Nationalelf

Löw: "Mir ist völlig egal, wer was wie sagt"

Bundestrainer vor dem Nations-League-Spiel in der Ukraine

Löw: "Mir ist völlig egal, wer was wie sagt"

Geht mit der Kritik gelassen um: Bundestrainer Joachim Löw.

Geht mit der Kritik gelassen um: Bundestrainer Joachim Löw. imago images

Es ist ein Duell unter ungewöhnlichen Vorzeichen, das die deutsche Fußballnationalmannschaft am Samstag in Kiew bestreitet. Der Gegner kämpft mit personellen Problemen aufgrund zahlreicher durch Corona-Infektionen bedingter Ausfälle, der DFB selbst bewegt sich vor Ort nur in einer streng abgeschirmten Blase und weilt aus Vorsichtsgründen nicht einmal 48 Stunden in der Stadt, die sich in den vergangenen Wochen zu einem Hotspot der Pandemie entwickelt hat. Zuschauer allerdings sind erlaubt und ausdrücklich erwünscht. 20.000 einheimische Fans sollen kommen und ihr Team, das zuletzt gegen Spanien (0:4) und Frankreich (1:7) zwei sportliche Tiefschläge kassieren musste, anfeuern. Eine beeindruckend große Anzahl gemessen an den eher strengen deutschen Maßstäben - selbst im großen Olympiastadion von Kiew.

"Ich denke, dass das so geregelt wird, dass da für niemanden auf dem Spielfeld oder in den Kabinen eine besondere Gefährdung vorliegt", sagte Joachim Löw am Freitag in Kiew. "Ich glaube auch, dass es für uns alle schön ist, wenn Zuschauer da sind, wenn eine gewisse Stimmung vorherrscht. Darauf kann man sich freuen." Der Bundestrainer sagte seine Sätze in einen weitgehend leeren Raum hinein. Die obligatorische Pressekonferenz vor dem Abschlusstraining fand lediglich virtuell statt. Deutsche Medienvertreter sind ohnehin nur vereinzelt in der Stadt, die in Kiew beantworteten Fragen wurden dementsprechend in Düsseldorf, München oder Hannover gestellt. Es ist nur eine weitere Kuriosität in dieser an Merkwürdigkeiten nicht eben armen Länderspielperiode Anfang Oktober.

Bayern-Block soll Stabilität verleihen

Dreimal spielte Löws Team zuletzt nur Remis und gab sowohl gegen Spanien (1:1), die Schweiz (1:1) als auch zuletzt beim 3:3 gegen die Türkei Führungen aus der Hand. Damit ähnliches in Kiew nicht erneut passiert, setzt der Bundestrainer auf einen starken Bayern-Block um Torhüter Manuel Neuer und Mittelfeldspieler Joshua Kimmich. Die Seriensieger aus München sollen dafür sorgen, dass das DFB-Team wieder Stabilität und Sicherheit ausstrahlt. Attribute, die zuletzt schmerzlich vermisst wurden - und zu einer stark negativ geprägten Stimmung rund ums DFB-Team geführt haben. Laut hallte in den vergangenen Tagen die Kritik am deutschen Auftritt gegen die Türkei und auch an Löws Trainerentscheidungen durch die Nation, geäußert nicht nur von Medienvertretern und Fans, sondern auch von ehemaligen Nationalspielern.

Die Dinge, die ich mache, mache ich aus absoluter Überzeugung.

Bundestrainer Joachim Löw

Löw will davon nichts mitbekommen haben in der Blase, in der er sich aktuell beim DFB-Team befindet. So zumindest stellte er es am Freitag dar: "Ich habe an den letzten beiden Tagen nichts gelesen. Weil es mir auch völlig egal ist, wer was wie sagt. Die Dinge, die ich mache, mache ich aus absoluter Überzeugung", sagte er und klang dabei fast ein wenig kampfeslustig. "Dass es Kritik gibt, okay, das kann ich verstehen. Aber das beeinflusst mich nicht. Ich bin zu lange dabei, habe manches erlebt. Ich kann Situationen ganz gut einschätzen. Das können Sie mir glauben."

Günstige Umstände für die DFB-Elf

Löw macht unbeirrbar sein Ding. Und dazu gehörte in Kiew auch, den kommenden Gegner trotz der zuletzt schwachen Ergebnisse gegen Spanien und Frankreich außerordentlich zu loben. "Die ukrainische Mannschaft hat eine sehr gute Qualität. Die Entwicklung unter Nationaltrainer Andrij Schewtschenko ist sehr gut. Sie haben fußballerisch gute Spieler, die technisch hochwertig sind. Ihre Spielanlage ist schnell und direkt. Sie haben einige gute Ergebnisse erzielt. Da waren sie auf Topniveau." In der Tat gelang im Oktober 2019 ein 2:1-Sieg gegen Portugal, auch die Schweiz wurde Anfang September 2020 mit 2:1 besiegt. Die aktuelle Mannschaft aber ist stark ersatzgeschwächt. Mehr als ein Dutzend Auswahlspieler fehlen. Die Bedingungen für die deutsche Mannschaft, sich das so dringend benötigte Erfolgserlebnis zu holen, sind also günstig.

Löw jedenfalls stellte am Freitag klar, was am Samstag für ihn zählt: "Die erste und wichtigste Aufgabe besteht darin, dass wir in der Lage sind, das Spiel zu gewinnen. Wir sind hochmotiviert und alle Spieler einsatzbereit." Das gilt auch für Timo Werner (FC Chelsea) und Serge Gnabry (FC Bayern), die in den vergangenen Tagen aufgrund kleinerer Infekte nur eingeschränkt trainieren konnten, sowie Toni Kroos (Real Madrid), den zuvor muskuläre Probleme plagten.

Matthias Dersch