Bundesliga

Lieberknecht zu Klassenerhalt: Wäre mehr als ein Wunder

Darmstadt auf Abstiegskurs

Lieberknecht zu Klassenerhalt: Wäre mehr als ein großes Wunder

Der Klassenerhalt ist in weite Ferne gerückt: Torsten Lieberknecht.

Der Klassenerhalt ist in weite Ferne gerückt: Torsten Lieberknecht. IMAGO/Jan Huebner

Es war das Schlüsselspiel im Kampf um den Klassenerhalt für Darmstadt 98. Doch zu keinem Zeitpunkt hatte man beim 0:4 in Mainz ernsthaft das Gefühl, dass die Lilien beim Abstiegskonkurrenten Mainz etwas reißen können. Schon nach fünf Minuten hätten die Gastgeber mit zwei Toren führen können. Dass Mathias Honsak kurz darauf offenbar nicht voll durchzog, als er allein auf den Mainzer Keeper zulief, war symptomatisch für das letzte Bisschen, was Darmstadt in der laufenden Saison so oft gefehlt hat.

Standardschwächen und individuelle Fehler

Ebenfalls symptomatisch war, dass die Lilien wieder einmal nach einem gegnerischen Standard in Rückstand gerieten. Dass Bartol Franjic nach einer Stunde den zweiten Mainzer Treffer mit einem haarsträubenden Fehler einleitete, war einer von vielen individuellen Fehlern in der Lilien-Defensive in der laufenden Saison. Als kurz darauf dann auch noch Offensivmann Tim Skarke die Chance zum Anschlusstreffer ausließ, war die Partie gelaufen.

Lieberknecht gezeichnet, Holland appelliert an Stolz

Entsprechend gezeichnet war Trainer Torsten Lieberknecht nach dem Spiel. "Wir müssen realistisch sein. All das, was wir uns für Darmstadt 98 in dieser Saison wünschen, wäre ein mehr als großes Wunder", sagte der 50-Jährige. Mannschaftskapitän Fabian Holland nahm das Team moralisch in die Pflicht, sich in den verbleibenden Spielen würdig zu präsentieren und zu zeigen, was es bedeute, die Lilie auf der Brust zu tragen.

Kaderqualität reicht nicht für Bundesliga

Die Gründe für die schwache Saison mit bislang 14 Punkten aus 28 Spielen sind vielschichtig. Doch zentral lag es an der fehlenden Qualität des Kaders. Abgesehen vom desolaten Auftritt beim 0:6 gegen Augsburg gestalteten die Lilien alle Partien zumindest phasenweise offen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten waren sie also stets bemüht. Allerdings waren die Möglichkeiten zu gering für die Liga.

Was die Lilien 2015 besser machten

Das war schon vor der Saison abzusehen - und die Verantwortlichen hätten es besser wissen können. Nach dem Bundesliga-Aufstieg 2015 etwa hatten die Lilien-Verantwortlichen um Trainer Dirk Schuster die Fehler anderer Aufsteiger analysiert und waren zu dem Schluss gekommen, dass diese zu sehr auf die Aufstiegsspieler vertraut hatten. Deswegen holte man mehrere bundesliga-erfahrene Profis wie Peter Niemeyer, Konstantin Rausch oder auch Sandro Wagner. So hielt man sensationell die Klasse - wenn auch nur für ein Jahr.

Zu sehr auf Aufstiegshelden vertraut?

Auch Lieberknecht wurde vorgeworfen, dass er bei Eintracht Braunschweig nach dem Bundesliga-Aufstieg 2013 zu sehr auf die Zweitliga-Helden gesetzt hatte, mit denen er dann eine Saison später wieder sang- und klanglos abstieg. Doch trotz dieser Erfahrungen bei Lieberknecht und Lilien-Präsidium verzichtete man in Darmstadt im vergangenen Sommer nahezu vollständig auf die Verpflichtung gestandener Bundesliga-Spieler.

Nachtreten: Wehlmann als Sündenbock

Wenn jetzt im Nachhinein mehr oder weniger offen der langjährige und im Winter ausgeschiedene Sportliche Leiter Carsten Wehlmann für den nicht bundesliga-tauglichen Kader verantwortlich gemacht wird, dann ist das schlechter Stil und hat etwas von Nachtreten. Auch wenn in Wehlmanns Stellenbeschreibung die Kaderplanung zentral war, hieß es doch stets, dass die Entscheidungen im Team getroffen worden seien. Im Licht der Erfolge hat man sich gemeinsam gesonnt.

Selbst wenn Wehlmann sich nach erfolgreichen Jahren mit vielen guten Verpflichtungen vor dieser Saison auf dem falschen Weg befand, bleibt die Frage: Wieso haben die anderen Verantwortlichen nicht gegengesteuert, obwohl sie - im Gegensatz zu Wehlmann - doch andere Erfahrungen hatten? Sie stehen genauso in der Verantwortung.

Blick nach vorn - mit Fernie

Die Saison 2023/24 ist verkorkst und verloren für den SV Darmstadt 98. Jetzt gilt es, sich mit Anstand zu verabschieden und den Blick nach vorne zu richten. Eine maßgebliche Rolle für die Zukunft kommt dabei dem neuen Sportlichen Leiter zu, bei dem es sich nach kicker-Informationen um Paul Fernie (36) vom SV Wehen Wiesbaden handelt.

Stephan Köhnlein

Bilder zur Partie 1. FSV Mainz 05 gegen SV Darmstadt 98