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Liverpool ohne Virgil van Dijk - wie ging das noch mal?

"Diesen Verlust kann sich Liverpool am wenigsten leisten"

Liverpool ohne van Dijk - wie ging das noch mal?

Sein Ausfall stürzt Jürgen Klopp in Schwierigkeiten: Virgil van Dijk am Samstag im Merseyside Derby.

Sein Ausfall stürzt Jürgen Klopp in Schwierigkeiten: Virgil van Dijk am Samstag im Merseyside Derby. imago images

Der FC Liverpool ist so abhängig von Virgil van Dijk, dass er gar nicht gemerkt hat, wie abhängig er von Virgil van Dijk ist. Wie auch? Seit dem 4. Februar 2018, seinem zweiten Ligaspiel für die Reds vor mehr als zweieinhalb Jahren, stand der 29-jährige Innenverteidiger in jedem Premier-League-Spiel in der Startelf.

Liverpool ohne van Dijk - wie ging das noch mal?

Jetzt muss es irgendwie gehen und zwar mehrere Monate lang: Weil Everton-Torwart Jordan Pickford den Niederländer am Samstag im Derby (2:2) rücksichtslos niederstreckte, fehlen Liverpool jetzt gleich mehrere Spieler auf einmal: der Abwehrchef, der Wortführer, der beste Verteidiger; wahrscheinlich sogar der wichtigste Mann im ganzen Kader.

Liverpools Titelchancen sind auf einen Schlag geschrumpft - das sagt auch die Statistik

"Von allen Spielern ist er derjenige, dessen Verlust sich Liverpool am wenigsten leisten kann", schrieb der "Guardian", als klar war, dass sich van Dijk schwer am Knie verletzt hat und operiert werden muss. Dass das Kreuzband betroffen ist, schrieb der Klub am Sonntag nicht, gilt aber als offenes Geheimnis.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Liverpools Chancen auf die Titelverteidigung am Samstag um 13.37 Uhr deutlich geschrumpft sind. Das sagen die Buchmacher, die ihre Quoten unmittelbar anpassten, und das sagt die Statistik.

Seit van Dijk da ist, spielten die Reds in fast der Hälfte ihrer Premier-League-Spiele zu null (45 von 94; ein Gegentor alle 111 Minuten). Mit ihm in der Startelf gewannen sie in den letzten beiden Jahren 75 Prozent ihrer Pflichtspiele, von den wenigen ohne ihn nur 40. In der Liga beträgt van Dijks Zweikampfquote für Liverpool 74 Prozent.

Gomez und Matip sind ausnahmsweise gleichzeitig fit - reicht das?

Nun war auch Europas Fußballer des Jahres 2019 mittendrin, als der Meister an den ersten Spieltagen der neuen Saison gegen Aufsteiger Leeds drei (4:3) und bei Fast-Absteiger Aston Villa sieben Gegentore kassierte (2:7). Doch das untermauert erst mal nur den Eindruck, dass Klopps Team generell an Stabilität verloren hat, seit der Meistertitel feststand - und dass das jetzt noch schlimmer werden könnte.

Zwar sind Joe Gomez (23) und Joel Matip (29) gerade ausnahmsweise gleichzeitig fit, was in den letzten Jahren so gut wie nie vorkam. Doch können sie van Dijks Ausfall auch kompensieren? Mindestens bis zum Januar, wenn der Transfermarkt wieder öffnet, sind sie Klopps letzte gelernte Innenverteidiger, wenn man einmal vom Ex-Stuttgarter Nathaniel Phillips (23) absieht, der noch nie ein Premier-League-Spiel bestritten hat. Dejan Lovren (31) ließen die Reds im Sommer nach St. Petersburg ziehen.

Fabinho glänzte erst im September als Innenverteidiger - neben van Dijk allerdings

Oder ist jetzt wieder Fabinho (26) gefragt? Beim überzeugenden 2:0-Auswärtssieg gegen Chelsea vorigen Monat hatte der defensive Mittelfeldspieler im Abwehrzentrum neben van Dijk ausgeholfen, weil Gomez und Matip, klar, verletzt ausgefallen waren. Das tat er zwar so überzeugend, dass sein Nebenmann anschließend ins Schwärmen geriet, aber genau da liegt jetzt das Problem: Van Dijk war Fabinhos Nebenmann.

Obwohl auch er Rechtsfuß ist, spielte van Dijk schon in Southampton stets links im Abwehrzentrum, in Liverpool sowieso. Jetzt müssen plötzlich Gomez, Matip oder Fabinho, allesamt rechtsfüßig, diesen ungewohnten Part übernehmen. Trainingseinheiten, um das zu üben, bieten die kommenden Wochen kaum; Gelegenheiten, sich ebenfalls zu verletzen, dagegen reichlich. Am Mittwoch (21 Uhr, LIVE! bei kicker) startet Liverpool bei Ajax Amsterdam in die neue Champions-League-Saison.

Wir werden auf ihn warten wie eine gute Ehefrau auf ihren Mann im Gefängnis.

Jürgen Klopp

In dem langen Statement, das van Dijk am Sonntagabend veröffentlichte und dem er die üblichen Parolen eines Langzeitverletzten formulierte ("Ich möchte mich für alle Genesungswünsche bedanken und werde alles tun, um meine Teamkollegen irgendwie zu unterstützen"), standen die entscheidenden drei Wörter ganz am Ende: "I'll be back" - "Ich werde zurückkehren".

Klopp kann es schon jetzt nicht mehr erwarten, obwohl noch nicht einmal ein OP-Termin feststeht. "Wir werden auf ihn warten wie eine gute Ehefrau auf ihren Mann im Gefängnis", sagte der Trainer der Klubwebsite am Montag. Van Dijk werde für "lange Zeit" ausfallen.

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Jörn Petersen