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Bundestrainer Joachim Löw und der DFB: Vertrauen und Risse

Der Bundestrainer unterschätzt die Macht der einenden Bilder

Löw und der DFB: Vertrauen und Risse

Hat nach etwas Abstand Stellung bezogen - zum 0:6 in Spanien, zum aktuellen DFB-Team und Internas: Bundestrainer Joachim Löw.

Hat nach etwas Abstand Stellung bezogen - zum 0:6 in Spanien, zum aktuellen DFB-Team und Internas: Bundestrainer Joachim Löw. imago images

Ein paarmal nutzte Joachim Löw (60) seine Hände zu kurzen, alles in allem aber sparsamen Gesten. Als er die Zielsetzung für die EM 2021 umriss, ballte er die linke Faust, um so die gewohnt höchsten Ansprüche einer deutschen Nationalmannschaft zu unterlegen: am liebsten Endspielteilnahme plus Titelgewinn. In der Regel aber saß der Bundestrainer im weinroten Rollkragenpulli sehr cool da, sprach exakt eine Stunde und ein paar Sekunden lang wohlüberlegt, konzentriert, entschlossen und auch kämpferisch zur Lage der DFB-Auswahl nach dem 0:6-Jahresabschluss in Spanien vor knapp drei Wochen. Ein niedergeschlagener oder amtsmüder DFB-Chefcoach war da nicht zu sehen und zu hören, sondern ein vitaler und kraftvoller.

Löw akzeptierte mit souveräner Einsicht die fachliche Kritik der vergangenen Tage, stellte aber sehr bald und unmissverständlich klar: Ihn selbst wie die mitverantwortlichen Partner in seiner Trainercrew plagen nicht im Ansatz irgendwelche Zweifel am im März 2019 konkretisierten personellen Umbruch.

Löws vertrauensbildende Maßnahme

Diese "rote Linie", wie Löw diesen Kurs nannte, dieser Weg solle konsequent fortgesetzt werden. Seinen dafür auserwählten Spielern sprach er das komplette Vertrauen aus, sie haben es nach Empfinden ihres Chefs verdient mit ihrer Einstellung zur Nationalmannschaft sowie ihrer vorbildlich engagierten Haltung auf dem Platz - selbstverständliche Ausnahme die Partie in Sevilla. Löw sieht in dieser Gruppe "unglaubliches Potenzial", das er und die Seinen 2021 allerdings nachweisen müssen. Löws überzeugtes "Ja" zur jetzigen Generation wurde zugleich zur vertrauensbildende Maßnahme, weil der Bundestrainer den aktuellen Spielern damit demonstrierte, wie stark er auf sie zu bauen gewillt ist.

Ein Comeback der aussortierten Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller schloss Löw damit nicht aus, doch entscheidend verändert hat er seine Meinung in dieser zuletzt immer wieder heiß diskutierten Frage nicht.

In jedem Fall, so beteuerte er mit Nachdruck, werde er bei der Auswahl der EM-Delegation 2021 ausschließlich im Sinne des Erfolges entscheiden - was auch sonst, es geht ja auch (trotz Vertrages bis Ende 2022) um seinen Job, weil nach einem Turnier immer abgerechnet wird.

Löw punktet nicht überall

Letztlich wird der definitive Kader für das paneuropäische Endturnier sowie schon den Vorlauf im März von der gerade in diesen Corona-Zeiten ständig wechselnden Personalsituation abhängen, Verletzungen können da erheblichen Einfluss nehmen. Zur Rückkehr der drei 2014er Weltmeister bestätigte der Bundestrainer sein bisheriges Vielleicht. Es bleibt alles offen, eben auch die Tür für dieses Trio. Insgesamt erklärte sich Löw zur Selbstkritik und zu Korrekturen bereit, Details verriet er nicht, da blieb er im Ungefähren und Allgemeinen.

Nicht punkten konnte er mit seinem Verweis auf die Pandemie sowie seine grundsätzliche Kenntnis der Bundesliga, als es um seine seltene Präsenz in den Bundesliga-Arenen ging. Da unterschätzt er die Macht der einenden Bilder, die von einem Bundestrainer vor Ort auf der Tribüne ausgeht.

Sehr deutlich wurde dieser Leitende Verbandsangestellte, als er die DFB-Indiskretionen rund um seine Person aufgriff. Da ließ er gerne und nachvollziehbar Luft ab. Wie schon bei der Zusammenkunft mit dem Präsidium am Montag der vergangenen Woche warb der Chefcoach um Geschlossenheit; seine Worte blieben damals ungehört, in den Tagen darauf wurden erneut Interna ausgeplaudert, wie schon zuvor Inhalte des Löw'schen Vertrags.

Eine heftige Verärgerung darüber bebt noch immer im Bundestrainer, da klaffen tiefe Risse innerhalb des DFB. Löw deutete "Maßnahmen" an. Sie sind überfällig.

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