Int. Fußball

Lieblingsspiel: Derby Day in Abidjan

Elfenbeinküste, Africa Sports - ASEC Mimosas, 25. April 2010

Lieblingsspiel: Derby Day in Abidjan

Bleibende Erinnerung: Derby-Kick in Abidjan auf dem Weg zur WM in Südafrika.

Bleibende Erinnerung: Derby-Kick in Abidjan auf dem Weg zur WM in Südafrika. kicker

Die Mischung aus Vorfreude, Einblicke in andere Kulturen, das Stadionerlebnis und vor allem die kleinen Momente und Emotionen drumherum, das ist es, wofür ich den Fußball liebe. So kann ich für einen tristen Amateurkick durchaus vergleichbare Gefühle entwickeln wie für ein hochklassiges Finale. Es braucht keine Lichtershow, keinen Torjingle und keine Weltstars. Es gibt daher einige hochklassigere und emotionalere Spiele, die mir über die Jahre im Gedächtnis geblieben sind. Gewonnene Meisterschaften, bittere Pokalniederlagen. Vier Derbys innerhalb von 19 Tagen. Internationale Spiele in China, im Kosovo oder in Litauen, bei denen man selbst von guten Freunden nur mitleidiges Kopfschütteln erntet. Aber ein Spiel, das sich kürzlich zum zehnten Mal jährte und Erinnerungen hochspülte, bleibt für mich unvergesslich. Dabei kam es vergleichsweise spontan zustande.

Auf der Reise von Deutschland nach Südafrika legten wir nach Wüstenfahrten durch die Sahara erstmals eine längere Pause an der Goldküste ein. Wait, what? Ja, vor gut zehn Jahren reiste ich mit einer kleinen Gruppe per Auto von Deutschland zur Fußball-WM nach Südafrika. Ja, das geht, und ja, das ist ein Abenteuer. Aber auch andere Geschichte. Jedenfalls sollten die zwei Tage Aufenthalt in der ivorischen Küstenstadt Abidjan zum Durchatmen und Verarbeiten der vielen Eindrücke der letzten Wochen genutzt werden. Das Land war zum damaligen Zeitpunkt nach Bürgerkriegen geteilt, der Norden von Rebellen verwaltet, der Süden in Regierungshand. Wir waren froh, das Zwischenziel sicher erreicht zu haben.

Ein zufälliger Blick in eine ausliegende Zeitung eröffnete uns eine gute Alternative zu einem entspannten Tag am Strand. Das Spitzenspiel und "ewige Derby" der ivorischen Ligue 1 war für den Nachmittag angesetzt. Africa Sports, der amtierende Meister und nach zehn Spieltagen Tabellenfünfter, gegen ASEC Mimosas, seines Zeichens ivorischer Rekordmeister und nach fünf Siegen in Folge aktueller Tabellenführer. Derby Day in der Elfenbeinküste, wie sensationell ist das denn? Ein Spektakel vor Augen, volle Hütte, kreative Choreografien, ein umkämpftes Spiel - die Entscheidung, vor Ort dabei sein zu wollen, war schnell gefallen.

Aus der Zeit gefallener Prachtbau - Aufschlag für einen Schattenplatz

Afrikanischer "Charme": Das Stadionschild in Abidjan. kicker

Bereits die Anfahrt zum Stadion wurde zum Erlebnis. Auf mit ein bis fünf Personen besetzten Motorrädern pilgerten die Fans in Richtung Spielstätte. Viele im Trikot, teilweise geschminkt oder sogar verkleidet. Fußball wird in vielen anderen afrikanischen Ländern ausgiebig zelebriert. Zu rhythmischer Musik tanzende und klatschende Menschen, gute Laune und fröhliche Gesichter.

Das nach dem ersten Staatspräsidenten benannte Stade Félix Houphouët-Boigny wirkte schon aus der Ferne wie ein aus der Zeit gefallener Prachtbau. Klobig und schroff, die außergewöhnlich konstruierten Flutlichtmasten, die man in der Form eher auf Supermarktparkplätzen vermuten würde, bildeten Fixpunkte in den Zufahrtsstraßen. Für Schattenplätze wurde ein Eintrittspreis von umgerechnet zwei Euro verlangt, doppelt so teuer wie die gegenüberliegende Kurve in der prallen Sonne. Ein Platz mit Sitzschale auf der Haupttribüne war für fünf Euro zu haben. Zu unserem Erstaunen wurde die Eintrittskarte beim Einlass nicht nur eingerissen, sondern in viele kleine Schnipsel zerlegt. Das Andenken konnte nur mit frühzeitiger Intervention gesichert werden.

Für 2 Euro: Ein Plätzchen im Schatten. kicker

Ein Ort zum Verlieben

Wenn man eine Leidenschaft für Stadien in sich trägt, geht beim Betreten der Tribüne das Herz auf. Vieles war trotz mehrerer Modernisierungen etwas in die Jahre gekommen, dazu ein erstaunlich gut gepflegtes, von einer Laufbahn umgebenes Grün. Eine einzigartige Konstruktion im typischen Stile der zur WM 2006 größtenteils wegmodernisierten Stadien in Deutschland, bei denen man aus den unteren Reihen der Hintertorkurven fast nichts mehr erkennt und die Schlachtrufe einen weiten Weg bis auf die andere Seite haben. 35.000 Plätze fasst die Schüssel, sie wird von Hochhäusern umrahmt und bietet aus den oberen Reihen einen Blick über die Ébrié-Lagune. Für mich ein Ort zum Verlieben.

Aus den Boxen schallte in ohrenbetäubender Lautstärke leicht überpegelte afrikanische Musik, vereinzelt tanzten Fans dazu auf ihren Plätzen. Das Stadion füllte sich nur zaghaft, am Ende dürften es kaum 5.000 Zuschauer sein, die sich mit der Bewegung des wenigen Schattens, den der Flutlichtmast spendete, im Laufe des Spiels über die Tribünen verschoben. Der Stadionsprecher begrüßte im Stile eines Staatsoberhaupts die Zuschauer und verkündete die Mannschaftsaufstellungen. Auch rückwirkend gab es bei der Recherche keinen Spieler, der es anschließend zu internationalem Ruhm gebracht hat. Die ivorischen Nationalspieler waren - wie auch heute - nahezu ausschließlich in den großen Ligen Europas aktiv, lediglich ASECs Torhüter Daniel Yeboah durfte seine Nationalmannschaft später als dritter Torhüter nach Südafrika begleiten - der einzige in seinem Heimatland aktive Spieler im Kader der "Elefanten".

Die Kontrahenten: Africa Sports und ASEC Mimosas. kicker

ASEC kann auf eine glorreiche Geschichte zurückblicken. Rekordmeister der Elfenbeinküste, 1998 sogar der Gewinner der afrikanischen Champions League. Spieler wie Yaya Touré, Gervinho, Kolo Touré oder Salomon Kalou entstammen dem weltweit angesehenen Nachwuchszentrum der Klubs, trugen einst das schwarz-gelbe Dress und starteten von hier ihre internationale Karriere, die durch eine Partnerschaft mit dem belgischen Verein Beveren viele Spieler nach Europa führte. Africa Sports hingegen feierte insbesondere in den 80er Jahren national und internationale Erfolge, gemeinsam konnten beide Teams über zwei Drittel der insgesamt 60 Meisterschaften untereinander ausmachen. ASEC gewann 26, Africa Sports 17. Allein von den Zahlen ein beeindruckendes Duell.

Bei 35 Grad im Schatten: Kein Spiel für Feinschmecker

Der Spielverlauf ist leider recht schnell zusammengefasst. Bei drückenden 35° im Schatten verzichteten beide Teams fast komplett auf schnelle Spielzüge. ASEC übernahm als Spitzenreiter zunächst das Zepter und suchte nach der Lücke im Abwehrverbund von Africa Sports. Zu Torraumszenen kam es jedoch kaum. Nachdem in der 23. Minute Abwehrspieler Coulibaly Dalla auf Höhe der Mittellinie mit den Beinen voraus seinen Gegenspiel auf Hüfthöhe umtrat, spielte Africa Sports fortan in Unterzahl.

Eine klare wie äußerst unnötige Rote Karte, die das folgende Spielgeschehen noch einseitiger verlagerte. Africa Sports unternahm nicht mal mehr den Versuch, sich aus der eigenen Hälfte zu befreien, stellte sich mit den verbliebenen neun Feldspielern hinten rein und drosch den Ball so weit wie möglich raus. ASEC suchte verzweifelt nach einer Lücke, die Flanken aus dem Halbfeld und Schüsse aus der zweiten Reihe, die das Tor meist deutlich verpassten, ließen Trainer und Publikum verzweifeln. Besonderes Highlight der ersten Hälfte war daher die wechselnde Farbe des Spielgeräts, da kurioserweise kein einheitliches Set vorhanden oder vorgeschrieben war.

Spiel auf ein Tor: ASEC rannte immer wieder an. kicker

Während das Spiel dahin plätscherte, hatten wir Zeit, unsere Blicke durch das Rund schweifen zu lassen. Fans von ASEC bildeten ein ganzes Trommelorchester und wurden nur von vereinzelten Vuvuzelas unterbrochen, deren Töne sich besonders bei der folgenden WM bei den Fernsehzuschauern zu einem bienenschwarmartigen Dauerbrummen zusammenfügten. Ein paar Banner waren zu entdecken, die die Leidenschaft für die "Mimosen" oder die "Jungen Adler" zum Ausdruck bringen sollten. Ordnungskräfte und Polizisten waren beschäftigt, die Gruppen auseinander zu halten. Auf der Haupttribüne wurde sich zum Spielverlauf besonders kritisch geäußert und mit verbalen Einwürfen lauthals Gehör verschafft. Einige Zuschauer nutzten die Halbzeit zum Nickerchen.

Am Ende waren es die Sanitäter, die die meisten Kilometer abspulten

Je länger das Spiel lief, desto kreativer wurde die Spielverschleppung. Reihenweise lagen Spieler am Boden, mit oder ohne vorherigem Gegnerkontakt. Spieler erfuhren scheinbar zufällig an der gegenüberliegenden Eckfahne von ihrer Auswechselung und konnten den Weg zurück nur humpelnd absolvieren. Als interessierter Verfolger des Afrika-Cups bin ich ein gewisses Maß an liebenswertem Slapstick gewohnt, diesbezüglich gaben sich die Akteure wirklich große Mühe. Auch der Torwart von Africa Sports musste sich schließlich behandeln lassen, nachdem er einem der verunglückten Weitschüsse hinterhergeflogen war und wohl zu hart auf dem Boden aufgekommen zu sein schien.

So waren es am Ende die fünf Sanitäter mit der Trage, die gefühlt die meisten Kilometer abspulten. Kaum waren sie wieder auf ihren Hockern am Spielfeldrand angekommen, wartete irgendwo jemand auf ihren erneuten Einsatz und sorgte für den Rest der Mannschaft für eine weitere Trinkpause. Bei den hiesigen Temperaturen war das durchaus nachvollziehbar, dennoch blieb ein gewisses Geschmäckle. Es blieb beim torlosen Remis.

Stadionerlebnisse: Abidjan schafft es in die Top 5

Letztlich konnten wohl beide Teams mit dem Punkt leben. ASEC hielt die Verfolger auf Distanz und gewann am Ende der Saison überlegen den Titel. Für Africa Sports war nach dem Platzverweis ohnehin der Glaube an einen Sieg dahin. Unsere Hoffnung auf ein hitziges, hochklassiges Derby hatte sich ebenfalls schon frühzeitig verabschiedet. Als am frühen Abend der Himmel seine Schleusen öffnete und zumindest kurzfristig für Erfrischung sorgte, setzte aber so langsam die Erkenntnis ein, dass wir dennoch etwas ganz besonderes erlebt hatten. Wahrlich kein schönes Spiel, aber ein einzigartiges Erlebnis. Wer kann schon behaupten, einem Derby in der Elfenbeinküste beigewohnt zu haben? Rückblickend hat das 0:0 in der Hitze von Abidjan auf jeden Fall einen Platz in den Top 5 meiner Stadionerlebnisse sicher.

David Gohla