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Nationalmannschaft: Joachim Löw und die DFB-Auswahl - die Analyse 2020

Nationalelf zwei Jahre nach WM-Aus nahezu bei Null angekommen

Löw und die DFB-Auswahl - die Analyse 2020

Nachdenklich zum Jahresabschluss 2020: Bundestrainer Joachim Löw.

Nachdenklich zum Jahresabschluss 2020: Bundestrainer Joachim Löw. getty images

Die beste Gelegenheit zu einem intensiven Gedankenaustausch hatten Bundestrainer Joachim Löw und sein erster Vorgesetzter, DFB-Präsident Fritz Keller, schon am Mittwochnachmittag. Für die 420 Kilometer zwischen München und Freiburg sind rund vier Stunden berechnet, die beide gemeinsam in einem Van zurückgelegten. Die genauere Bestandsaufnahme für das Länderspieljahr 2020 - vor allem den abschließenden 0:6-Eklat inklusive - müssen der DFB-Chefcoach plus seine Assistenten Marcus Sorg und Andreas Köpke im stillen Kämmerlein fertigen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Fußballnation auf eine solche Fundamentalanalyse des Bundestrainers wartet. 2016, nach dem Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft in Frankreich, fiel sie eher nebensächlich aus; nach dem krachenden Vorrunden-Knockout bei der WM 2018 wurde Grundsätzliches vom verantwortlichen Trainer erwartet. Bis Ende August dauerte es vor zwei Jahren, ehe Löw und der heutige DFB-Direktor Oliver Bierhoff das damalige Desaster erläuterten. Als seinen "allergrößten Fehler" nannte der Coach damals seine Lehre vom Ballbesitz-Fußball, den er als amtierender und dann gnadenlos entthronter Weltmeister "fast schon arrogant" habe perfektionieren wollen. Diese Spielweise wollte er künftig variabler und weniger risikoreich gestalten - und vor allem mehr Emotionalität und Enthusiasmus einfordern. Bierhoff benannte als klares Ziel, "den deutschen Fußball wieder in die Weltspitze zu berufen". Gut zwei Jahre und 24 Länderspiele später sind Löw und die Seinen nach dem spanischen Debakel und trotz der gelungenen EM-Qualifikation (mit Gruppenplatz 1 vor den Niederlanden) wieder nahezu bei Null angekommen.

Trainersteckbrief Löw
Löw

Löw Joachim

Deutschland - Vereinsdaten
Deutschland

Gründungsdatum

28.01.1900

34 Spieler seit September - sechs Debütanten

Wenn Löw und Kollegen nun "die Dinge", wie er sagte, grundlegend bewerten wollen, müssen sie zunächst das Personal begutachten. Der Bundestrainer hat aus Rücksichtnahme auf die hochbelasteten Profis gerade der international aktiven Klubs in diesem erst im September gestarteten Länderspieljahr 2020 insgesamt 34 Akteure eingesetzt, sechs durften ihre Premiere in der A-Mannschaft erleben: Robin Gosens, Philipp Max, Florian Neuhaus, Mahmoud Dahoud, Jonas Hofmann und Ridle Baku. Es stehe zwar zu dieser Phase selbstredend noch nichts fest, sagte der Bundestrainer vor der jüngsten Dreiertour gegen Tschechien (1:0), Ukraine (3:1) und eben Spanien gegenüber dem kicker, doch ein gewisses Gerüst für die EM 2021 hat er sehr wohl im Kopf. Dazu gehören ohne Zweifel die Torhüter Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen, die Verteidiger Niklas Süle, Antonio Rüdiger und Matthias Ginter, Joshua Kimmich, Toni Kroos, Leon Goretzka, Ilkay Gündogan und auch der noch nicht so etablierte, zuletzt aber verheißungsvolle Kai Havertz für das Mittelfeld sowie Serge Gnabry, Leroy Sané und Timo Werner für den Angriff. Die Leipziger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg gelten als erste Kandidaten für die defensive rechte und linke Außenseite. Für diesen Job sind aktuell Thilo Kehrer (rechts) und Gosens (links) erste Ersatzleute. Robin Koch kann für die Abwehr (oder das defensive Mittelfeld) einbezogen werden, ebenso Emre Can. Mittelfeldspieler Florian Neuhaus hat ebenfalls gute Perspektiven, gleichfalls der Angreifer Luca Waldschmidt.

Brandt und Draxler auf dem Prüfstand

Die prominenten Techniker Julian Brandt und Julian Draxler wurden jüngst von ihrem Chef sogar öffentlich und völlig zu Recht gerügt und zu mehr Konstanz aufgefordert. Beide werden sich beweisen müssen, eine EM-Garantie dürfen derzeit beide nicht haben. Dieses Urteil gilt auch für Max, der seine Grenzen gegen Spanien erfuhr. In der Sichtung werden Benjamin Henrichs und Baku (defensive Außenbahn) sowie Jonas Hofmann (Sturm) bleiben, dazu die beiden Ersatzkeeper Kevin Trapp und Bernd Leno, die ihre Aushilfsdienste gut verrichteten.

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Kaum bis keine Chancen haben nach diesem Länderspieljahr die Verteidiger Niklas Stark und Jonathan Tah, Nico Schulz (Außenbahn), Dahoud sowie Suat Serdar und Nadiem Amiri (Mittelfeld). Heikel ist die Frage nach Marco Reus, der wegen ständiger Verletzungen keine feste Größe sein kann, schon gar nicht bei der Dauerbelastung eines Turniers. Und noch heikler wird es für Löw, wenn die Namen Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller fallen. Noch verteidigen der Bundestrainer, Keller und Bierhoff diese perspektivische Entscheidung. Wie lange noch?

Wie gelingt die Stabilitätssicherung?

Nachdem 2020 von personellen Experimenten geprägt war, soll sich die Nationalmannschaft im kommenden März und anschließend in der unmittelbaren EM-Vorbereitung einspielen. Das wilde Durcheinander ohne klare Raumzuordnung, Laufwege und abgestimmtes Pressing muss abgestellt, die Zuständigkeiten für die Offensive - wer geht wann mit und in welche Zone - müssen abgestimmt werden. In welchem System? Löw bevorzugt die Dreierkette plus zwei auch defensiv denkende Außen gegen starke Gegner, um so den Spielraum vor dem Abwehrzentrum zu verdichten. Warum er dieses Modell nicht gegen Spanien anwandte? Sein Geheimnis. Die Viererkette mit lediglich zwei zentralen Abwehrkräften sowie nach vorne orientierten Außenverteidigern verspricht mehr Offensive. Auch wenn die Grenzen im heutigen Fußball fließend sind, wird sich der Bundestrainer überlegen müssen, ob er zur Stabilitätssicherung nicht eine feste Formation festlegt.

Die mögliche Startelf

Eine Startelf zum jetzigen Zeitpunkt - ohne Verletzte - sähe wohl so aus: Neuer im Tor, Süle und/oder Rüdiger und/oder Ginter in der Abwehr; Klostermann und Halstenberg auf den defensiven Außenbahnen, Kimmich im defensiven Zentrum, Goretzka als Mittelfeldläufer sowie der Dreiersturm mit Sané-Gnabry-Werner. Kroos wird Löws Hochachtung bestätigen müssen, Havertz ist sofort eine erste Alternative, auch für den unmittelbaren Angriff, der trotz des torlosen Bemühens in Spanien mit nur einer Torchance viel verspricht: Tempo, Dribbel- und Schussstärke, Torgefährlichkeit.

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In erster Linie wird es aber um die Defensive gehen. Dafür muss Löw endlich ein stabiles Konzept in der Praxis umsetzen. Wichtiger als jedes System sei der taktische Inhalt, sagt er. Und wenn Löw als der originäre Fußballlehrer spricht, wird er emotional, leidenschaftlich, gestenreich, mitreißend. Diese Emotionalität und dieses Engagement wird er - wenn ihm dazu die Chance bleibt - seiner Mannschaft und auch der Öffentlichkeit vermitteln müssen. Zuletzt wirkte er müde. Aber welchen Trainer erfrischt schon eine 0:6-Klatsche?

Stimmung schlägt um

Als Löw mit Blick auf die von Corona verursachte Termindichte in 2020 viel testen wollte, hat er die Wirkung der Ergebnisse unterschätzt. Das spanische Resultat brachte ihn nun in arge Bedrängnis, die vorher schon abgekühlte Stimmung gegenüber der Nationalmannschaft hat sich radikal verschlechtert - sie richtet sich nun personalisiert vor allem gegen diesen Bundestrainer, obendrein auch seitens so manches Bundesliga-Vereins. Es wird spannend zu verfolgen, was das Treuebekenntnis der DFB-Verantwortlichen vom Mittwoch wert ist und wie lange es halten wird, bei diesem öffentlichen Druck. Die heftigen öffentlichen Reaktionen nach dem Spanien-Debakel werden im Verband genau registriert.

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