Europa League

Leverkusens Kantersieg: Ein Gewinner und eine Mahnung

Bayer glänzt in Glasgow, offenbart aber auch Schwächen

Leverkusens Kantersieg: Ein Gewinner und eine Mahnung

Klarer Sieg, aber nicht alles war perfekt: Piero Hincapie und Gerardo Seoane (re.).

Klarer Sieg, aber nicht alles war perfekt: Piero Hincapie und Gerardo Seoane (re.).

Aus Glasgow berichtet Stephan von Nocks

Nach einem 4:0-Erfolg im "Paradise", wie der Celtic Park genannt wird, darf man nicht meckern - zumindest nicht, bevor man ausreichend lobende Worte gefunden hat. Was nicht schwierig ist. Gründe für "ein großes Kompliment", das Gerardo Seoane seiner Mannschaft aussprach, gab es zu genüge.

So lieferte Piero Hincapie bei seinem Startelf-Debüt eine Glanzleistung ab. Und das beileibe nicht nur, weil der Innenverteidiger den Führungstreffer erzielte. Der 19-Jährige agierte vor der beeindruckenden Kulisse von über 50.000 enthusiastischen Zuschauern wie ein alter Hase, maximal abgeklärt und spielerisch bemerkenswert.

Für Seoane keine wirkliche Überraschung. "Das hat man schon in den letzten zwei, drei Einsätzen gesehen, dass er total belastungsresistent ist, was die Atmosphäre anbelangt. Er bleibt wirklich sehr ruhig. Er hat es gut gemacht, hatte eine gute Spielauslösung, hat viele Duelle gewonnen. Das Tor war das i-Tüpfelchen", lobte der Schweizer.

Natürlich wussten wir das.

Seoane

Hincapie, der der Gewinner des Abends bei den Siegern war, und Abwehrchef Jonathan Tah bildeten ein Bollwerk gegen wild attackierende Schotten, die die Werkself beim 2:0 gezielt an einer Schwachstelle trafen. So entblößte Celtic in Ballbesitz durchweg mit dem in den Sechserraum einrückenden Außenverteidiger Anthony Ralston die rechte Abwehrseite. Eine Lücke, die Bayer gemäß Matchplan nutzte, wie Seoane später bestätigte.

"Natürlich wussten wir, dass Celtic mit vielen Positionswechsel agiert. Deswegen haben wir unser Zentrum vorbereitet, um dann schnell umzuschalten, wenn da ein Ball reingespielt wird und wir ihn erobern, weil der Außenverteidiger im Zentrum und der Flügel frei ist", erklärte der Trainer die Idee und lobte die Umsetzung.

Dass Hradecky der Matchwinner ist, sagt auch etwas aus

"Das haben sie hervorragend gemacht mit Paulinho, der sehr gut in diesen Raum gegangen ist, aber auch die Laufwege von Moussa Diaby und Florian Wirtz - das waren 40-Meter-Sprints mit Genauigkeit und gut getimt", urteilte der Trainer, "ein tolles Tor". Das der 18-jährige Wirtz erzielte, der nun in sechs Pflichtspielen in Serie getroffen hat. Das der gute Paulinho mit einem genialen Pass vorbereitete. Nicht der einzige Angriff, bei dem die Werkself ihr Offensivpotenzial eindrucksvoll demonstrierte.

Und auch Lukas Hradecky zeigte Außergewöhnliches, entwickelte sich zum Alptraum für Celtics Angreifer. Doch wenn der Torhüter bei einem 4:0-Sieg von Beginn an zum Spieler des Spiels avanciert, belegt dies, dass nicht alles Gold war, was bei Bayer glänzte.

"Wir hatten auch einige Fehler, die für uns teuer hätten werden können, wenn wir keinen hervorragenden Lukas Hradecky gehabt hätten", räumte Seoane ein. Gerade nach der Pause entglitt Bayer trotz einer 2:0-Führung die Kontrolle über das Spiel. Aufgrund defensiv wackeliger Außenverteidiger und böser Ballverluste im Mittelfeld, in dem Charles Aranguiz ungewöhnlich fehlerhaft agierte, galt es, viele heikle Situationen zu überstehen.

Seoane konstatiert: "Das ist uns nicht gelungen"

In dieser Phase wäre es wichtig gewesen, "wie in der ersten Hälfte wieder Tritt zu fassen, wieder längere Ballstafetten zu haben, um das Spiel zu beruhigen - das ist uns nicht gelungen", konstatierte Seoane. Also löste dieser die Probleme in der Schlussphase mit der Umstellung auf eine Dreierkette gegen nun zwei zentrale Celtic-Angreifer pragmatisch, "um das Resultat zu sichern".

Makellos war Bayers Auftritt in Glasgow also keineswegs. Und der Kantersieg lieferte somit auch eine unübersehbare Mahnung. Seoane hat gute Ansatzpunkte, um seine Mannschaft nach dem Triumphzug im "Paradise" auf dem Boden zu halten, damit auf der Bielefelder Alm kein Höllenritt erfolgt. Nach dem Highlight im Celtic Park wird der Schweizer im grauen Liga-Alltag am Sonntag ab 19.30 Uhr sehen, welchen Reifegrad und welche Stufe der Seriosität sein Team wirklich erlangt hat.

"Wir haben es vermisst": Tah, Wirtz und Hradecky feiern die Stimmung in Glasgow

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