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Athletik-Trainer Gzim Ferizi im kicker-Interview

Athletik-Trainer Gzim Ferizi im kicker-Interview

"Man muss neue Strukturen schaffen": Wo Spieler und Vereine athletisch noch Potenzial haben

Athletik- und Krafttraining genießt bei Profi-Klubs in Deutschland noch nicht den größten Stellenwert.

Athletik- und Krafttraining genießt bei Profi-Klubs in Deutschland noch nicht den größten Stellenwert. imago images/motivio

Herr Ferizi, Spieler aus sämtlichen Profiligen kommen zu Ihnen. Mit welchem Ziel?

Spieler wollen ihre Performance verbessern, egal in welcher Richtung. Die Ziele müssen realistisch bleiben und klar formuliert werden. Am Ende geht es darum, dass Spieler so lange wie möglich und so gut wie möglich performen. Damit steigern sie ihren Wert.

Wie sieht die individuelle Vorbereitung auf einen Spieler aus?

Wenn ein neuer Spieler zu mir kommt, schaue ich mir vorher an, wie er sich in seinem natürlichen Habitat bewegt. Auf welcher Position spielt er, was hat er für einen Körpertyp? In der ersten Einheit ermitteln wir dann zusammen die offenen Potentiale und besprechen den weiteren Weg, den wir zusammen bestreiten. Die Chemie muss stimmen.

Welche Art von Verletzungen können präventiv verhindert werden?

Durch das Eliminieren von einfachen Blockaden oder das Lösen von Dysbalancen kann man standardgemäße Muskelverletzungen sehr stark eindämmen. Zudem liegt ein wesentlicher Bestandteil in der Verbesserung der sensomotorischen Wahrnehmung. Was du spürst, kannst du kontrollieren und verbessert ansteuern. Das autonome Nervensystem spielt eine wichtige Rolle. Ein Versprechen gibt es nie, aber viele Muskelverletzungen basieren oft auf Spannungs- oder Statikproblemen sowie einem Missverhältnis der Nervensysteme.

Gzim Ferizi

Arbeitet mit zahlreichen Profi-Spielern zusammen: Gzim Ferizi. kicker

Besteht die Angst, dass sich Spieler während Ihres individuellen Trainings verletzen?

Das ist, zum Glück, bisher noch nicht vorgekommen. Viele Spieler sind gut ausgebildet und bringen eine Menge mit. Meine Aufgabe ist es, den Athleten von innen heraus zu stärken, den Körper widerstandsfähig, leistungsfähig und somit druckresistent zu gestalten. Aus dieser Basis heraus können dann die speziellen Ziele angegangen und erreicht werden.

Besteht Rücksprache mit den Vereinen?

Ich kenne viele Pläne und Vorgehensweisen der Vereine und von den Spielern, mit denen ich arbeite. Einige Vereine kennen auch mich und meine Arbeit und wissen, dass ich, so gut ich kann, zuarbeite und ergänze. Eine One-Man-Show hat im Profi-Sport nichts zu suchen, es geht nur zusammen. Hat ein Spieler also einen Tag mit doppelter Belastung, werden wir am nächsten Tag sicher nicht an der Maximalkraft arbeiten, sondern bleiben eher im präventiven Bereich.

Aus Personal- und Budgetgründen können es normale Vereine in der Regel nicht gewährleisten, für jeden Kaderspieler eine individuelle Betreuung rund um die Uhr zu haben.

Gzim Ferizi

Warum bieten Vereine diese Art des individuellen Trainings nicht selbst an?

Ich biete eine Brücke. Ich bringe den großen Faktor Zeit mit, zudem bin ich komplett autonom und individuell. Aus Personal- und Budgetgründen können es normale Vereine in der Regel nicht gewährleisten, für jeden Kaderspieler eine individuelle Betreuung rund um die Uhr zu haben. Zudem wollen Spieler aus dem Vereinsgeschehen ein wenig heraus, brauchen manchmal eine andere Ansprache. Das ist wie bei einem normalen Bürger, der nach der Arbeit meist nicht mehr die Lust hat, auch noch beim Training die Kollegen zu sehen.

Es gibt dennoch auch für Vereine Nachholbedarf im athletischen Bereich.

Die Vereine sind auf einem sehr guten Weg und machen aus dem, was sie haben, so viel sie können. Man müsste grundlegende Dinge ändern, damit meine ich die Ansichtsweise und den Stellenwert der Athletik. In den USA, aber auch in England, haben Vereine zum Beispiel nicht nur einen Gewichtsturm im Fitnessraum, sondern eine ganze Reihe. Die Voraussetzungen sind andere. Spieler bekommen zudem ihren eigenen individuellen Plan, Innenverteidiger trainieren also nicht das gleiche wie Stürmer. Beim American Football würde zum Beispiel ein Defensive Tackle nie das gleiche trainieren wie ein Running Back.

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Wenn es den Vergleichswert gibt, warum ändert es sich nicht auch im breiten Querschnitt in Deutschland?

Weil Vereine in der Regel nicht die Kapazität dafür haben. Man müsste eine neue Struktur schaffen, neu bauen, neu investieren, neues Personal einstellen. Zudem muss man von dem Gedanken wegkommen, verschiedene Spielertypen gleich zu trainieren. Man kann von einem Innenverteidiger nicht verlangen, dass er die gleiche Sprintfrequenz hat wie ein Flügelspieler. Manche Spieler sind in der Gruppentaktik gefangen. Die sportartspezifische Athletik steht zu sehr im Vordergrund. Sprints, Sprünge, Platzarbeit. Die Arbeit im Kraftraum basiert zu oft auf Eigeninitiative.

Es muss also ein Umdenken her.

Ja! Ein Beispiel wäre, dass Vereine Strukturen schaffen, die unabhängig von Personalentscheidungen ablaufen. Auf den Spielstil gibt es das schon lange. Zum Beispiel die Ajax-Schule, RB-Fußball oder Tiki Taka. Warum also nicht auch was die Arbeit im Kraftraum angeht? Es ist eine Art athletischer Bildungsauftrag, der bereits in der Jugend beginnen muss.

Auch nicht jeder Spieler nimmt individuelles Training wahr. Warum nicht, wenn der eigene Körper das große Kapital ist?

Das ist ein Denkprozess, den man erst einmal akzeptieren muss. Ja, man sollte so denken, aber in der Realität ist es anders. Der Großteil der Vereine arbeiten unter der Woche so intensiv, dass Spieler am Abend erst einmal froh sind, nichts mehr von Sport hören zu müssen. Individuelle Probleme und Schwachstellen von Spielern können im allgemeinen Mannschaftstraining gar nicht berücksichtigt werden. Spieler müssen also für sich das richtige Mittelmaß finden und versuchen, sich so gut es geht zu optimieren. Sei es durch aktive oder passive Maßnahmen.

"Das beste Beispiel ist Sadio Mané"

Die Häufigkeit von Muskelverletzungen im Fußball sind daher nur logisch?

Die Häufigkeit von Muskelverletzungen hat mit so vielen unterschiedlichen Faktoren zu tun. Den Vereinen dafür die Schuld zu geben, wäre nicht fair. Sie müssen den vollen Terminkalender letztlich ausbaden und die brutale Dynamik des Geschäfts bewerkstelligen. Auch Spielern bleibt meist gar nicht die Zeit, alles zu verarbeiten, was um sie herum passiert. Hier komme ich als eine Art Gesundheitskompass ins Spiel und bringe eine gewisse Grundordnung in den Prozess. Das Ganze reicht von Themen wie Nahrungsergänzung bis hin zum Aufbau eines Home-Gyms mit den essentiellen Tools.

Dennoch ist es am Ende die Lust des einzelnen Spielers, die entscheidet, wie fit er ist.

Das beste Beispiel ist Sadio Mané, mit dem ich zusammenarbeiten darf. Typen wie er ordnen sich dem Sport und der Performance komplett unter. Das komplette Haus ist in der Ausstattung darauf ausgelegt, ihm die besten Voraussetzungen zu geben. Ich habe noch nie gesehen oder erlebt, dass er etwas anderes als Wasser getrunken hat. Jeden Tag wird in den Körper investiert. Er ist ein absolutes Vorbild und ein High Performer. Zudem gibt es keine Ausnahmen, was die Ernährung angeht. In abgespeckter Form ist das Ganze auch für jeden anderen Profifußballer möglich, es kommt aber auf das Mindset an.

Interview: Tim Sohr