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Micoud dirigiert, Ailton trifft: Schaaf führt Werder zum Double

Größter Erfolg der Bremer Vereinsgeschichte

Micoud dirigiert, Ailton trifft: Schaaf führt Werder zum Double

Die Meistermannschaft des SV Werder Bremen.

Die Meistermannschaft des SV Werder Bremen. im

Wer hätte damals am 30. Juli 2003 schon gedacht, dass die Mannen von Thomas Schaaf im Mai des folgenden Jahres die Meisterschaft und den Pokal gewinnen? An jenem Mittwoch hatten die Bremer in Österreich beim FC Superpfund Pasching das Halbfinale des UI-Cups krachend und peinlich mit 0:4 verloren. Nach dem 1:1 im Rückspiel war klar, der UEFA Cup würde in jener Saison 2003/04 ohne den SVW stattfinden. "Wenn mir am Anfang einer gesagt hätte, ihr werdet Fünfter und seid damit für den internationalen Wettbewerb qualifiziert, dann hätte ich sofort unterschrieben. Dann hätten wir die Saison gar nicht mehr spielen brauchen", sagte Werder-Manager Klaus Allofs Ende der Saison bei einem Rückblick.

Zum Glück, aus Sicht der Bremer, haben sie die Saison doch gespielt. Denn in der Liga lief es plötzlich rund, aus den ersten vier Spielen holte Werder zehn Punkte und fand sich gleich mal an der Tabellenspitze wieder. An Spieltag fünf gab es dann die erste Saisonniederlage, beim 1:2 in Dortmund sorgten Frank Baumann und Valerien Ismael für eines der kuriosesten Eigentore der Saison. Nach Siegen gegen die Löwen, in Köln und gegen Wolfsburg, bei denen Werder satte elf Tore schoss, folgte beim 1:3 gegen Stuttgart die zweite Saisonniederlage. Es sollte bis zum vorletzten Spieltag die letzte Pleite der Norddeutschen bleiben. Die Werderaner starteten eine unglaubliche Serie von 27 Pflichstpielen ohne Niederlage (20 Siege, sieben Remis).

Schaaf: "Es sah so leicht aus"

Die Bremer überzeugten in dieser Spielzeit mit unglaublich erfrischendem Offensivfußball, sorgten immer für Unterhaltung. Insgesamt erzielte der SVW in der Liga 79 Treffer, 28 davon gingen auf das Konto des späteren Torschützenkönigs Ailton. "Es sah so leicht aus, es war so eine Leichtigkeit in den Spielen", schwärmte Schaaf. "Wir haben in jedem Spiel mitgespielt, waren immer dabei, haben immer den Weg nach vorne gesucht und immer dafür gesorgt, dass es ein offenes Spiel wird. Wenn es dann erfolgreich ist, dann ist es perfekt."

Johan Micoud: Der geniale Dirigent

Johan Micoud (re.) war der geniale Kopf in Bremens Meisterteam.

Johan Micoud (re.) war der geniale Kopf in Bremens Meisterteam. imago images

Die Werderaner entwickelten auch eine Siegermentalität, oft wurden Spiele spät gewonnen. Wie beispielsweise im DFB-Pokalviertelfinale in Fürth, als das Kleeblatt mit 2:1 führte und Johan Micoud sowie Ivan Klasnic die Partie in der Nachspielzeit noch drehten. "Da waren wir eigentlich raus. Da hat uns die Liga geholfen, dass wir die Siegermentalität in der Liga immer wieder gehabt haben", so Schaaf. Offensiv war Bremen in diesem Jahr alles zuzutrauen - und das lag unter anderem an einem Mann: Micoud. Der geniale Franzose, in Bremen nur "Le Chef" genannt, streichelte den Ball wie kaum ein anderer. Seine Spielweise war elegant, virtuos, er hatte immer das Auge für den Mitspieler und ist mit Sicherheit einer der besten Spieler, die sich je die Werder-Raute übergestreift haben. "Für mich war Johan Micoud der Größte. Das war der beste Spieler, mit dem ich je gespielt habe. Ich habe beispielsweise auch mit Luka Modric oder Ivan Rakitic gespielt. Ich kann allerdings sagen, Johan Micoud hat Fußball zelebriert. Er wusste genau, wo ich stehe, wo Ailton steht. Er wusste genau, wie er uns anspielt. Er war wie ein Dirigent", lobte Klasnic seinen Mitspieler in einem Podcast Anfang Januar 2020. Micoud erzielte in der Saison 2003/04 insgesamt zehn Tore und legte acht weitere Treffer auf.

Werders "Papageien" mischen die Liga auf

Kahns Patzer, Micouds Heber, Ailtons Kunstschuss

Der Franzose hatte auch im letztlich entscheidenden Spiel um die Meisterschaft in München eine der Hauptrollen. Die Bayern hatten bei noch drei zu spielenden Begegnungen sechs Punkte weniger als Spitzenreiter Werder. In München musste also ein Sieg her, um noch realisitische Chancen auf den Titel zu haben. "Wir müssen Bremen jetzt wegfegen. Wir brauchen einen klaren Sieg gegen Werder Bremen", sagte Präsident Uli Hoeneß in seiner gewohnt selbstbewussten Art vor dem Duell. Die Bremer ließ das kalt, Tim Borowski entgegnete nur: "Lass die Bayern reden, wir machen unser Ding." Und so kam es auch: Nach einem großen Patzer von Oliver Kahn erzielte Klasnic das 1:0, Micoud ließ mit einem feinen Heber das 2:0 folgen und Ailtons Kunstschuss entschied das Aufeinandertreffer quasi schon nach 35 Minuten. Roy Makaays Tor nach dem Seitenwechsel war nur noch Ergebniskosmetik, durch ein 3:1 fuhr Werder den vierten Meistertitel in München ein. "Beim unmittelbaren Konkurrenten die langen Gesichter zu sehen, in dem Moment ist das ein sehr gutes Gefühl", frohlockte Allofs.

Bilder für die Ewigkeit

Ailton erzielte 28 Treffer und bekommt hier die Torjägerkanone überreicht.

Ailton erzielte 28 Treffer und bekommt hier die Torjägerkanone von kicker-Reporter Hans-Günther Klemm überreicht. imago images

Bei den Bremern brachen alle Dämme, "Kugelblitz" Ailton sank zu Boden, hatte Tränen in den Augen und zeigte mit den Händen gen Himmel. Später nahm ihn Schaaf in die Arme. Mit Sicherheit ein Moment für die Bremer Ewigkeit. Oder auch, wie der Meistertrainer nach Erreichen des Titels mutterseelenallein über den Rasen des Olympiastadions flanierte, gedankenverloren und einfach nur zufrieden. Das erinnerte natürlich an Franz Beckenbauer 1990 in Rom. Der "Kaiser" wurde nach dem WM-Titel als Spieler in Italien auch als Trainer Weltmeister, genoss diesen einzigen Moment für sich allein - wie Schaaf 2004. Aber natürlich feierte der Trainer anschließend mit seinem Team. Die beiden weiteren Bundesliga-Spiele gegen Leverkusen (2:6) und in Rostock (1:3) wurden zur Randnotiz, einzig erwähnenswert war, dass Ailton und Mladen Krstajic ihre letzten Tore für Bremen erzielten, beiden wechselten im Sommer 2004 nach Gelsenkirchen zum FC Schalke.

Pokalheld Borowski - erstes und einziges Double für Werder

Sportlich waren jene Bundesliga-Spiele auch deshalb bedeutungslos, weil sich Bremen nach der eingetüteten Meisterschaft voll auf das weitere große Highlight am Ende der Saison fokussierte: das Pokalfinale in Berlin gegen Alemannia Aachen. Spieler des Abends war Borowksi, der beim 3:2 der Bremer einen Doppelpack schnürte. Werder holte das erste und einzige Double seiner Geschichte und Schaaf stieg endgültig zur Vereinsikone auf.

Mirko Strässer