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Mein ungewöhnlicher erster Boxing Day - und der beste Booster danach

Die kicker-Kolumne von Sunderlands Keeper Ron-Thorben Hoffmann

Mein ungewöhnlicher erster Boxing Day - und der beste Booster danach

Feierte mit seinem Team einen klaren Sieg zum Jahresausklang: Ron-Thorben Hoffmann. 

Feierte mit seinem Team einen klaren Sieg zum Jahresausklang: Ron-Thorben Hoffmann.  imago images/Shutterstock

Meine vorherige kicker-Kolumne aus Sunderland lesen Sie hier!

Weihnachten ist für alle Menschen rund um den Globus eine Zeit, um zur Ruhe zu kommen, das Jahr Revue passieren zu lassen und dann wieder mit neuer Kraft nach vorne zu schauen - gerade in Zeiten wie diesen. Nicht so für Fußballer in England. Hier herrscht zwischen Heiligabend und Neujahr Hochbetrieb in allen Stadien von Plymouth bis Sunderland. Der sogenannte Boxing Day am 26. Dezember ist traditionell ein besonderer Fußballtag auf der Insel.

Aber warum eigentlich? Ursprünglich packten die englischen Lordschaften an diesem Tag für ihre Bediensteten Geschenkboxen, um sie für die entgangenen Feiertage zu entschädigen. Gleichzeitig wurde dieser Tag immer stärker zu Ausflügen genutzt, etwa ins British Museum in London. Dieser Trend entging auch den Fußballvereinen nicht, und bereits 1888 wurden viele Partien auf den Boxing Day gelegt, natürlich auch in der Hoffnung auf hohe Zuschauerzahlen. Übrigens ging der große Michel Platini genau deshalb zu Juve und nicht auf die Insel (das Wetter mag auch noch eine Rolle gespielt haben).

Es gießt und windet aufs Erstaunlichste - und das sage ich als Kind der Ostsee nicht so daher

Weihnachten sollte also dieses Jahr für die Familie Hoffmann ganz anders stattfinden. Tatsächlich feierten wir das erste Mal in meinen 22 Jahren nicht zusammen mit der ganzen Familie in Deutschland. Aber der Reihe nach. Das letzte Mal waren wir ja gemeinsam in eine erste Krise geschlittert. Und da kam die Länderspielpause Mitte November gerade recht, um uns neu zu kalibrieren. Ich habe 48 Stunden Kraft bei der Familie in Deutschland getankt und komme mit Energie zurück ins Stadium of Light. Uns gelingt vor 30.000 Fans mit einem 2:0 im Traditionsduell gegen Ipswich Town tatsächlich die Wende! Oder doch nicht? Das folgende Auswärtsspiel gegen Shrewsbury geben wir unnötig aus der Hand und schenken in Überzahl den Sieg noch her.

Dann geht es nach Cambridge: nicht zum Studieren, sondern in ein in jeder Beziehung stürmisches Duell mit United. Es gießt und windet 90 Minuten aufs Erstaunlichste - und das sage ich als Kind der Ostsee nicht so daher. Umso schöner, dass wir uns den Sieg erkämpfen und Schwung mitnehmen. Dennoch haben wir aufgrund der vorangegangenen Niederlagen an Boden verloren und sind aus den ersten beiden Plätzen gefallen. Aber wir kämpfen uns zurück - Schritt für Schritt.

Bei Arsenal steht ein echtes Highlight an - schade nur, dass ich nicht spiele

Und: Weihnachten naht. Gleichzeitig werden die Tage kürzer und Corona (wieder) präsenter. Viele Spiele müssen wegen infizierter Spieler oder aufgrund von Quarantänen verschoben werden. Wir kommen bisher gut durch diese herausfordernden Zeiten, insbesondere aufgrund eines strikten Hygiene-Konzepts. Mit dem Spiel bei Arsenal im Carabao-Cup-Viertelfinale steht ein echtes Highlight an. Schade nur, dass ich nicht spiele, was ich als Leistungssportler natürlich immer möchte. Aber, absprachegemäß ist Lee Burge im Emirates Stadium dran. Er macht die Pokalspiele und hat maßgeblich dafür gesorgt, dass wir überhaupt nach London fahren dürfen. Ich unterstütze ihn, so wie er es auch für mich tut, sportsmen like eben.

Am Heiligabend können wir dann doch einmal verschnaufen. Meine Familie kommt und wir verbringen eine wunderbare Zeit zusammen, wenn auch, das erste Mal, ohne Oma und Opa und die anderen Familienmitglieder, die in Deutschland bleiben. Für meine Mutter eine ganz besondere Herausforderung.

Nach dem Spiel trinken wir noch einen Kaffee - und ich lasse mich vor Ort boostern

Am Boxing Day machen wir uns dann mit der Mannschaft auf zum Auswärtsspiel nach Doncaster und spielen am 27.12. um 12:30 Uhr - eine ungewöhnliche Uhrzeit, die wegen der "Sky"-Übertragung so gewählt ist. Wir gewinnen mit 3:0, meine Familie ist im Stadion. Nach dem Spiel trinken wir noch einen Kaffee zusammen und entdecken eine Impfstation, wo Pfizer verimpft wird. Nach kurzer Rücksprache mit unserer Hausärztin lasse ich mich unmittelbar vor Ort boostern.

Und einen echten Booster gibt es am 30.12. noch obendrauf: Zu Hause im letzten Spiel des Jahres vor einer Rekordkulisse von 35.000 Fans im Lichtermeer der Handytaschenlampen gegen Sheffield Wednesday gewinnen wir 5:0 und beenden das Jahr grandios auf dem ersten Platz!

Ich bin mit meinen ersten Monaten auf der Insel durchaus zufrieden. Wir sind (wieder) auf Aufstiegskurs, sieben Mal konnte ich in den 19 Spielen meinen Kasten sauber halten. Ich denke, darauf kann ich aufbauen. Ich danke allen Fans auf der Insel und in Deutschland für die tolle Unterstützung und sage: I wish you all you dreams come true in 2022 - and stay healthy!

Ron-Thorben Hoffmann (22) erlernte das Torwartspiel in seiner Heimat bei Hansa Rostock, ehe er über Hertha BSC und RB Leipzig zu Bayern München wechselte und für die zweite Mannschaft 36 Dritt- und 13 Regionalligaspiele bestritt. Im Sommer wechselte der ehemalige U-18-Nationalspieler auf Leihbasis inklusive Kaufoption zum englischen Drittligisten AFC Sunderland. Seine Erlebnisse auf der Insel teilt er von nun an regelmäßig in seiner Kolumne.

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