Bundesliga

Mein zweites Leben

Die bewegende Geschichte des Ivan Klasnic

Mein zweites Leben

Ivan Klsanic

Mann des Jahres 2007: Werder Bremens Stürmer Ivan Klasnic. imago

Es sind Worte, die zu seinem Werdegang passen könnten. Sätze, die seine Befindlichkeit ausdrücken könnten. "Es entsteht ein Gefühl der Furcht vor dem Unbekannten. Ich weiß nicht, was morgen sein wird."

Von wem dieses Zitat stammt, vermag Ivan Klasnic nicht zu sagen. Was er indes sagt, gerät zu einem Bekenntnis, das seinen Seelenzustand beschreibt: "Ich habe keine Angst vor dem Unbekannten, sonst hätte ich das Ganze nicht auf mich genommen."

"Aber bitte mit Honig!"

Der Mann, der das Märchen des Jahres in der Bundesliga geschrieben hat, sitzt in einem Café an der Weser, unweit seines Arbeitsplatzes bei Werder Bremen. Klasnic hat sich einen Früchtetee bestellt. "Aber bitte mit Honig!" Früher, vor seinem Schicksalsschlag, der die Fußballfans der Republik im letzten Jahr mitleiden ließ, hätte er ganz gewiss einen zuckersüßen Softdrink geordert. Ein kleiner Unterschied, der viel aussagt über den Wandel des Profis, der mit einer dritten Niere in seinem Körper in sein zweites Leben gestartet ist. "Mein zweites Leben als Fußballer", wie der Kult-Stürmer meint.

Ivan denkt nach. Rätselt, wer es gesagt haben könnte. Als er erfährt, es sei Alonzo Mourning gewesen, jener Basketballer, der ebenfalls mit Erfolg nach geglückter Transplantation einer Niere seinen beruflichen Alltag bewältigt, kommentiert er lapidar: "Okay, vielleicht hat er diese Aussage kurz nach der Operation getroffen."

Geste der Hoffnung: Klasnic bedankt sich am 8. April 2007 bei den Fans.

Geste der Hoffnung: Klasnic bedankt sich am 8. April 2007 bei den Fans. dpa

Ob ihn ähnliche Gefühlswallungen je beschlichen haben, kann und will er womöglich nicht ganz exakt angeben. "Jein", weicht er aus und erzählt. Er wollte beweisen, dass man mit einer so schweren Krankheit zurückkommen könne. Er wollte Vorbild sein, "Mutmacher für alle Kranken". Er habe gewusst, dass er ein Ziel hat. "Und dieses Ziel wollte ich unbedingt erreichen." Unausgesprochen bedeutet dies: Bei "Ivan dem Starken" ist in der Seele kein Platz für Furcht oder Unsicherheit, für Hemmungen oder Beklemmungen.

Was er sich vorgenommen hat, ist ihm bravourös geglückt. Der "Hamburger Jung mit kroatischem Blut" (Klasnic), mit dessen Wiederkehr nicht viele gerechnet hatten, hat an sich geglaubt und alles erreicht. Weniger Zukunftsangst als vielmehr Genugtuung dominiert bei ihm heute. "Ich habe die Leute mundtot gemacht", betont der 27-Jährige voller Stolz.

"So ist aus dem Killer ein Phänomen geworden"

In der Fußball-Oper an der Weser haben ihn die kreativen Stadionsprecher daher "Phänomen" getauft. Ivan findet den neuen Beinamen treffend. "So ist halt aus dem Killer ein Phänomen geworden." Dabei beansprucht der wiedergeborene Torjäger gar keinen Sonderstatus. "Ich will auf gar keinen Fall als Kranker dargestellt werden", stellt er gleich zu Beginn des Gesprächs fest. Auch auf dem Platz, wo er seine neue Niere mit einem Schutz aus Fiberglas panzert und keine "besondere Rücksicht, sondern nur Fairness der Gegenspieler" erwartet. Natürlich habe er eine schwere Leidenszeit hinter sich. Doch es sei vorbei. "Ich will als gesunder Mensch betrachtet werden", fordert Klasnic, obwohl er weiß, dass er schwer krank ist. Gefangen in den Fesseln einer Krankheit, die seit geraumer Zeit sein Leben diktiert und ihn nicht mehr loslassen wird.

Das neue Organ in seinem Körper bestimmt den Tagesablauf: Er darf keinen Alkohol trinken, er muss starke Medikamente schlucken, die verhindern sollen, dass sich sein Immunsystem gegen die fremde Niere wehrt. "Damit kann ich leben", sagt der Patient. Alles schon Routine, "wie frühstücken". Klasnic denkt wie Rennfahrer Niki Lauda, der mit einer zweiten Spenderniere leben muss und mal behauptet hat, "ein Leben ohne Einschränkung" sei so möglich. Es bedurfte viel Energie und Ehrgeiz. Klasnics Kämpfernatur war gefragt. "Wer mich kennt, weiß, wie ehrgeizig ich bin."

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Rückblende: Sein Ringen um Leben und Laufbahn beginnt, als schlechte Nierenwerte bei einer harmlosen Blinddarmoperation festgestellt werden. Der Stürmer spielt weiter, mit wechselhaftem Erfolg. Müde und matt kommt er daher. Im Rückblick will er selbst indes keine Anzeichen von Schwäche erkannt haben: "Ich habe nicht mehr so viele Chancen bekommen. Ohne Praxis kann man keine Leistung abrufen." Dezente Kritik an Werder ist vernehmbar. Zumal Klasnic sagt: "Ich wusste über meine Krankheit Bescheid, der Verein wusste Bescheid."

Die Gewissheit, wie dramatisch es um sein krankes Organ bestellt ist, ereilt ihn in einem Glücksmoment: Töchterchen Fabiana-Collien, das erste Kind der Familie, kommt zur Welt. Und Klasnics Karriere droht, zu Ende zu sein. Die niederschmetternde Diagnose: Seine Nieren können den Körper nicht mehr entgiften. Ivan Klasnic ist einer von 10000 betroffenen Menschen in Deutschland, die auf eine Spenderniere hoffen.

Der zweite Eingriff glückt

Das Drama nimmt seinen Lauf: Mutter Sima opfert eine Niere. Transplantation in Bremen, Klinikum-Mitte. Klasnics Körper wehrt sich gegen das fremde Organ. "Vielleicht Schicksal, hinterher ist man immer schlauer", sagt er heute. Zweite Transplantation an der Medizinischen Hochschule Hannover , beim weltweit anerkannten Spezialisten Professor Dr. Jürgen Klempnauer. Vater Ivan senior steht bereit. Der zweite Eingriff glückt. Und der Operateur macht Hoffnung. Wenn alles glatt laufe, so der Mediziner, könne Klasnic wieder den Sport ausüben, der sein Beruf ist.

Der Berufsfußballer hört es gern, doch in seiner Gedankenwelt haben sich die Wertvorstellungen verändert. Sein Job rückt in den Hintergrund, das allgemeine Wohlergehen in den Vordergrund. "Die Gesundheit war mir wichtig", sagt Klasnic. So habe ihn zu jenem Zeitpunkt auch nicht das Angebot Werders interessiert, den Vertrag zu verlängern. "Scheißegal, es ging nur um meine Gesundheit." Das Karriere-Aus einkalkuliert. "Ich hätte die Buffer an den Nagel gehängt."

Werder-Fans machen Klasnic Mut, halten seine Rückennummer 17 hoch.

Werder-Fans machen Klasnic Mut, halten seine Rückennummer 17 hoch. dpa

So weit ist es nicht gekommen. Klasnic schreibt weiter an dem Drehbuch, passend für ein Rührstück aus Hollywood. Mit nie erlahmender Willenskraft und unerschöpflichem Antrieb bastelt er an seinem Comeback. Allein und einsam absolviert er, der als trainingsfaul und bequem gilt, sein Rehabilitationsprogramm. Dass er nicht gerne läuft, so der Stürmer mit der Nummer 17, wisse jeder. "Ich bin kein Rennpferd, ich bin Fußballer." Doch nun musste Ivan laufen. Um seine Laufbahn, um seine Zukunft, um sein Leben.

"Es hat mich manchmal angekotzt", berichtet er von den Strapazen. Und er spricht von seiner Ungeduld, als es ihm nicht schnell genug vorwärts ging. In solchen Momenten dachte er sogar ans Aufhören. Jens Beulke, seinem Fitmacher, vertraute er sich an: "Jens, ich kann nicht mehr. Ich will endlich wieder spielen."

Die Zeitplanung überrollt

Die Rückkehr als Spieler in der höchsten deutschen Spielklasse gelang ihm dann doch in einem Rekordtempo. Thomas Schaaf und Klaus Allofs, seine Vorgesetzten, hatten erst 2008 mit ihm gerechnet. Doch diese realistische Zeitplanung wurde überrollt durch Klasnics unglaubliche Antriebskraft.

Noch in der Hinrunde 2007/08 meldet er sich eindrucksvoll zurück. Ein Comeback in mehreren Stufen, beispielhaft für das, was er sich erträumt hat. "Es muss immer weitergehen. Immer einen Schritt vorwärts." Der vorläufige Höhepunkt im letzten Spiel des alten Jahres: Klasnic als Toremacher mit bekannten Qualitäten. Für ihn das "schönste Weihnachtsgeschenk", wie sein Trainer Schaaf wertete. "Eine unglaubliche Geschichte", wie Rudi Völler, Leverkusens Sportdirektor, würdigte.

An der Weser ist häufig von Wundern die Rede, von mirakelhaften Resultaten. Ivan Klasnic ist das leibhaftige Werder-Wunder. Der erste Fußballprofi mit drei Nieren im Leib, ein Faszinosum, reif für das Buch der Rekorde, in Nachfolge des besagten US-Stars Mourning und des Rugby-Helden Jonah Lomu aus Neuseeland.

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Klasnic trinkt seinen Tee. In aller Ruhe, bedächtig, nachdenklich. Anders als früher. Als Haudrauf und Schlitzohr marschierte Ivan einst durch die Liga. "Dabei bin ich gar nicht dieser Abgezockte." Nun sitzt am Tisch ein Mensch, der eine Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht hat. Stiller, gereifter, überlegter. Es ist, als ob er eine innere Gelassenheit ausstrahlte.

"Wenn man in die Kabine kommt", hat Werder-Manager Klaus Allofs geplaudert, dann sei alles so wie früher. "Man hört nur Ivan." Insofern ist Klasnic, im wahrsten Sinne des Wortes einer der Wortführer beim Tabellenzweiten, ganz der Alte geblieben. Ein ganz neuer Mensch ist er nicht geworden. Allerdings, so nicht nur die Beobachtung von Allofs, geändert hat ihn die Krankheit doch. Er hat sich gewaltig gewandelt, zum Positiven. "Ivan lebt bewusster mit seinem Körper."

Was zu sehen ist: Schlank und rank wirkt der ehedem oftmals füllig anzuschauende Angreifer. 82 Kilo zeigt momentan die Waage - zuvor pendelte sich der Zeiger oftmals drei bis fünf Striche höher ein. Ein paar Pfündchen, die viel ausmachen. "Fit wie nie" fühlt sich der kroatische Nationalspieler, der auch die EM nicht aus den Augen lässt. Vollmundig kündigt er ein Wiedersehen mit dem Nationaltrainer an: "Ich glaube, ich habe bald wieder mit Slaven Bilic zu tun."

"Da oben ist jemand, der hilft - auch wenn es manchmal nicht so aussieht"

Ivan Klasnic, Werder Bremen

Ein geläuterter Klasnic präsentiert sich, wenn Reizthemen angesprochen werden. Zwar bedient er bisweilen noch den Boulevard mit Schlagzeilen wie dieser: "Mit meiner neuen Niere bin ich noch schneller." Doch insgesamt gibt er sich zurückhaltender, gelassener, gesitteter. "Kein Kommentar" zu dem angeblichen Schadensersatzprozess wegen "Ärzte-Pfusch" (Bild). "Kein Kommentar" zu dem gestörten Verhältnis zu seinem Arbeitgeber, dem er nach der ganzen Vorgeschichte mit Misstrauen begegnet. Auch kein Wort der Dankbarkeit, sondern nur dies: "Die Leute wissen schon, wem ich zu danken habe." Seine Danksagung gilt der Familie, seiner Frau Patricia, seinen Eltern, seinem Bruder Josip. Und Gott, denn als Kroate ist Ivan Klasnic gläubig, im katholischen Glauben erzogen. Dieser Glaube, sagt er, habe ihm geholfen in schwerer Zeit: "Da oben ist jemand, der hilft - auch wenn es manchmal nicht so aussieht."

Hans-Günter Klemm