätte man mehr erreichen können. Doch vorne nur zwei Leute, Harry Kane und Heung-Min Son, den Laden schmeißen zu lassen und hinten zu mauern und das nicht mal erfolgreich - dafür braucht man nicht einen der bestbezahlten Trainer der Welt.

Auch im Norden Londons wiederholte sich das alte Muster: Bei ausbleibendem Erfolg distanziert sich der Portugiese von seinen Profis. Als er neulich auf das Phänomen angesprochen wurde, wie oft seine Mannschaft Punkte nach Führungen verspiele, obwohl das doch früher nicht der Fall gewesen sei, sagte er: "Der Trainer ist immer noch derselbe." Also: Alle tragen die Schuld, nur er nicht.

Die Spurs-Bosse wollten nicht mehr warten

Tottenham schraubt scheinbar an der ganz großen Dauerlösung, wenn nun Ryan Mason und Chris Powell interimsweise das Zepter übergeben wird. Ob die beiden City schlagen und in der Liga noch Platz 4 sichern? Beides möglich, aber nicht wahrscheinlich. Aber dass der Klub diesen Schritt, dieses Risiko geht, ohne sofort einen namhaften Nachfolger Mourinhos zu präsentieren, verdeutlicht, wie dringlich den Bossen dieser Schritt nun erschien. Offenbar setzt man auf einen Befreiungsschlag im Sinne des Wortes bei der Mannschaft.

Mourinho hat sich insofern doch verändert, als dass er nicht mehr mit allen und jedem Streit suchte. Nicht im eigenen Klub, nicht auf der gegnerischen Trainerbank, nicht bei den Schiedsrichtern. Wortgefechte wie neulich mit Ole Gunnar Solskjaer gibt es noch, sind aber eher harmlos und kein Alltag mehr.

Und Bayerns baldige Trainersuche? Von Mourinho abraten

Der FC Bayern sucht wohl bald einen neuen Coach, die Versuchung ist groß, ihn nun mit Mourinho in Verbindung zu bringen. Das passt doch zeitlich nun wunderbar. Zeitlich vielleicht, ansonsten aber nicht. Mourinhos Zeit ist zwar nicht vorbei, er wird wieder bei einem ambitionierten Klub aufschlagen. Aber wer es mit den Münchnern gut meint, sollte den Verantwortlichen aus all den genannten Gründen raten, die Idee Mourinho zu verwerfen, bevor sie Gestalt angenommen hat und man sich von einer Vergangenheit blenden lässt, die auf höchster Ebene nicht zukunftsfähig zu sein scheint.

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