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Wie Carlos Alcaraz die Tenniswelt ent- und verzaubert

2022 sammelte nur Nadal mehr Punkte

Mit Cheatcode: Wie Carlos Alcaraz die Tenniswelt ent- und verzaubert

Gerade so alt genug für Champagnerduschen: Carlos Alcaraz beim Finale von Madrid.

Gerade so alt genug für Champagnerduschen: Carlos Alcaraz beim Finale von Madrid. Getty Images

Carlitos bitte, oder Charlie, das gehe auch. Aber Carlos? So möchte er nicht genannt werden. "Das klingt so ernst", sagt Carlos Alcaraz. "So als hätte ich etwas falsch gemacht."

Erwachsen fühlt er sich kurz nach seinem 19. Geburtstag noch lange nicht. Schließlich kann man ja auch als Jugendlicher der beste Tennisspieler der Welt sein. Genau so bezeichnen ihn die Konkurrenten, und die müssen es ja wissen. Für Novak Djokovic ist es "gar keine Frage", und Alexander Zverev wiederholte es am vergangenen Wochenende mehrmals.

"Auch wenn du erst fünf Jahre alt bist", übertrieb Zverev, nachdem er im Finale von Madrid chancenlos gewesen war, "schlägst du uns alle". Das wiederum war nicht übertrieben. Es sei toll für den Sport, einen neuen Superstar zu haben.

In Madrid glückte ihm sein bisher magischster Trick

Alcaraz lächelte stolz, applaudierte und retournierte die Komplimente artig: Der Deutsche werde zur Nummer eins der Welt aufsteigen und viele Grand Slams gewinnen. Zverev lachte so ungläubig, dass man meinen konnte, seine Gedanken zu lesen: "Nicht, wenn du mitspielst", dachte er sich vielleicht. Der Spanier beeilte sich hinzuzufügen: "Nein, das meine ich nicht als Spaß."

Carlos Alcaraz hat die Konkurrenz entzaubert. Gleichzeitig scheint es, als hätte er die versammelte Schar verzaubert: Tennisfans, Experten und jene, die sich zu solchen zählen. Sie alle sind vernarrt in das neue Wunderkind.

Beim Masters in Madrid glückte ihm sein bisher magischster Trick: von den besten fünf der Weltrangliste drei hintereinander zu besiegen. Gegen Rafael Nadal (6:2, 1:6, 6:3)  stoppte ihn selbst eine Verletzung nicht, das Halbfinale gegen Djokovic (6:7, 7:5, 7:6) balancierte dreieinhalb Stunden lang auf des Messers Schneide.

Und im Finale wurde Zverev derart vorgeführt, dass sich selbst das heimische Publikum etwas mehr Spannung erhofft hatte. "Selbst wenn ich frisch und ausgeruht gewesen wäre, hätte ich ihn wahrscheinlich nicht besiegt", sagte hinterher der Unterlegene, der normalerweise nicht unter Verdacht steht, ein besonders guter Verlierer zu sein.

Das Außergewöhnliche: Die Konkurrenz gönnt es ihm

"Er spielt hungrig. So als hätte er nichts zu verlieren", sagt Stefanos Tsitsipas, noch ein Top-fünf-Spieler. "Ich glaube, er ist nicht aufzuhalten", sagt Nadal. "Er hat alle Zutaten, die es braucht. Leidenschaft, Bescheidenheit - er ist ein guter Typ." Das ist das eigentlich Außergewöhnliche: Obwohl fast alle von ihm überholt wurden, scheint jeder auf der von Egoisten übersäten Tour Alcaraz dessen Erfolg zu gönnen. Als das Jahr 2021 begann, notierte die ATP den Spanier auf Platz 141. In diesem Jahr nun hat nur Nadal mehr Punkte gesammelt als sein Landsmann.

Zu 31 Einzeln ist Alcaraz seit Jahresbeginn angetreten, 28 Mal mussten ihm seine Gegner gratulieren. Eine unfassbare Quote. Was das Können am Netz angeht, die Volleys und das Defensivspiel, bietet der Spanier mit das Höchste, das der Tennissport im Moment zu bieten hat. Dazu kommt: Alcaraz ist immens schnell. Tsitsipas wiederum fand nach seinem Matchgewinn bei den US Open, er habe niemals zuvor jemanden gesehen, der den Ball so hart schlage wie Alcaraz.

Auch vom Shootingstar des anderen Geschlechts kommt nur Lob: "Er bewegt sich wirklich anmutig, ja elegant", sagt die auch erst 19 Jahre alte US-Open-Siegerin Emma Raducanu. "Wenn man ihm zuschaut, sieht es aus, als ob er durch die Luft fliegen würde."

Der 10 Jahre alte Carlos Alcaraz

Früh übt sich: Der 10 Jahre alte Alcaraz im Jahr 2014 bei den "Open Super 12" im französischen Auray. imago/PanoramiC

Vergleiche mit Nadal? Alcaraz denkt eher an Federer

In Murcia im Südosten Spaniens geboren, trainierte er früh und viel. Auch sein Vater hatte seinerzeit das Ziel, Tennis-Profi zu werden, verfolgt, doch es hatte nicht gereicht. Alcaraz junior erfüllt heute nicht nur seine eigenen Träume. Es sind auch die von Alcaraz senior. Seit er 15 Jahre alt ist, hat Carlos den ehemaligen Weltranglistenersten Juan Carlos Ferrero als Coach an seiner Seite, der Geduld mitbringt und seinen Schützling öffentlich zu loben pflegt: "Egal, auf welchem Belag er spielt, sein Niveau ist immer da", sagte Ferrero vor einem halben Jahr in einem ATP-Interview. "Das hat mich am Anfang beeindruckt. Und das tut es auch jetzt noch."

Ferrero gewann in seiner Karriere genau ein Grand-Slam-Turnier: die French Open 2003. Genau dort, in Paris, geht sein Schützling am kommenden Montag erst zum zweiten Mal an den Start. 2021 schaffte er es beim Debüt in die 3. Runde, diesmal gilt er angesichts der aktuellen Form für manche als der Top-Favorit - noch vor dem 13-maligen Sieger Nadal.

Sand gilt als potenziell stärkster Untergrund für Alcaraz, also drängt sich die Frage auf: Wird er eine ähnliche Karriere wie sein berühmter Landsmann hinlegen? Solche Vergleiche über Generationen hinweg helfen niemandem, und gerade die mit Nadal will Alcaraz nicht hören. Nicht nur des Drucks wegen: "Mein Stil ist mehr oder weniger der von Roger Federer", betonte der damals 16-Jährige schon Anfang 2020, "aggressiv ans Netz kommen und viele Stopps spielen".

Die Stoppbälle, ja. Im ersten Satz des Madrider Finals gegen Zverev führten sechs von sechs Vorhand-Stopps zu einem Punkt für Alcaraz. Der einseitige Teil des Matches kam wohlgemerkt erst danach.

Kopf, Herz, Eier

Alcaraz bringt den Mut mit, den mancher Beobachter in den großen Momenten bei Zverev vermisst, bei Tsitsipas und auch bei Daniil Medvedev. Von Alcaraz sieht man dieser Tage und Wochen zwei Posen immer wieder: den angewinkelten Oberarm mit gespanntem Bizeps, dazu ein grimmig entschlossener Blick. Manchmal hält er seinen Zeigefinger an die Schläfe und signalisiert: alles Kopfsache.

Sein Großvater, das erzählt der Spanier gern, habe ihm immer gesagt: Cabeza, corazón, cojones - Kopf, Herz, Eier -, darauf komme es an. Egal bei welchem Spielstand: Einen krachenden Topspin auf die Linie kann man ja immer versuchen. Und dieser ansatzlose Vorhand-Stopp funktioniert sowieso immer.

Im ersten Satz des Halbfinals gegen Djokovic sah sich Alcaraz zwei Satzbällen gegen sich ausgesetzt. 4:6 stand es im Tie-Break, die maximale Drucksituation, als er - diesmal mit der Rückhand - einen höchst anspruchsvollen Stopp aus dem Hut zauberte und den Ball longline direkt hinter das Netz platzierte. Da spielten corazón und cojones die größere Rolle.

Die Gegner warteten auf Nervenflattern - vergebens

Wenig erbaulich für die Konkurrenz: Ausgerechnet seine größte Schwäche lässt sich durch Training beheben: Mehr Aufschlagvariationen könnte Alcaraz gebrauchen, mehr direkte Servicepunkte, mehr Asse. Spielintelligenz, Mut, das, was schon reichlich vorhanden ist, kann man dagegen schwierig trainieren.

Anfangs verliefen seine Matches noch wie Achterbahnfahrten. Es kam vor, dass er einen Satz mit 0:6 verlor und das Spiel am Ende doch gewann. Als Alcaraz' Siegesserie im Spätherbst ihren Lauf nahm, warteten die Gegner darauf, dass sich Nerven und Unerfahrenheit irgendwann bemerkbar machten. Nur: Das passierte nicht. Alcaraz gewinnt auch die knappen Spiele. Die, die man als 19-Jähriger normalerweise verliert.

Wie ein ausgereiftes Computerprogramm trifft er auf dem Platz in schöner Regelmäßigkeit die richtigen Entscheidungen, spielt die passenden Schläge. Während die Generation von Zverev, Medvedev und Dominic Thiem sich um jeden noch so kleinen Schritt an die Weltspitze mühte, hat Alcaraz das viel zu früh geschafft. So als hätte er einfach drei Entwicklungsschritte überspringen dürfen. Als hätte jemand einen Cheatcode eingegeben, bevor er in der Tennis-Simulation auf Start drückt.

Zverev hat sich verschätzt

Zweifellos wird es nicht für immer so weitergehen. Auch Alcaraz wird Formtiefs durchlaufen, wie jeder andere vor ihm. Mit seiner extrem stabilen Physis und Psyche dürfte er die Unebenheiten einer Tenniskarriere aber abfedern können.

"Ich glaube, bis 2024 wird er in den Top 10 angekommen sein", hatte Alexander Zverev gesagt, nachdem er Alcaraz im März 2021 in Acapulco ganz klar besiegt hatte, 6:3 und 6:1. "Das war sicher nicht das letzte Mal, dass ich gegen ihn spiele."

Mit der letzten Aussage behielt der Deutsche bekanntlich recht. Mit der anderen verschätzte er sich etwas. Weil Alcaraz ihn in Madrid besiegte (genau: ausgerechnet 6:3 und 6:1), heißt der Sechste der Weltrangliste schon im Mai 2022: Carlos Alcaraz. Pardon, Carlitos.

Paul Bartmuß

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