Spanien

Messis Abschied könnte auch ein positiver Fingerzeig sein

Kommentar

Messis Abschied könnte auch ein positiver Fingerzeig sein

Sein Abgang könnte für den spanischen Fußball auch gute Seiten haben, findet kicker-Reporter Jörg Wolfrum. 

Sein Abgang könnte für den spanischen Fußball auch gute Seiten haben, findet kicker-Reporter Jörg Wolfrum.  Icon Sport via Getty Images

Schluss, nach 21 Jahren. Der gemeinsame Weg zwischen Lionel Messi und dem FC Barcelona, einer der erfolgreichsten aller Zeiten in der Historie des Fußballs, endet an diesem 5. August 2021. Am 14. Dezember 2000 war einst im Tennisklub Pompeia oben auf Barcelonas Hausberg Montjuic per Absichtserklärung auf einer Serviette die Basis für diese außergewöhnliche Zusammenarbeit gelegt worden.

Im Kommuniqué des FC Barcelona vom Donnerstagabend heißt es: "Obwohl zwischen dem FC Barcelona und Lionel Messi eine Einigung erzielt wurde und beide Parteien die klare Absicht haben, heute einen neuen Vertrag zu unterzeichnen, kann dieser aufgrund wirtschaftlicher und struktureller Hindernisse (Bestimmungen der spanischen La Liga) nicht formalisiert werden."

Im weiteren Verlauf bedankt sich der Verein bei Messi "von ganzem Herzen" dafür, seinen Beitrag geleistet und die "Institution" groß gemacht zu haben. Man wünsche ihm alles Gute in seinem persönlichen und beruflichen Leben.

Schluss, aus, Ende.

Barça konnte sich Messi schon in den vergangenen Jahren nicht mehr leisten

Finanzielle Hindernisse also führten nun zum Ende dieser Erfolgsehe. Auf den Punkt gebracht: Barça kann sich den sechsmaligen Weltfußballer nicht (mehr) leisten. Die Wahrheit ist aber auch, Barça konnte sich den Wunderfußballer schon in den vergangenen Jahren nicht mehr leisten.

Laut ligainternem Financial Fair Play dürfen Klub bis zu 70 Prozent der Einnahmen für Spielergehälter ausgeben. Bei Barça lag dieser Wert zum Saisonende 2020/21 bei 110 Prozent, wie der Klub erklärt hatte.

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Das stellt sich einerseits die Frage: Warum wollte Messi nicht für weniger Gehalt spielen als die kolportierten 50 Millionen Euro, die ihm Barça zuletzt geboten haben soll? Zuletzt, bis zum Auslaufen seines Vertrages Ende Juni, hatte er noch 100 Millionen Euro jährlich verdient. Hätte der 34-Jährige nicht auch für einen symbolischen Euro spielen können?

Die Trauer über das Ende der Zusammenarbeit darf sich daher in Grenzen halten. Auch wenn man Messis Tore und Dribblings im Dress Barcelonas vermissen wird.

"Wenn das Geschäft Husten hatte, bekam Barça eine Lungenentzündung"

Andererseits ist da der Klub. Über eine Milliarde Euro Schulden sprechen für sich. Nicht alles lag an der Pandemie. Offenbar ist in den vergangenen Jahren dramatisch schlecht gewirtschaftet worden. Selbst der neue Barça-Vorstand unter dem seit dem Frühjahr amtierenden alten, neuen Präsidenten Joan Laporta musste zugeben, dass das Problem offenbar hausgemacht ist, siehe Gehaltskosten von bis zu 110 Prozent der Einnahmen.

Barça gab also mehr aus, als es einnahm. Was natürlich nicht nur am Gehalt für Messi lag. Der gesamte Kader war überteuert. Sogar Ligapräsident Tebas forderte daher zuletzt: "Der Verein muss seine Ausgaben umstrukturieren, die Gehälter waren schon immer am Limit. Wenn das Geschäft Husten hatte, bekam Barça eine Lungenentzündung."

Nun ist Barça in Schockstarre. Natürlich. Aber die erneute Anstellung Messis glich einer Quadratur des Kreises. Dabei könnte das Scheitern nun auch ein Fingerzeig sein.

Müssen Simeone 20 und Alaba 19,47 Millionen Euro verdienen?

Denn, nur so beispielhaft gefragt, muss ein Erfolgstrainer, der Diego Simeone zugegebenermaßen ist, also muss ein Erfolgscoach eines vermeintlichen Arbeitervereins, als der sich Atletico Madrid gerne darstellt, kolportierte 20 Millionen Euro netto verdienen? Zuletzt bedurfte der spanische Meister gar einer Kapitalerweiterung. Was, wenn die so eingenommenen Millionen bald wieder weg sind?

Oder, auch nur so als Beispiel aus Spanien: Real Madrid, das am liebsten Geld über eine Super League einnehmen würde, bei dem aber Neuzugang David Alaba laut "Spiegel" bis 2026 pro Saison ein durchschnittliches Bruttofestgehalt von 19,47 Millionen Euro erhalten soll. Zugleich erklärte Real, pandemiebedingte Verluste von 300 Millionen Euro zu verzeichnen. Doch es geht scheinbar immer weiter, offenbar wider alle Vernunft.

So oder so bleibt abzuwarten, ob die aktive Karriere von Lionel Messi nun überhaupt beendet ist. Vielleicht findet sich ja doch noch ein (vermeintlich) finanzstärkerer Arbeitgeber als Barça. Man hat schon viel gesehen im Fußball, zumal viel Unvernünftiges.

Jörg Wolfrum