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Leon Balogun im Interview über die Rangers-Meisterschaft und Rassismus

Rangers-Profi über Rassismus und den Titel in Schottland

Leon Balogun im Interview: "Mich interessieren diese elenden Kampagnen nicht mehr"

Ein Vorfall, der noch immer hohe Wellen schlägt: Leon Balogun (re.) über die rassistische Beleidung gegen Glen Kamara (li.).

Ein Vorfall, der noch immer hohe Wellen schlägt: Leon Balogun (re.) über die rassistische Beleidung gegen Glen Kamara (li.). Getty Images

Herr Balogun, wie viel Freude über die Meisterschaft ist nach drei Wochen noch vorhanden?

Sehr viel, wenn ich mich in den Moment zurückversetze. Aber unser Alltag ging ja direkt weiter. Wir hatten noch die Europa League und haben jetzt noch den Pokal. Und vor allem gibt es noch ein paar Rekorde zu brechen. Wenigste Gegentore, die meisten Spiele zu null, solche Sachen. Natürlich haben wir versucht, den Moment zu genießen, aber wir mussten ziemlich schnell wieder hochfahren. Ich bin mir sicher, dass wir, wenn wir dann am letzten Spieltag die Trophäe erhalten, ordentlich feiern können.

Zum ersten Mal seit 2011 konnten sich die Rangers wieder am Erzrivalen Celtic vorbeischieben. Wie?

Wahrscheinlich bin ich nicht zu hundert Prozent der richtige Ansprechpartner, um diese Frage beantworten zu können. Ich bin jetzt erst ein Jahr hier, und in diesem Jahr lief alles überragend. Es gibt einige Leute im Klub, die ganz andere Zeiten erlebt haben und erleben mussten.

Die Rangers mussten nach der Insolvenz 2012 in die vierte Liga absteigen und sich Stück für Stück wieder hocharbeiten.

Was ich zumindest mitbekommen habe: Seit Steven Gerrard übernommen hat (im Juni 2018, d. Red.), waren wir den anderen auf den Fersen.

"Den anderen". Sie dürfen Celtic nicht aussprechen?

Leon Balogun im Duell mit "den anderen"

Leon Balogun im Duell mit "den anderen". Getty Images

Was heißt dürfen. Ich versuche, es zu vermeiden, auch aus Respekt vor der tiefen Rivalität. Ich war zwar nicht selbst dabei, aber es muss hier mal einen Spieler gegeben haben, der Schuhe hatte, die zum großen Teil grün waren. Da hat wohl jemand aus dem Trainerstab die freundliche Bitte formuliert, diese Schuhe nicht nochmal anzuziehen.

Zum Glück tragen Sie bei der nigerianischen Nationalmannschaft kein grünes Trikot...

Da hatte ich auf einer meiner ersten Länderspielreisen als Ranger mal was in meine Instagram-Story gepostet, woraufhin ein Fan schrieb: "Ja, Großer. Ich freue mich für dich und so. Aber bitte überdenkt doch nochmal eure Farben." Das war natürlich nur ein Spaß, aber man sieht schon, dass das Ganze sehr tief geht.

Also nochmal zurück: Warum waren die Rangers dieses Mal besser als "der andere Verein"?

Wir sind nicht eingebrochen. Wir haben jedes Spiel für sich genommen trotzdem und immer das große Ganze im Blick gehabt. Wir sind nach wie vor ungeschlagen, und dann hörst du natürlich viele Nebengeräusche, die Erwartungen steigen. Aber da sind wir wirklich ganz locker geblieben. Dahinter steckt akribische Arbeit. Nach Unentschieden, und davon gab es nur fünf, fühlte es sich in der Kabine an wie nach einer Niederlage. Nicht weil es so dramatisch war, sondern weil wir uns einfach so fest vorgenommen haben, uns das nicht zu erlauben. In der Vergangenheit war es nämlich so, dass der andere Klub dann eiskalt zugeschlagen und unsere Patzer ausgenutzt hat. Dieses Mal lief es andersrum. Und 20 Punkte Vorsprung bekommst du nicht einfach so.

Ist es unter den aktuellen Umständen der Pandemie die beste Entscheidung gewesen? Vermutlich nicht. Ist sie dennoch emotional nachvollziehbar? Absolut.

Balogun zur Fan-Feier über die Meisterschaft

War die besondere Note, Celtic den historischen zehnten Titel in Folge zu verderben, denn trotzdem zu spüren?

Jein, weil die Fans nicht da waren. Da bricht nun mal ein riesiger Teil weg, der den Verein ausmacht, die Derbys und die Stimmung. Der Verein hat versucht, gerade den neuen Spielern zu erklären, wie viel das bedeutet. Weil die eine solche Situation ja nicht kannten. Die Fans waren zwar nicht da, aber es war unseren Spielern durchaus bewusst, was für eine lange Leidenszeit die Anhänger in den Jahren davor durchgemacht haben. Dann kriegst du ungefähr ein Gefühl dafür.

Der Verein musste sich nach der feststehenden Meisterschaft entschuldigen, weil mit den Fans vor dem Ibrox-Stadion etwas zu sehr gefeiert wurde. Mal ehrlich, man kann es niemandem wirklich verübeln oder?

Die Rangers-Fans feiern - verbotenerweise - zusammen die Meisterschaft

Die Rangers-Fans feiern - verbotenerweise - zusammen die Meisterschaft. Getty Images

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es woanders bei einer lang ersehnten Meisterschaft anders gelaufen wäre. Und ich denke nicht, dass der Verein dafür verantwortlich ist. Der Klub kann ja nicht ganz Glasgow abriegeln. Du kannst nur appellieren. Aber bitte: Gerade in dieser miesen Situation, die wir seit über einem Jahr erleben, gab es jetzt halt was, das viele Menschen in Glasgow unglaublich glücklich gemacht hat. Und dann haben sie ihren Emotionen freien Lauf gelassen. Ist es unter den aktuellen Umständen der Pandemie die beste Entscheidung gewesen? Vermutlich nicht. Ist sie dennoch emotional nachvollziehbar? Absolut.

Der Macher des Erfolgs ist nicht ganz so unbekannt: Steven Gerrard. War er es, der Sie im Sommer von einem Wechsel von Brighton nach Glasgow überzeugte?

Ganz einfach: Ja.

Und zwar wie?

Ich war an Wigan (zweite englische Liga, d. Red.) ausgeliehen, und wir hatten noch fünf oder sechs Spiele auf dem Programm. Mein Berater meinte, dass er zwei Angebote für mich hatte. Dabei war eins, dass er für "unfassbar groß" hielt.

Wie man halt einen Spannungsbogen aufbaut.

Ja, wirklich. Ich dachte: "Was kommt jetzt? Was wird das?" Als er es mir verriet, war meine erste Reaktion eher ruhig. Ich hatte zuerst weniger den Klub, sondern eher die schottische Liga im Kopf. Ich denke, ich trete niemandem auf die Füße, wenn ich sage, dass diese jetzt nicht zu den populärsten der Welt gehört.

Das ist für mich unverständlich. Das war berechnend.

Belogun über die rassistische Beleidigung gegen Kamara

Aber offenbar konnten Sie überzeugt werden.

Mein Berater hat mir noch einige Sachen erzählt, und ich habe selbst viel recherchiert. Ich konnte Europa League spielen, unter einer absoluten Legende trainieren. Und halt auch einfach mal um eine Meisterschaft spielen. In Mainz oder Brighton ging es ja eigentlich immer nur um den Klassenerhalt.

Und was hat Ihnen Gerrard so erzählt?

"Fanboy" Balogun mit Trainer Steven Gerrard

"Fanboy" Balogun mit Trainer Steven Gerrard. imago images

Wir haben uns zu einem Zoom-Call verabredet mit Gerrard und dem sportlichen Direktor, Ross Wilson. Da hatte ich erstmal einen kleinen Fan-Moment und den auch so eingestanden, da konnten wir alle drüber lachen. Er hat mir gesagt, wie die Aufgabe aussieht, was er von mir erwartet. Dass ich perfekt zu der Art und Weise passe, wie er spielen möchte und dass ich da die richtigen Attribute mitbringe, also Athletik, Dynamik, Aggressivität, Sicherheit am Ball. Das passte zu seiner Philosophie, das Spiel zu gestalten und hoch zu pressen. Dann ging es eigentlich nur noch darum, sich zu einigen. Er hatte sich daraufhin nach Spielen bei mir gemeldet, angerufen oder mir bei WhatsApp geschrieben. Er hat mir das Gefühl gegeben, dass er mich unbedingt in seinem Team haben möchte.

Sie waren direkt gesetzt. Wie lebt es sich in einer Abwehrkette, wenn man fast nie ein Gegentor kassiert?

Wenn wir nur eine Aktion hatten, in der der Gegner zum Flanken kam, haben wir uns angeschaut, als ob wir 0:2 hinten lagen und beinahe das dritte Gegentor gefressen hätten. Klar, du entwickelst ein gewisses Selbstvertrauen und daraus vielleicht sogar Matchglück, aber wir haben uns nie darauf ausgeruht. Es erfüllt einen auf jeden Fall mit Stolz.

Gerade zuletzt lief jedoch etwas schief, und zwar in der Europa League. Hatten Sie das Gefühl, gegen Prag wäre mehr drin gewesen?

Prag hatte auf jeden Fall das Gefühl und am Ende ja leider auch recht. Ich habe ein Video gesehen, wo die bei der Auslosung des Achtelfinals gejubelt haben, als sie unseren Namen gesehen haben. So sind wir das überhaupt nicht angegangen. Machbare Aufgabe, ja. Aber schwierig. Ein Team, das Leverkusen in der Gruppenphase schlägt und Leicester rausschmeißt, musst du hundertprozentig ernst nehmen. Wenn man sich beide Spiele gegen uns anschaut, hat wahrscheinlich das bessere Team gewonnen. So ehrlich muss man dann auch sein.

Nach einer Stunde sah Ihr Mitspieler Kemar Roofe die Rote Karte, wenig später erhielten Sie die zweite Gelbe. Überschattet wurde das Spiel jedoch von einem Rassismus-Eklat. Slavia-Profi Ondrej Kudela soll Glen Kamara beleidigt haben.

Ich war zu dem Zeitpunkt ja schon in der Kabine, habe es aber mit Kemar in der Kabine gesehen und mir nachher alles erzählen lassen. Was soll man sagen? Ich war persönlich nicht betroffen, es hätte aber genauso gut mich erwischen können. Oder Kemar, der tatsächlich nachher noch über Social Media beleidigt wurde. Das sind Sachen, da wirst du einfach nur wütend. Unfassbar wütend. Du schaust dir die Szene an und siehst: Der Typ kommt aus 30 Metern angelaufen und sucht sich den Spieler aus. Glen, sollte man wissen, ist ein total ruhiger und entspannter Spieler, einer, der Konflikten immer aus dem Weg geht. Er hatte noch versucht, die Situation wegzulachen, weil er schon mehrfach bepöbelt worden war. Und sich dann anzusehen, wie der Typ sich die Hände vor den Mund hält und Glen ganz bewusst ins Ohr flüstert ... Das ist für mich unverständlich. Das war berechnend. Der wusste zu hundert Prozent, was er da macht.

Eine Entschuldigung gab es nicht. Slavia stritt den Vorfall sogar ab. Kudela soll "nur" "fucking guy" gesagt haben.

Eine Entschuldigung wäre doch sowieso eine Lüge gewesen. Wenn du so bewusst versuchst zu vertuschen, was du da gerade sagst, weißt du ganz genau, was du treibst. Wenn du meinst, dich so verhalten zu müssen, steh auch deinen Mann und rede dich nicht hinterher raus. Er hat ja allen Ernstes noch versucht, das Opfer als Lügner darzustellen. Das ist noch viel schlimmer.

Mich interessieren diese elenden Kampagnen nicht mehr.

Balogun

Der Vorfall löste eine gewaltige Welle aus, überall solidarisierten sich Profis mit Ihrem Mitspieler. Selbst vor dem Old Firm nahm Celtic-Kapitän Scott Brown Kamara in den Arm. Glauben Sie, es hilft, um weitere Fälle zu vermeiden?

Nein. Vor der Aktion von Scott Brown habe ich meinen Hut gezogen, das war unfassbar. Eine sehr, sehr große Geste. Auch wie er nach den Spiel sagte, dass es Dinge gibt, die größer als Fußball sind. Das war riesig. Es ist richtig, dass es weltweit Wellen schlägt, das muss auch so sein.

Aber?

Was halt fehlt: Dass UEFA oder FIFA mal aktiv werden. Mich interessieren diese elenden Kampagnen nicht mehr. Das ist alles schön und gut, aber die Kampagneninhalte müssen auch authentisch gelebt werden und dürfen nicht nur leere Worte bleiben. Kapitänsbinden mit der Aufschrift "No Racism" zu entwerfen, bringt nichts, wenn rassistische Vorfälle am Ende wieder nicht geahndet werden. Ich habe das Gefühl, dass "People of Colour" genutzt werden, um die vermeintlich weltoffenen und inklusiven Werte der Marken FIFA und UEFA zu promoten. Aber wenn genau diese Spieler angefeindet werden, wird viel zu oft nur betreten geschwiegen. Ich wünsche mir, dass den teuren Kampagnen auch Taten folgen.

Sie wirken resigniert.

Ich erwarte nicht viel. Die Vergangenheit zeigt uns ja immer wieder, was in solchen Momenten passiert - nämlich gar nichts. Es ist einfach traurig. Aber ich für meinen Teil werde nicht aufhören, laut auf diese Dinge aufmerksam zu machen. In der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Es wird viel zu viel geschwiegen.

Interview: Mario Krischel