Nationalelf

Löws emotionale letzte PK - "Ob eine Niederlage mehr ..."

Bundestrainer über das Aus, Müllers Fehlschuss und Özil

Löws emotionale letzte PK - "Ob eine Niederlage mehr ..."

"Natürlich gab es Momente, wo ich das nicht immer so toll fand": Joachim Löw.

"Natürlich gab es Momente, wo ich das nicht immer so toll fand": Joachim Löw. picture alliance

Schon optisch zeigte Joachim Löw an diesem Mittwochmittag in Herzogenaurach, dass jetzt bald ein neuer Lebensabschnitt wartet. Nach 15 Jahren als elegant gekleideter Bundestrainer hielt er seine letzte Pressekonferenz im lässigen Hoodie ab und wurde dabei zeitweise sehr emotional. Am Tag nach Deutschlands EM-Aus im Achtelfinale gegen England sprach Löw über ...

... sein letztes Spiel als Bundestrainer: "Die Enttäuschung sitzt sehr, sehr tief. Ich habe und hatte immer das absolute Vertrauen in diese Mannschaft. Es tut mir leid, dass wir unsere Fans gestern enttäuscht haben und nicht diese Begeisterung ausgelöst haben, die wir uns vor diesem Turnier vorgenommen haben. Ich übernehme natürlich die Verantwortung für dieses Ausscheiden ohne Wenn und Aber. Es braucht Zeit, diese Enttäuschung zu verarbeiten. Mein Herz schlägt weiterhin schwarz-rot-gold."

"In manchen Momenten hat etwas gefehlt, das war nicht nur gestern so"

... Gründe für das frühe EM-Aus: "Ich glaube, dass einige Spieler noch nicht an ihrem Leistungslimit sind. Erfahrungen wie diese werden der Mannschaft helfen. Man braucht schon auch die Kaltschnäuzigkeit, die Cleverness in den entscheidenden Momenten, das hat gestern vielleicht ein bisschen gefehlt. Die Mannschaft hat in allen Spielen eine sehr große Mentalität und einen sehr großen Willen gezeigt, war echt ehrgeizig und hat einen unglaublich guten Spirit entwickelt, nicht nur neben dem Platz, sondern auch in den Trainingseinheiten. Am Ende hat in manchen Momenten etwas gefehlt, das war nicht nur gestern so. (...)

Wir hatten nicht so die Gelegenheit - bedingt durch Corona und manche Verletzungen -, diese Mannschaft so einzuspielen und so zu formen, wie es für so ein Turnier wichtig ist. Wir haben gesehen, dass andere Mannschaften - Belgien, Italien oder die Engländer - uns da etwas voraus waren. Wir hatten schon auch in unserem Kader sehr, sehr viele Wechsel. Deswegen ist es vielleicht nicht gelungen, das zu erreichen, was wir uns vorgestellt hatten."

Löw: Wie Müller seinen Fehlschuss am Mittwoch kommentierte

... Thomas Müllers Fehlschuss gegen England: "Als wir hier ankamen, habe ich natürlich noch mal kurz mit ihm gesprochen. Er hat das in seiner ureigenen humorvollen Art und Weise kommentiert: 'Trainer, wenn ich die Chance gemacht hätte, hätte uns das sicher nicht geschadet'. Ich habe gesagt: 'Ja, das stimmt, das hätte uns auf jeden Fall zurück ins Spiel gebracht.' Überhaupt kein Vorwurf, aber das wäre das 1:1 gewesen. Dann wäre das Stadion schon relativ still gewesen und wir hätten dann vielleicht den Vorteil auf unserer Seite gehabt."

... 15 Jahre als Bundestrainer: "Geistig ist man immer gefordert, macht sich unendlich viele Gedanken. Es ist nicht immer sehr leicht, diese Verantwortung zu tragen. Natürlich gab es Momente, wo ich das nicht immer so toll fand. Nach 15 Jahren an vorderster Front bin ich natürlich auch mal froh, wenn ich mich ein bisschen zurückziehen kann. (...) Ich bin mit mir im Reinen."

"Menschliche Enttäuschung": Bis heute kein Gespräch mehr mit Özil

... die Frage, was bleibt: "Ich habe gestern Abend gesagt: Es ist vielleicht in einigen Jahren nicht mehr ganz so entscheidend, ob man eine Niederlage mehr oder einen Sieg mehr erreicht hat. Für mich persönlich war das Allerbeste, das, was bleiben wird, der Weg, den ich mit den Menschen gegangen bin. Da haben sich wirklich Freundschaften entwickelt, die auch über diese Zeit bei der Nationalmannschaft hinausgehen. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Für diese Momente ist man gerne Trainer."

... Mesut Özil: "Natürlich war es nach 2018 für mich eine große menschliche Enttäuschung, als Mesut zurückgetreten ist und wir in den Wochen danach nicht persönlich gesprochen haben. Aber ich denke, es wird auch die Zeit kommen, wo wir uns wieder miteinander unterhalten werden, irgendwann wird der Tag kommen. Selbstverständlich war der Mesut für unsere Nationalmannschaft ein unglaublich wichtiger, großartiger Spieler."

De-Boer-Nachfolger? "Mit Sicherheit nicht"

... Kontakt zu Nachfolger Hansi Flick: "In den letzten Monaten standen wir ständig in Kontakt. Auch jetzt während des Turniers haben wir das eine oder andere Mal telefoniert. Wir kennen die Gedanken des anderen sehr, sehr gut. Der Hansi hat natürlich auch seine eigenen Vorstellungen. Ein Abendessen ist jetzt nicht geplant. Unser freundschaftliches Verhältnis bleibt aufrechterhalten. Er wird versuchen, seine eigenen Gedanken und Ideen einzubringen."

... die Frage eines niederländischen Medienvertreters, ob er als Nachfolger von Bondscoach Frank de Boer zur Verfügung stehe: "Nein, da bin ich im Moment mit Sicherheit nicht interessiert. Die Holländer haben insgesamt sehr viele gute Trainer. (...) Ich habe bislang nichts geplant, weder einen Urlaub noch sonstige Dinge."

Lesen Sie auch: Löw über seine bitterste Niederlage - "Warschau auf keinen Fall"

jpe