Nationalelf

Bundestrainer Joachim Löw: "Ich kann keine Rücksicht mehr nehmen"

Bundestrainer will Ergebnisse in der Qualifikation, aber auch Aufbruchstimmung

Löw: "Ich kann keine Rücksicht mehr nehmen"

Sprach auch über seine Zukunft: Bundestrainer Joachim Löw.

Sprach auch über seine Zukunft: Bundestrainer Joachim Löw. imago images

Es geht um die WM-Qualifikation, natürlich. Und doch verhehlt Joachim Löw nicht, dass die EM im Sommer zum Auftakt in seine Abschieds-Tournee als Bundestrainer eine zentrale Rolle spielt. Der 61-Jährige machte während der Pressekonferenz am Mittwoch deutlich, dass er zweierlei will: Punkte in der Quali, aber auch Signale, die eine Aufbruchstimmung erzeugen. "Wir wollen nicht nur gut in die Qualifikation starten, sondern uns auch positiv zeigen, nachdem wir im November sehr schlecht raus gekommen sind aus dem alten Jahr."

Das denkwürdige 0:6 von Spanien hallt noch nach. Bis zu diesen März-Tagen in Düsseldorf und Duisburg. Löw hat es einerseits als "totalen Ausrutscher, weit unter unserem Niveau" abgearbeitet, aber eben auch zum Anlass genommen, Grundsätze aufzuarbeiten und festzulegen. Seine Rolle ("Auch ich habe Fehler gemacht, zum Beispiel, was die Körpersprache betrifft, aber ich war frustriert und wütend") und die der Spieler. "Es ging nicht nur um die Analyse von Spanien, sondern um Grundsätzliches: Wie wollen wir in der Defensive agieren? Wie in der Offensive? Es geht um die Basics. Da werden wir in der Vorbereitung gnadenlos dran arbeiten." In der Vorbereitung auf die EM, aber eben auch jetzt schon.

Der scheidende Coach stellt deshalb unmissverständlich klar, dass die Zeit der Experimente und Rücksichtnahme mit Beginn der Partie gegen Island vorbei ist. Wegen der besonderen Belastung durch die Corona-Pandemie war er während der drei Lehrgänge im zurückliegenden Kalenderjahr immer wieder Kompromisse bei der Nominierung und der Aufstellung eingegangen, jetzt stellt er vor den drei Partien in sieben Tagen klar: "Es geht nicht mehr um die Verteilung von Kräften. Ich kann keine Rücksicht mehr nehmen, es geht darum, die Spiele zu gewinnen und die Basis für die Vorbereitung im Hinblick auf die EM zu legen, wir müssen auch Automatismen einschleifen."

Klar ist, dass Toni Kroos nach seiner vorzeitigen Abreise wegen Adduktorenproblemen ausfällt, mindestens am Donnerstag muss Löw auch Robin Gosens, ebenfalls wegen Adduktorenproblemen, und Niklas Süle (Oberschenkelprobleme) ersetzen. Sorgen bereitet ihm insbesondere die Besetzung des zentralen Mittelfeldes nicht. "Ilkay Gündogan ist in sehr guter Form, Leon Goretzka und Joshua Kimmich ebenso, ich schätze auch Florian Neuhaus sehr. In diesem Bereich sind wir wirklich sehr gut besetzt."

Draxler und Brandt werden genau beobachtet

So gut, dass zwei Hochbegabte dieses Mal gar nicht dabei sind: Julian Draxler und Julian Brandt, ein Duo, das über Jahre ein Abonnement auf einen Kaderplatz besaß. "Die Tür ist für sie selbstverständlich nicht zu", erklärt Löw, formuliert aber auch klare Anforderungen: "Julian Draxler braucht Spiele und Rhythmus, er kann sich steigern, das gilt für Julian Brandt ebenso. Er hat riesige Fähigkeiten, aber ich erwarte mehr Torgefahr und werde die nächsten beiden Monate genau beobachten."

So deutlich der Weltmeister-Trainer den vollen Fokus von seinen Spielern einfordert, so sehr hat er ihn auch selbst gerichtet. Es geht ihm um das Hier und Jetzt, und um die EM, nicht um das, was danach für ihn kommen könnte.

Möglichen Spekulationen, etwa um einen Job in der Türkei, erteilt er vorerst eine Absage. Auch für die Zeit unmittelbar nach seinem finalen Turnier. "Ich weiß nicht, was bei meinem Berater los ist, aber ich will auch nichts hören und sehen, will mit nichts konfrontiert werden. Für mich gibt es jetzt nur die EM, das ist mein einziges Ziel. Bis dahin werde ich keine Gespräche führen." Und danach? "Das Turnier geht bis Juli, die Kader der Vereine stehen zu diesem Zeitpunkt schon. Direkt danach irgendwo reinzugehen, ist ja gar nicht möglich."

Sebastian Wolff