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Die Geburtsstunde der "Wembley-Elf" 1972: Mehr Fußball wagen

Über die Geburtsstunde der "Wembley-Elf"

Mehr Fußball wagen

Trafen 1972 in Wembley: Günter Netzer (li.) und Uli Hoeneß.

Trafen 1972 in Wembley: Günter Netzer (li.) und Uli Hoeneß. imago images

Das Ereignis, das in jener Woche weltweit Aufsehen erregte, fand zwei Tage vor demjenigen statt, um das es hier geht. Am 27. April 1972 scheiterte im Bonner Bundestag ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt, dem die Mehrheit abhandengekommen war. Die genauen Umstände wurden erst Jahrzehnte später geklärt.

Es war ein Tag, an dem die Nation den Atem anhielt. Brandt, 1969 als Kanzler einer sozialliberalen Koalition angetreten mit dem Vorsatz, "mehr Demokratie wagen" zu wollen, und 1971 für seine Versöhnungspolitik mit dem Osten mit dem Friedensnobelpreis dekoriert, wehrte den Angriff der CDU/CSU-Opposition ab, deren Kandidat Rainer Barzel lediglich 247 Stimmen der Abgeordneten auf sich vereinen konnte, zwei weniger als nötig. Zwei Unions-Politiker, dies wurde sofort spekuliert und kam nach der Wende tatsächlich ans Licht der Öffentlichkeit, hatten sich von der Stasi schmieren lassen und gegen Barzel gestimmt.

Es ist nicht überliefert, ob der eher sensible Genussmensch Brandt zwei Tage später bei Rotwein und Zigarillo am Abend das ZDF einschaltete, um sich das Europameisterschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England zu Gemüte zu führen. Doch möglich ist es. Denn auch wenn man den vierten Kanzler der Bundesrepublik nicht einen Fußballfan im klassischen Sinne nennen kann, ließ er sich wichtige Spiele selten entgehen. Brandt legte gerne die Füße hoch, wenn es das Regieren erlaubte. Und Erholung tat Not in dieser Zeit. Wirtschaftliche Stagnation, schleichende Inflation, Ölkrise, steigende Arbeitslosigkeit in der Kohle- und Stahlindustrie nach Jahren der Vollbeschäftigung - die 1970er gestalteten sich schwierig, in Auswüchsen dramatisch und tragisch.

Wer in den "Roaring Sixties" noch zum Protest auf die Straße gegangen war, machte sich nun zu einem großen Teil auf den langen Marsch durch die Institutionen. Eine Splittergruppe, die immer tiefer in den Strudel von Ideologie und Gewalt geriet, zog als Rote-Armee-Fraktion eine blutige Spur des Terrors durch das Jahrzehnt. Während in der Außenpolitik der eiskalte Krieg zwischen den Blöcken vor allen Dingen dank Brandts "Wandel durch Annäherung" - unvergessen des Kanzlers Kniefall in Warschau und die Ratifizierung der Ost-Verträge, verbunden mit Reiseerleichterungen in die DDR - ein wenig Tauwetter erlebte, wurde es innenpolitisch dramatisch mit dem traurigen und leider nur vorläufigen Höhepunkt des Massakers an israelischen Sportlern und Funktionären während der Olympischen Spiele 1972 in München.

Wie war das mit Netzer und der Tiefe?

29. April 1972

Während die Haare der Männer länger wurden und die Röcke der Frauen kürzer, entdeckte eine schreibende Avantgarde mit Ror Wolf und Wolf Wondratschek an der Spitze den Fußball für die Literatur. Und Günter Netzer, der Playboy mit der blonden Mähne, wuchs zur Symbolfigur des neuen, modernen und inspirierten deutschen Fußballs. Das Spiel in London am 29. April 1972 setzte auch literarisch Maßstäbe, allerdings erst über ein Jahr später. 1973 schrieb der damalige Kulturchef der FAZ, Karl Heinz Bohrer, Besucher des Wembley-Stadions zum WM-Qualifikationsspiel England gegen Polen, einen Satz, der immer wieder falsch zitiert wird. Er schrieb nicht: "Und Netzer kam aus der Tiefe des Raumes": Er schrieb, wie die taz vor zehn Jahren aufklärte: "Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte thrill." Davon war vor dem Spiel wenig zu spüren.

Dass die später so getaufte "Wembley-Elf" zwei Tage nach dem Triumph Brandts ihren eigenen großen Sieg in diesem Viertelfinale feiern konnte, war laut Überlieferung auch für Beteiligte noch kurz vor Spielbeginn nicht abzusehen. "Wenn wir weniger als fünf Stück kriegen, ist das ein wunderbares Ergebnis“, raunte Günter Netzer seinerzeit dem darob doch arg verdutzten Franz Beckenbauer in der Kabine zu. Was diesem furchterregenden Orakel dann auf dem "heiligen" Rasen des weltberühmten Stadions vor 96.800 Zuschauern folgte, überraschte ebenso wie das Scheitern Barzels. Doch warum Netzers Pessimismus?

Günter Netzer

Der Gestalter: Günter Netzer (re.) überragte in Wembley. imago images/WEREK

Am Vorabend der Partie gab es in der Tat mehrere Hinweise darauf, dass in Wembley wenig zu ernten sein dürfte für Helmut Schöns Team. Netzers Schwarzmalerei mag übertrieben gewesen sein. Doch grundlos war sie nicht. Die Risse, die der Bundesligaskandal dem Fundament zugefügt hatte, waren immer noch tief. Dazu kamen immense atmosphärische Störungen zwischen den Spielern des FC Bayern und Heinz Flohe, dem letzten verbliebenen Kölner im Kader. Der Hintergrund: Keine drei Wochen vor dem Länderspiel in London trugen beide Klubs am 12. April 1972 das Viertelfinal-Rückspiel im DFB-Pokal aus. Eine Pflichtaufgabe für die Münchner, sollte man meinen angesichts des klaren 3:0-Sieges im Hinspiel. Doch an diesem Abend entwickelte sich eine Dynamik in der Kölner Radrennbahn, die den FC Bayern schließlich buchstäblich von den Beinen riss. Am Ende stand es 5:1 für die Kölner, hässliche Szenen im Minutentakt trübten die Freude nur wenig.

Die Bayern traf es hart: Wolfgang Sühnholz musste mit einem Beinbruch vom Platz getragen werden. Manfred Seifert, der für den verletzten Sepp Maier im Tor stand, erlitt nach wiederholt harten Attacken einen doppelten Rippenbruch und am Ende schleuderten die Bayern den Kölnern, allen voran Flohe, jeden nur erdenklichen Vorwurf ins Gesicht. Der wurde verdächtigt, Franz Krauthausen per brutalem Faustschlag ins Gesicht niedergestreckt zu haben. Aufgeklärt wurde die unschöne Angelegenheit nie, intensive Gespräche unter Schöns Vermittlung brachten als Ergebnis immerhin einen Burgfrieden. Es hatte sich also eine Menge Münchner Frust angesammelt in den zehn Tagen zwischen dem 12. und dem 22. April. Zunächst die fünf Watsch'n in Köln, dann ein 0:2 bei den Glasgow Rangers und damit das Aus im Europapokal der Pokalsieger, schließlich und endlich in der Liga eine 0:3-Pleite beim MSV Duisburg, die Platz 1 in Gefahr brachte.

Maier drohte mit Abschied aus München

Weil Maier sowohl in Glasgow als auch in Duisburg Fehler vorgeworfen wurden, stellte der nach der Blamage bei den Zebras plötzlich alles infrage: "Es ist aus. Ich werde den FC Bayern verlassen. Der Zug ist abgefahren", wütete der sonst so lustige Sepp beleidigt, "auch wenn wir Meister werden, bin ich im Sommer weg." Die Verletzungen wichtiger Spieler wie Wolfgang Overath, Wolfgang Weber, Berti Vogts und Karl-Heinz Schnellinger, der Krach der Bayern mit Flohe, dazu nach 10 Spielen in 36 Tagen diese eklatante Schwächephase der Münchner, die ja mit gleich sechs Spielern (Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß, Müller) das Gerüst der Nationalmannschaft bilden sollten - ausgerechnet dieses Gerüst wackelte vor dem Spiel des Jahres wie ein Lämmerschwanz.

Dazu gesellte sich dann noch am Spieltag eine Schleimbeutelentzündung beim leidgeprüften Sepp, von der der als übervorsichtig geltende Helmut Schön - dem ohnehin schon bei jeder Hiobsbotschaft kaskadenartig die Magensäure in die Speiseröhre schoss - nichts erfahren durfte. Am Ende wussten nur Maier, Teamarzt Professor Hanns Schoberth und Masseur Erich Deuser sowie Ersatzkeeper Wolfgang Kleff Bescheid. Maier bekam einen Schaumstoffverband verpasst, spielte und hielt wie gewohnt.

50 Jahre EM-Sieg 1972

Jetzt im kicker: Die achtteilige Serie zum EM-Sieg 1972. kicker

Der Gesamtzustand des Spitzenfußballs in Deutschland ließ also nicht darauf schließen, dass der Volkssport Nummer eins vor seiner erfolgreichsten Zeit stand. Der Bestechungsskandal, aufgedeckt im Sommer 1971, hing immer noch wie eine dicke graue Wolke über der nicht einmal zehn Jahre alten Bundesliga. Die Prozesse gegen die Sünder beherrschten weiterhin die Schlagzeilen, in der ARD wetterte der Journalist Dieter Gütt in einer als Kommentar verkleideten Hassrede: "Eingeweihte sagen heute: Die Bestechungen liefen schon seit Jahren. Erst jetzt haben sich ( …) die Schleusen geöffnet. Auch das Fernsehen wird sich überlegen müssen, ob es solchen kriminellen Unsinn, der sich Fußball nennt, noch weiterhin übertragen soll." Gütt war nicht irgendwer, er moderierte den Weltspiegel, leitete später die Tagesschau und gründete die Tagesthemen. Ein meinungsstarker Mann, der den Fußball aus dem Blick der Öffentlichkeit kicken wollte (was ihm, wir wissen es heute, natürlich nicht gelang).

Ein Turnier, mitten im Saisonfinale

Das Zuschauerinteresse erlahmte nach den Betrügereien rapide, rund 3000 Fans pro Partie kostete der Skandal die Klubs allein im Oberhaus, von durchschnittlich 20.661 Zuschauern 1970/71 ging es runter auf 17.932, und in der Saison nach dem gloriosen EM-Gewinn wurden sogar nur noch 16.378 Tickets im Schnitt verkauft. Dass die Liga damals mit dem Premium-Produkt von heute nichts zu tun hatte, belegt die Terminierung der Spieltage um die EM-Austragung herum. Der 29. Spieltag fand am 21. und 22. April statt, anschließend ging der Kader in die Vorbereitung. Der 30. Spieltag wurde auf den 5. und 6. Mai terminiert, danach ging es erneut in die Vorbereitung, es wartete das Rückspiel gegen England am 13. Mai. Mit dem 0:0 in Berlin machte das Team von Helmut Schön die Qualifikation für das Viererturnier in Belgien klar. Zunächst aber wurden die Spieltage 31 (19./20./27. Mai) und 32 (3. Juni) absolviert. Nach dem Gewinn des EM-Titels fand dann Spieltag 33 statt, am 23./24. Juni.

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Eine solche Terminierung um ein Turnier herum wäre heutzutage undenkbar, ärgerlich vor allen Dingen für die Klubs, die keine Nationalspieler stellten und keine Einnahmen verbuchten und gezwungen waren, über die Dörfer zu tingeln. Bizarr das Schicksal von Siggi Held, dem einzigen Profi in Schöns Auswahl, der in der Regionalliga (zweithöchste Spielklasse) spielte. Als Linksaußen in Wembley war er an allen drei Toren beteiligt. Beim Endturnier in Belgien fehlte er. Aber weder gesperrt noch verletzt, nein, Held spielte mit Kickers Offenbach um den Aufstieg in die Bundesliga. Unvorstellbar, aber wahr. Und Beleg dafür, wie die UEFA "ihr" Turnier organisierte. Heute ist die EM nach Olympischen Spielen und der Fußball-WM das drittgrößte Sportereignis weltweit. Damals war es ein Mini-Turnier, irgendwie dazwischengeschoben, alles andere als ein Höhepunkt der Saison.

Gerd Müller trifft

Bei der WM 1970 hatte sich Deutschland bereits für das Finale von 1966 revanchiert. imago/Sven Simon

Auch auf europäischer Klub-Ebene war mit dem deutschen Fußball kein rechter Staat zu machen. In den Cup-Wettbewerben glänzten andere Nationen, die Niederlande etwa mit Ajax Amsterdam, das den Europacup der Landesmeister verteidigte. Alles in allem: Bonjour Tristesse und eine Gesamtentwicklung, die an der Substanz kratzte und am Selbstbewusstsein. Kein Wunder, dass auch der kicker nach der Auslosung für die Viertelfinals im Januar 1972 stöhnte: "Schlimmer ging's nicht - ENGLAND". Der Respekt vor dem Mutterland des Fußballs war traditionell riesig in Deutschland, selbst die Tatsache, dass man seit 1966 nicht mehr gegen die Three Lions verloren hatte, änderte nichts an der klassischen Kaninchen-Haltung. Bereits knapp vier Jahre vor Wembley, am 1. Juni 1968, gelang der bundesdeutschen Nationalelf der erste Sieg überhaupt in der gemeinsamen Länderspiel-Historie.

Franz Beckenbauer hieß der Torschütze zum entscheidenden 1:0, der Kölner Wolfgang Overath hatte das Team als Kapitän in Hannover auf den Rasen des Niedersachsenstadions geführt. Zwei Jahre später setzte die deutsche Mannschaft ein dickes Ausrufezeichen und bezwang im Viertelfinale der WM in Mexiko den Titelverteidiger mit 3:2 nach 0:2-Rückstand. Beckenbauer, Seeler, Müller - die Torschützen standen für eine Mannschaft, die trotz des Ausscheidens im Halbfinale gegen Italien (3:4 nach Verlängerung) ganz Deutschland begeisterte und sich weltweit Respekt erarbeitete. Nur einer fand darin nicht so recht Platz.

Netzer und Overath

Günter Netzer, der Gladbacher Superstar, tanzte in der Nationalelf nur dieses eine Frühjahr 1972 lang. Und es passt, dass die Konstellation wohl in erster Linie deshalb zustande kommen konnte, weil Netzers Freund Overath verletzt ausfiel. An einem gesunden Overath wären Netzers Ambitionen mit ziemlicher Sicherheit zerschellt, dies belegt auch dessen Einschätzung: "Wolfgang Overath, mein Konkurrent auf der Spielmacherposition, war der wesentlich bessere Nationalspieler. Seine Besessenheit habe ich nie gehabt. Hinzu kam, dass ich mein vertrautes Umfeld, das ich in Mönchengladbach hatte, vermisste. Ich brauchte meine Mitspieler von Borussia, sonst fühlte ich mich nicht wohl."

Deutschlands beste Elf? Die Europameister von 1972

In diesem April aber war der Weg frei, und die Inszenierung konnte beginnen. Das Spiel gegen England lockte zwischen Flensburg und Konstanz 22 Millionen Menschen vor die TV-Geräte, über 12.000 Fans hatten die Reise über den Kanal angetreten und unterstützten das DFB-Team vor Ort. Vom Anpfiff weg - für ungefähr 30 Sekunden - geriet die deutsche Mannschaft tatsächlich schwer unter Druck. Was diesem temperamentvollen Auftakt der Engländer dann an deutscher Überlegenheit folgte, paralysierte die Gastgeber zusehends. Uli Hoeneß' Führungstreffer fiel zwangsläufig, Schöns Elf agierte wie ein Boxer, der seinen Gegner immer wieder mit Jabs stoppte und zermürbte.

Der Sturmlauf der Engländer nach der Pause verpuffte weitgehend, weil die in grünen Trikots spielenden Deutschen auf jede Attacke eine Antwort fanden. Der Ausgleich durch Francis Lee änderte daran nichts. Immer wieder setzten Netzer, Held und Grabowski Nadelstiche, nach einem Foul am Offenbacher verwandelte Netzer den fälligen Elfmeter, Gerd Müller setzte mit dem 3:1 den Schlusspunkt. Es gab keinen Schwachpunkt in der deutschen Elf. Aber zwei Symbolfiguren: Franz Beckenbauer und Günter Netzer in erster Linie befreiten mit diesem 29. April 1972 den deutschen Fußball vom Vorwurf der Kraftmeierei. Der wehende Blondschopf des Mönchengladbachers schien gleichsam wie die Startfahne in ein neues Zeitalter des deutschen Fußballs.

Torjubel Uli Hoeneß

Große Freude: Deutschland bejubelt den Führungstreffer durch Uli Hoeneß (Mi.). imago images

Wo früher geholzt und gebolzt wurde, rissen nun exakt gespielte Pässe tiefe Lücken in jede Abwehr. Wo lange Jahre lange Bälle den Rhythmus bestimmten, tanzten Beckenbauer, Netzer und Müller nun im Doppel- und Dreifachpass durch die Abwehrreihen. Einspruch! Denn dieses Bild verzerrte die Wirklichkeit. Gute Fußballer besaß Deutschland immer und in jeder Generation. Auch Techniker von Welt-Niveau wie etwa Fritz Walter, Helmut Haller oder Wolfgang Overath. Der Kölner wurde 1970 von südamerikanischen Journalisten zum besten Mittelfeldspieler der WM in Mexiko gekürt. Was den Deutschen eigen war und häufig mit Kraftmeierei verwechselt wurde: die Fähigkeit, ein Spiel zu drehen, erst dann ein Ergebnis zu akzeptieren, wenn der Gegner geduscht im Mannschaftsbus saß. Eine Tugend, die viel mit dem Kopf zu tun hatte, weniger mit den Füßen.

Spielerisch war der Weltmeister-Fußball ein Rückschritt

Es war die Mischung, die es machte. Zumal die 72er Mannschaft durchaus auch von der Wucht, der Präsenz und der Ausdauer zehrte, die Spieler wie Hoeneß, Paul Breitner, Jupp Heynckes oder "Eisenfuß" Horst-Dieter Höttges ins Spiel brachten. Ganz zu schweigen von Hacki Wimmer, dem Gladbacher, der nach jedem Spiel aussah wie jenseits der 50 und über den Netzer sagte: "Es verletzt mich immer, wenn ich lesen muss, er sei mein Wasserträger gewesen. Er war ein richtig guter Techniker, der Haken schlagen konnte wie kein Zweiter und torgefährlich war er noch dazu." Ein Lob, das Wimmer sicherlich gerne hörte, die Realität aber verließ diesen verlässlichen Kollegen nie: "Günter war mein Freund, ich bin immer gern für ihn gelaufen. Dank ihm habe ich eine Karriere gemacht, an die ich nie gedacht hätte."

Manchmal gibt es keine fachlichen oder gar wissenschaftlichen Erklärungen, warum ein großes Team "geboren" wird. Genau dies passierte an diesem nasskalten Samstag in London, wo eine geschwächte Verlegenheits-Mannschaft das Fundament legte für ihre erfolgreichste Zeit. Nie zuvor war es einer Mannschaft gelungen, sowohl den Welt- als auch den Europameister-Pokal in der Vitrine stehen zu haben. Nie zuvor dominierte eine Nationalmannschaft derart. "Ein Sieg, den es nur einmal gibt", titelte der kicker damals. Karl-Heinz Heimann, Chefredakteur des kicker, schrieb: "Ich hoffe, das Wort vom deutschen Kraftfußball, das ja nie stimmte, ist jetzt endgültig in der Mottenkiste verschwunden." Ein Wunsch, der so nicht in Erfüllung ging.

Zwei Jahre später wurde Deutschland Weltmeister. Doch der größte zu erreichende Erfolg basierte nicht mehr in erster Linie auf Spielkunst und Leichtigkeit. In seiner Autobiografie bekannte Helmut Schön später: "Wenn ich mal ausgesprochen nostalgisch bin und wirklich guten Fußball sehen will, dann lege ich die Kassette 'England 72' ein, setze mich auf mein Sofa und schwelge in Erinnerungen." Der sportliche Wert von 1972 überstrahlte alles.

Geriet die WM auch zum Triumph, so bedeutete sie fußballerisch gesehen nicht nur für den Fußball-Ästheten Schön doch einen Rückschritt. Netzer spielte im gesamten Turnier ganze 20 Minuten, bei der Pleite gegen die DDR. Und die schlecht. Seinen stärksten Auftritt hatte er im Abschlusstraining vor dem Finale, als er Johan Cruyff simulierte und groß aufspielte. Zu spät. Der Kanzler hieß zu dieser Zeit nicht mehr Brandt. Zwei Monate vor dem Finale, am 7. Mai 1974, trat er zurück. Sein Nachfolger passte besser zur pragmatischen, zur neuen, alten deutschen Spielweise. "Wer Visionen hat", sagte Helmut Schmidt einmal, "sollte zum Arzt gehen."

Weitere Erzählungen und Details rund um Deutschlands ersten Europameister-Titel können Sie seit Montag in unserer achtteiligen kicker-Serie zum 50-jährigen Jubiläum lesen - auch in der kicker eMagazine App (Android oder Apple).

Frank Lußem