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Moers: Am Rande des Potts - doch eben nicht mittendrin

Großstädte ohne Profifußball: Moers

Moers: Am Rande des Potts - doch eben nicht mittendrin

Inzwischen ist das Rheinpreußen-Stadion in Moers abgerissen, doch ein neuer Sportpark soll die Zukunft des ehemaligen Drittligisten sichern.

Inzwischen ist das Rheinpreußen-Stadion in Moers abgerissen, doch ein neuer Sportpark soll die Zukunft des ehemaligen Drittligisten sichern. Bastian Hohmann

Warum ist Moers eine dieser Großstädte, in der derzeit kein Team über Ligastufe 6 hinauskommt? Die geografische Lage am westlichen Rand des Ruhrgebiets lädt förmlich zur Interpretation ein: Der Konkurrenzdruck ist brutal, für eigene Talente ist der Weg über den Rhein in die großen Nachwuchsleistungszentren vorgezeichnet; andererseits ist man eben nicht so mitten drin, um von denen zu profitieren, die den Sprung nach ganz oben nicht schaffen.

An diesem Erklärungsansatz sei schon etwas dran, sagt einer, der sich auskennt. Patrick Paul ist Fußballabteilungsleiter und Geschäftsführer des MSV, einem der elf Vereine für die rund 104.000 Einwohner der Stadt. Doch es seien nicht nur die rechtsrheinischen Großvereine, sagt er und erinnert an den Duisburger Regionalligisten VfB Homberg, der gleich hinter der Moerser Stadtgrenze und noch auf dieser Seite des Rheins die Talente lockt. Zu viel Konkurrenz also aktuell für Moers. Und um in der Stadt selbst Ambitionen zu entwickeln, müsse man in einem ersten Schritt unbedingt die Kräfte bündeln, mit "Fusionen, Spielgemeinschaften, oder was auch immer", sagt Paul. Gedankenspiele dazu gäbe es von Einzelnen zwar, das Problem damit aber sei das übliche: "Der eine Verein meint, der andere nimmt ihm etwas weg. Also kocht jeder weiter sein eigenes Süppchen."

Der Grafschafter Spielverein Moers, aktuell Bezirksligist, spielte in den Zehnerjahren mal in der Verbandsliga, mit dem SV Scherpenberg kickt der aktuell erfolgreichste Klub der Stadt in der sechstklassigen Landesliga. Höher hinaus wird es für das aktuelle Aushängeschild wohl nicht gehen, glaubt Paul, "da ist nicht so recht Konstanz drin". Zudem: "Scherpenberg spielt ja noch auf Asche", das sei nicht gerade ein gutes Argument im Wettbewerb um Spieler, zumal derzeit um eine andere Generation gebuhlt werden müsse: "Wir kannten damals ja nur Asche. Die Spieler heute kennen nur noch Adduktorenprobleme und Schürfwunden."

Erst Höhenflug, dann Niedergang

Paul selbst ist zwar durch und durch Ruhrpottler, als solche sehen sich die Einwohner von Moers mehrheitlich aber nicht - eher als Niederrheiner. Doch wenn es einen Verein in der Stadt gibt, der am deutlichsten den Bezug zum Ruhrgebiet herstellt, ist es Pauls MSV: In der alten Zechenkolonie Meerbeck beheimatet, sorgte der Verein in den 70ern für die goldene Zeit des Fußballs in der Stadt. Auch dank finanzieller Unterstützung einiger Großsponsoren spielte der MSV in der höchsten Amateurklasse, verpasste den Sprung in Liga 2 nur knapp.

Doch dann spielte sich ein Niedergangs-Schauspiel ab, das symptomatisch ist für so viele ehemals erfolgreiche Vereine: Wegen ausstehender Forderungen verabschiedete sich 1980 eine ganze Oberliga-Mannschaft, 1988 wiederholte sich die Geschichte, damals verschwand ein ganzes Landesliga-Team. 2004 dann wurde eine nächste Landesliga-Mannschaft aus Kostengründen vom Spielbetrieb zurückgezogen. "Das war letztlich ein klassisches Ding bei uns", sagt Paul, "Sponsoren, die irgendwann nicht mehr konnten oder nicht mehr wollten". Andere Vereine wurden groß, konnten Kunstrasenplätze aufbieten, man selbst hatte zwar eine erfolgreiche Vergangenheit und mit dem Rheinpreußen-Stadion eine schöne Spielstätte, sonst aber nicht viel mehr.

Das Rheinpreußen-Stadion ist Geschichte

Das letzte Relikt aus der großen Zeit ist seit ein paar Monaten Geschichte. Das Stadion wurde abgerissen, noch nicht mal richtig verabschieden konnte sich der MSV: Zwei Abschiedsspiele wurden angesetzt, zwei Lockdowns wussten sie zu verhindern. Erst kürzlich, 2020, setzte sich zudem eine unschöne Tradition fort: Nach dem Saisonabbruch sagte eine ganze Bezirksliga-Mannschaft Adieu. Das hatte zwar nun nichts mehr mit Geld zu tun, sondern mit Corona-Wirren, Kommunikationsproblemen und einem scheidenden Trainer, erklärt Paul, dennoch scheint ein Tiefpunkt erreicht. Der Verein hat keine Jugendmannschaft mehr und nur noch eine Seniorenmannschaft in der achtklassigen Kreisliga A im Spielbetrieb.

Sorgen will sich Paul dennoch nicht machen. Das liegt daran, dass er ein zupackender Mensch ist - und vor allem am neuen Sportpark, der bis 2022 an gleicher Stelle entstehen soll, eine offene Anlage mit zwei großen und einem kleinen Kunstrasenplatz, äußerst wichtig für die rund 9000 Einwohner der ehemaligen Bergarbeiter-Siedlung Meerbeck. Zudem sei der Nachwuchs derzeit bei einem anderen Verein nur zwischengeparkt, "durch den Umbau haben wir einfach keine Möglichkeit, die Jungs spielen zu lassen." Das Thema Zusammenarbeit will er auch nicht ruhen lassen, auch wenn es den MSV dann in dieser Form nicht mehr geben sollte: "Uns ist das egal, wie das dann am Ende heißt, wir sind für alles offen", sagt er. Pragmatisch wie er ist, weiß er: "Nur so kannst du in diesen Zeiten etwas bewegen." Für eine vielleicht wieder goldenere Fußball-Zukunft in der Stadt.

Jan Mauer

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