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Lewandowski wäre ein würdiger Gewinner, aber: Jeder Sieger verdient Respekt

Kommentar zur Vergabe des Ballon d'Or

Lewandowski wäre ein würdiger Gewinner, aber: Jeder Sieger verdient Respekt

Stolzer Gewinner des Ballon d'Or - zum siebten Mal in seiner erfolgreichen Karriere: Lionel Messi.

Stolzer Gewinner des Ballon d'Or - zum siebten Mal in seiner erfolgreichen Karriere: Lionel Messi. Getty Images

Stellen wir uns für einen Moment vor, wir wüssten immer noch nicht, wer den Ballon d’Or gewonnen hat. Aber wir wissen, dass derjenige Fußballer im Jahr 2021 in 56 Spielen 41 Tore für seine Klubs und die Nationalmannschaft erzielt hat. Dazu unglaublich viele Assists. Wir wissen auch, dass er mit seinem Land die Kontinentalmeisterschaft gewonnen und dazu vier Treffer beigesteuert hat. Wir wissen, dass er ein fantastischer, auf seine Weise sogar einzigartiger Fußballer ist. Dass er eine Karriere hingelegt hat, die ihresgleichen sucht. Dass er ein fairer Sportler ist - und dass er damit alle Kriterien erfüllt, die für diese Wahl relevant sind.

Würde man da für eine Sekunde auf die Idee kommen, zu behaupten, dieser Spieler hätte die Auszeichnung nicht verdient?

Wohl kaum.

Und wir wissen ja, dass es der Argentinier Lionel Messi von PSG ist. Daher herzlichen Glückwunsch, auch vom kicker.

Missgunst vor Freude für die "anderen"

Jeder Sieger, auch und gerade Messi wegen seiner Lebensleistung, verdient Respekt. Es ist in unserer Gesellschaft fast schon zu einer unrühmlichen Sportart geworden, immer zu meckern. Zu neiden. Missgunst zu zeigen. Statt sich zu freuen, auch mal mit "anderen".

Dieses Gefühl, der "Andere" hätte gewonnen, beschlich möglicherweise manchen Fan an diesem Galaabend. Vielleicht auch nicht zu Unrecht. Hatte nicht Jorginho mit Chelsea die Champions League und mit Italien die EM geholt? Also mehr als Messi, der "nur" mit Argentinien triumphierte? Wäre Jorginho nicht ein verdienter Sieger? Ja, sicher, wäre er das.

Hat nicht Robert Lewandowski mit 64 Toren für Bayern und sein Land Polen in 54 Partien Messis Torquote noch mal klar getoppt? Wäre Lewandowski nicht, unabhängig von einer deutschen oder polnischen Sicht, objektiv ein verdienter Sieger? Ja, sicher, wäre er das.

Aber 170 Journalisten aus aller Welt haben abgestimmt - und deren mehrheitliches, demokratisches Votum gilt es eben fair zu respektieren, wenn sie Messis Copa-Sieg mehr Gewicht verleihen als Lewandowskis Bundesliga-Torrekord.

2020 geplatzt: Geste von Messi

Dass aus Bayern-Warte gerade im Jahr des Triples 2020 diese Trophäe nicht vergeben worden, ist bitter für den Klub und viele seiner Stars, speziell für Lewandowski. Aber wohl nicht mehr zu ändern. Und auch das ist nicht Messis Schuld.

Robert Lewandowski

Gute Laune trotz Rang 2: Robert Lewandowski (hier mit seiner Frau Anna Lewandowska). AFP via Getty Images

Messi sagte bei seiner Dankesrede selbst, dass auch Lewandowski den Titel verdient gehabt hätte und eigentlich nachträglich noch verliehen bekommen solle. Das stimmt absolut, denn mehr als Lewandowski kann ein Stürmer nicht leisten. Doch der ist aus dem Holz geschnitzt, diese Auszeichnung nun 2022 gewinnen zu wollen und nicht zu resignieren.

Lewandowski wurde immerhin als bester Torjäger des Jahres ausgezeichnet, vielleicht nur ein Trostpreis an diesem Abend, Chelsea als Team des Jahres mit den meisten Nominierungen, das ist auch ein Verdienst des deutschen Trainers Thomas Tuchel.

Gänsehaut und Persönlichkeit Kjaer

Was aber in Erinnerung bleibt von diesem Abend ist der Eindruck, dass irgendwie jeder Star, so groß er auch sein mag, stolz schien, neben einem noch größeren zu sitzen. Was alle sympathisch erscheinen ließ - vor allem übrigens Lewandowski, der den 2. Platz nicht als Niederlage ansehen darf.

Aber von Lewandowski ist der Weg gedanklich nicht weit zum einzigartigen Gerd Müller, dessen bei der Preisverleihung in Paris ebenso gedacht wurde wie Diego Maradona. Das verursachte Gänsehaut beim Betrachter, ebenso natürlich die Dankesrede der Gewinnerin bei den Frauen, Alexia Putellas vom FC Barcelona, die ihre Auszeichnung ihrem bereits früh verstorbenen Vater widmete. Aber auch das besondere Lob von Moderator Didier Drogba für Simon Kjaer, der sich als große Persönlichkeit und echter Kapitän erwies, als er mit seinen dänischen Kollegen einen Schutzwall um Christian Eriksen bildete, als dieser bei der EM im Sommer um sein Leben gekämpft hatte. Dass Eriksen, Gott sei Dank, diesen Kampf damals gewonnen hat, ist mehr wert in diesem Fußballjahr als jede Trophäe. Auch als der Ballon d’Or.

Das Ballon-d'Or-Ranking: Wer wie viele Punkte bekam