Europa League

Eintracht-Torwart Loy: "Wir sahen wir nur die Menschenmassen"

Glasgow 1960: Interview mit Frankfurts Meistertorwart, Teil 1

Loy: "Als wir aus der Kabine kamen, sahen wir nur die Menschenmassen"

Eintracht-Torwart Egon Loy im "Jahrhundertspiel" gegen Real Madrid.

Eintracht-Torwart Egon Loy im "Jahrhundertspiel" gegen Real Madrid. imago images/ZUMA Press/Keystone

Wenige Tage vor seinem 91. Geburtstag am 14. Mai empfangen Egon Loy und seine Frau Irmgard den kicker im heimischen Wohnzimmer. Seit 1984 lebt das Ehepaar im beschaulichen Oberursel am Fuße des Taunus. Die Einladung der Eintracht zum Endspiel nach Sevilla sagten sie schweren Herzens ab. "So gerne wir dabei wären, aber das packen wir nicht. Wir sind beide über 90", sagt Loy. Größere Strecken zu Fuß bereiten Probleme, geistig ist das Ehepaar aber noch topfit. Obwohl die großen Spiele gegen die Glasgow Rangers und Real Madrid inzwischen 62 Jahre zurückliegen, sind Loys Erinnerungen und Erzählungen noch immer präzise. Das 90-minütige Interview fühlt sich an wie eine Zeitreise.

kicker: Beim Halbfinal-Rückspiel gegen West Ham United drückten Sie mit Ihren früheren Mannschaftskameraden Erwin Stein, Dieter Stinka und Istvan Sztani im Stadion die Daumen. Welche Erinnerungen kamen hoch, als das Finale gegen die Rangers feststand, Herr Loy?

Egon Loy: Schon vor dem Spiel sprachen wir darüber, was für die Eintracht das schönere Endspiel wäre: gegen Leipzig oder Glasgow? Da sagten natürlich alle gleich Glasgow Rangers. Wir waren damals noch Amateure, und die Rangers eine Profi-Mannschaft, die aus englischen und schottischen Spielern bestand. Ein Verein mit ganz großer Tradition. Zur Halbzeit des Hinspiels stand es noch 1:1, aber in der zweiten Hälfte war es eine unserer besten Partien …

Irmgard Loy: Entschuldige, dass ich dich unterbreche, ich gehe auch gleich wieder. Aber dieses Spiel hier in Frankfurt gegen Glasgow war in meinen Augen das schönste Fußballspiel überhaupt. Das lief so toll mit den vielen Tore, das hatte niemand erwartet.

kicker: Wie sah die Rollenverteilung aus?

Loy: Wir waren der Außenseiter, aber in der zweiten Hälfte spielten wir fantastischen Fußball. So wie es unser Trainer Paul Oswald sehen wollte: Frisch, fromm, frei, fröhlich und drauf. Dann haben wir noch fünf Tore gemacht.

Und dann kam das Rückspiel im Ibrox-Stadion. Da bekamen sie von uns wieder sechs Stück, das war toll.

Egon Loy

kicker: Wussten die Rangers, wie ihnen geschieht?

Loy: Nein, gar nicht. Die waren konsterniert. Und dann kam das Rückspiel im Ibrox-Stadion. Da bekamen sie von uns wieder sechs Stück, das war toll. Im Endspiel gegen Real Madrid hatten wir dann auch die Sympathien der Schotten. Dieses Spiel war übrigens ebenfalls an einem 18. Mai 1960, aber darauf kommen wir sicher noch zu sprechen.

Europapokal der Landesmeister

kicker: Genau, aber bleiben wir noch einen Moment bei Glasgow. Wie erlebten Sie damals die Reise dahin?

Loy: Innerhalb von Deutschland fuhren wir immer mit dem Bus oder der Bahn zu den Spielen, nach Glasgow sind wir dann natürlich geflogen. Aber es hat sich nicht viel geändert. Am Tag vorher kamen wir an, trainierten ein bisschen, dann ging es zum Spiel und am nächsten Tag wieder nach Hause. Beim Heimspiel mussten wir allerdings noch vorher arbeiten gehen, bis auf Spieler wie Alfred Pfaff oder Richard Kreß, die sich selbstständig gemacht hatten. Wir waren ja alle noch Vertragsspieler, keine Profis. Deshalb mussten wir noch einen Beruf ausüben. Also arbeiteten wir bis um 15 Uhr, anschließend fuhr ich vom Opernplatz zur Bundesturnschule am Stadion. Dort trafen wir uns immer bei den größeren Spielen, die im Waldstadion stattfanden. Um 16 Uhr war Treffpunkt, dann haben wir zusammen eine Tasse Kaffee getrunken und ein Stück Kuchen gegessen. Anschließend gingen wir in unseren Trainingsanzügen zwischen den Zuschauern über den Eingang am Gleisdreieck ins Stadion.

"Das waren alle Profis, Mordskerle"

kicker: Und dann kam eine solche Leistung dabei heraus …

Loy: Ja, das waren alle Profis, Mordskerle. Ich hatte den Eindruck, dass die uns nicht ganz für voll genommen haben. Aber später haben wir uns nach dem Spiel in Glasgow mit zwei, drei Spielen im Hotel an der Theke getroffen, das waren lustige Jungs.

kicker: Wo waren Sie angestellt?

Loy: Bei der MG, der Metallgesellschaft, einer alten Frankfurter Firma. Ich war in der betrieblichen Altersversorgung beschäftigt. Es gab eine Pensionskasse für den ganzen MG-Konzern. Zuerst war ich bei der Versorgungskasse angestellt, später der Leiter dieser Versorgungskasse für den ganzen Konzern. Da verwalteten wir sehr viel Geld für unsere Mitglieder. Bis die Metallgesellschaft 1994 vom damaligen Vorstandsvorsitzenden Heinz Schimmelbusch durch falsche Geschäfte zu Grunde gerichtet wurde. Das waren Termingeschäfte mit Öl in Amerika, und dann ging es den Bach herunter. Aber die Metallgesellschaft oder auch die Degussa waren tolle Firmen, sehr sozial engagiert.

kicker: Was änderte sich durch die Einführung der Bundesliga?

Loy: 1965 kam Trainer Elek Schwartz zu uns. Der arbeitete vorher bei Benfica Lissabon mit Profis und war es gewohnt, vormittags zu trainieren. Das wollte er in Frankfurt natürlich beibehalten. Ich hatte ein Gentlemen-Agreement mit dem Vorsitzenden der Firma, sodass ich vormittags zwei Stunden zum Training an den Riederwald fahren konnte.

"Im Jahr kamen wir auf 60 Spiele"

kicker: Und heute jammern viele über die Belastung …

Loy: Wir hatten damals 30 Spiele in der Oberliga Süd, die Spiele in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, ein paar Pokalspiele und viel mehr Freundschaftsspiele als heutzutage. Im Jahr kamen wir auf 60 Spiele, das war eine ganze Menge.

kicker: Die Eintracht reiste viel, wo verschlug es sie bei den Freundschaftsspielen hin?

Loy: Wo wir überall waren! Wir waren 1959 in Moldawien, sind dann weitergereist nach Kiew, Moskau und Leningrad, über Helsinki ging es zurück. Wir machten auch viele Spiele als Sparringspartner gegen Nationalmannschaften, gegen die Niederlande, Ungarn oder Rumänien. Da waren wir sehr gefragt. Wir hatten auch einen Präsidenten, der gerne reiste. Das ist bei der Eintracht scheinbar so, auch heute noch mit Peter Fischer. Wir haben eine wirklich tolle Zeit erlebt, viel mitbekommen und gesehen.

Wir waren einige Male in Amerika, in Hong Kong, Tokio, Kairo und fast überall in Europa.

Egon Loy

kicker: Was war die interessanteste Reise?

Loy: Das war 1964, als wir drei Wochen durch Südafrika reisten und in Bloemfontein, Kapstadt, Durban, Johannesburg, Pretoria und Windhoek spielten. Wir waren einige Male in Amerika, in Hong Kong, Tokio, Kairo und fast überall in Europa.

"Bayern München war zu dieser Zeit noch klein"

kicker: Der Leitspruch "Eintracht Frankfurt international" wurde also auch schon damals richtig gelebt.

Loy: Ja, die Eintracht war in dieser Beziehung schon einigen Vereinen voraus. Bayern München war zu dieser Zeit noch klein.

kicker: Stimmt es, dass Sie zur Eintracht kamen, weil Ihr Schwiegervater einen Wechsel nach Köln verbot?

Loy: Als ich noch in Schwabach spielte, hatte ich einige Angebote, auch aus Köln. Die boten mir an, dass ich zum Schein im Kaufhof angestellt werde, dort aber gar nicht arbeite. Mein Schwiegervater saß bei dem Gespräch dabei. Der war Stadtoberinspektor, und das passte ihm gar nicht. Ich arbeitete zu der Zeit in der Stadtverwaltung von Schwabach und legte auch selbst Wert darauf, einen anständigen Job zu bekommen. Der Spielausschussvorsitzende Willi Balles holte mich nach Frankfurt, wo ich die Arbeit bei der Metallgesellschaft bekam.

"Für einen Heimsieg gab es 50 Mark, für einen Auswärtssieg 75 Mark"

kicker: Sind Sie später noch Profi geworden?

Loy: Wir hatten Verträge, aber keine Profiverträge. Als Amateur in der Oberliga war man Vertragsspieler, es gab 150 Mark als Fixum und Prämien für jedes Spiel: für einen Heimsieg 50 Mark, für einen Auswärtssieg 75 Mark. Das änderte sich 1963 durch die Einführung der Bundesliga, dann gab es 800 Mark und 100 Mark Siegprämien.

kicker: Verdienten Sie im normalen Beruf mehr?

Loy: Ja, bei der Metallgesellschaft verdiente ich mehr, da gab es sehr gute Gratifikationen. Das Fußballgeld war ein tolles Zubrot.

"Im Hampden Park waren 127.000 Zuschauer"

kicker: Kommen wir nun auf das Finale 1960 zu sprechen. Wie erlebten Sie das Spiel gegen die Weltstars von Real Madrid?

Loy: Real Madrid hatte den Europapokal der Landesmeister seit der Einführung 1955 schon viermal gewonnen und im Halbfinale Barcelona geschlagen. Trotzdem hatten sie ein bisschen Bammel vor uns. Ihr Manager Emil Östreicher hatte uns in den Halbfinalspielen gegen Glasgow beobachtet. Trotzdem waren wir der krasse Außenseiter. Im Hampden Park waren 127.000 Zuschauer, das war unglaublich. Als wir aus der Kabine kamen, war das wie eine Wand, wir sahen nur die Menschenmassen.

kicker: Wie lief das Spiel?

Loy: Wir fingen sehr gut an und gingen durch Richard Kreß sogar 1:0 in Führung, da dachte ich noch: Jetzt müsste das Spiel zu Ende sein ... Aber wir hatten ein großes Manko, Ivica Horvath war unser Mittelläufer gewesen, aus gesundheitlichen Gründen musste er aber schon ein Jahr vorher aufhören. Der war fast zwei Meter groß und hatte mit dem Kopf fast alles rausgenickt. Was Puskas, di Stefano und del Sol dann spielten, war einmalig. Ich war in den vorherigen Spielen besser, und so erging es auch anderen. Richard war zwar gut und Erwin Stein schoss zwei Tore, aber Alfred Pfaff, Dieter Stinka, Dieter Lindner oder auch Hans Weilbächer hatten nicht ihren besten Tag.

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kicker: Trotzdem wurde dieses Finale später zum "Jahrhundertspiel" gewählt.

Loy: Das Spiel hatte eine ganz große Resonanz. Meine Frau und ich waren später einige Jahre im Winter immer in Florida. Da zeigten sie im Fernsehen bei "Fox" sehr oft das Finale. Das war das Endspiel mit den meisten Zuschauern, den meisten Toren und den größten Einnahmen für die UEFA.

kicker: Wie sah es bei Ihren Prämien aus?

Loy: Als wir am Riederwald im ersten Stock in der Geschäftsstelle auf unseren Lohnzettel schauten, dachten wir: Ach du lieber Gott, die wollen uns nur 1000 Mark für das Spiel geben, obwohl sie zigtausend eingenommen hatten. Das machten wir nicht mit.

"Wir setzten ihnen die Pistole auf die Brust"

kicker: Wie setzten Sie sich zur Wehr?

Loy: Wir hatten ein Plus: Das nächste Spiel sollte in Gent gegen eine Flandern-Auswahl stattfinden. Dafür sollte die Eintracht 30.000 US-Dollar Gage erhalten, der Dollar stand damals bei 4,20 Mark. Das war also viel Geld. Der Vorstand hatte beim Präsidenten zu Hause in Neu-Isenburg eine Sitzung. Dorthin fuhren wir mit unseren Autos und setzten ihnen die Pistole auf die Brust. Wir sagten: "Wisst ihr was, wir fahren morgen nicht nach Gent, wir spielen nicht." Dann mussten sie klein beigeben und wir erhöhten die Prämie auf 3000 Mark.

kicker: Verständlich, Sie spielten die Prämien schließlich ein.

Loy: Und wir hatten in Frankfurt immer ein volles Haus. Ich erinnere mich an ein Endrundenspiel gegen Pirmasens, da gab es Zusatztribünen auf der Gegengeraden, sodass 81.000 Zuschauer im Waldstadion waren - ein Rekord. 1961 spielten wir übrigens noch einmal in Glasgow.

kicker: Zu welchem Anlass?

Loy: Im Hampden Park hatten sie eine Flutlichtanlage gebaut. Zur Einweihung wurden wir eingeladen, um gegen die Rangers zu spielen. Wir kamen dahin, brachten unsere Sachen in die Kabine, schauten uns den Platz an, und eine Dreiviertelstunde vor dem Spiel war überhaupt kein Zuschauer da. Doch als wir rauskamen, war das Stadion mit 104.000 Zuschauern gefüllt - bei einem Freundschaftsspiel. Wir schlugen sie wieder, mit 3:2.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des großen kicker-Interviews mit Egon Loy. Darin spricht der frühere Torhüter über die Chancen "seiner" Eintracht im Europa-League-Finale gegen die Rangers. Außerdem erklärt er, welche Fähigkeit Manuel Neuer seinem Nationalmannschaftskollegen Kevin Trapp noch voraus hat, und wie in den 50er Jahren das Torwarttraining aussah.

Interview: Julian Franzke

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