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NFL: Lamar Jackson im Porträt: Tackles von der Mutter schärften Sinne

Quarterback der Baltimore Ravens hat in den Play-offs etwas gutzumachen

Lamar Jackson im Porträt: Tackles von der Mutter schärften seine Sinne

Macht in dieser Saison unfassbar viel Spaß und greift nun zum zweiten Mal in den Play-offs an: Lamar Jackson.

Macht in dieser Saison unfassbar viel Spaß und greift nun zum zweiten Mal in den Play-offs an: Lamar Jackson. imago images

Was sich nicht alles in einem Jahr verändern kann. Das dürfte sich in der National Football League in diesen Tagen sicherlich Ravens-Quarterback Lamar Jackson fragen.

Dazu ein Blick zurück: Während der Regular Season 2018/19 hatte Rookie Jackson (Erstrunden-Pick an 32. Stelle) im Verlaufe seiner ersten 16 NFL-Spiele immer mehr Einsatzzeit von Head Coach John Harbaugh erhalten, ehe der laufstarke Spielmacher endgültig für den angezählten Joe Flacco (inzwischen in Denver) ausgetauscht worden war. Es folgte nach dem Gewinn der NFC North (10:6) direkt sein erster Play-off-Auftritt - und zugleich ein Desaster: Daheim gegen die Los Angeles Chargers verlor Baltimore verdient (17:23) - auch weil Jackson selbst über weite Strecken nichts auf die Kette brachte sowie mitsamt seinen Teamkollegen lautstark ausgepfiffen wurde.

Spaß, Rekorde, Pressesprecher

Zwölf Monate später steht nun sein zweites Spiel einer NFL-Endrunde an - und wieder wird vor heimischer Kulisse gespielt, dieses Mal gegen die Patriots-Bezwinger aus Tennessee (Sonntag, 2.15 Uhr MEZ). Die Vorzeichen sind nach einer herausragenden Saison (14:2) aber gänzlich andere: Jackson ist inzwischen zum Aushängeschild der gesamten NFL avanciert, seine 2019er Zahlen (3127 Passing Yards, 36 Passing Touchdowns, 1206 Rushing Yards, 6,9 Yards pro Lauf und sieben Rushing Touchdowns) lassen auch Konkurrenten vor Neid erblassen.

Zumal der seit Dienstag 23 Jahre junge Dual-Threat-Quarterback dabei den Spaß nicht verliert, er lässt mit spielerischer Leichtigkeit reihenweise anrennende Gegner alt aussehen, setzt sich mit Sonnenbrille grinsend an die Seitenlinie, sprengt alte Rekorde am laufenden Band oder lässt sich in Interviews kurzerhand von seinem "persönlichen Pressesprecher" Mark Ingram (Running Back) vertreten.

"MVP, MVP, MVP"

Lamar Jackson ist Quarterback bei den Baltimore Ravens.

Gefeiert von den Fans: Lamar Jackson. imago images

Wenig verwunderlich gilt der am 7. Januar 1997 in Pompano Beach (Florida) geborene Athlet als Top-Favorit auf den MVP-Titel, den in den letzten Jahren Akteure wie Patrick Mahomes (2018), Tom Brady (2017), Matt Ryan (2016), Cam Newton (2015), Aaron Rodgers (2014) oder auch Peyton Manning (2013) gewannen. "MVP, MVP, MVP", hallt es schon lange von den Rängen oder via Social Media von vielen Fans.

Eine große Frage stellt sich aber: Was treibt den jungen Profi schon so früh zu diesen Höchstleistungen? Ein Geheimnis des spektakulären Erfolgs von Jackson liegt in den ungewöhnlichen Trainingseinheiten seiner Mutter. Als der heutige Star-Quarterback gerade acht Jahre alt war, spielte Felicia Jones mit ihrem Sohn hinter dem Haus Football, brachte diesen immer wieder hart zu Boden. Langsam lernte der Sprössling, den Tackles der Ex-Basketballerin auszuweichen - und ist in seinem zweiten NFL-Jahr plötzlich mit seiner Beweglichkeit die Attraktion.

Eine Attraktion, die zugleich mit dem Rest des Teams aus Baltimore als Top-Favorit auf den Super-Bowl-Sieg gilt. "Ich denke nicht mal darüber nach", sagt Jackson aktuell auf die Frage, ob diese Saison ohne Finalteilnahme eine Enttäuschung sei. "Wir haben so ein großartiges Jahr. Wir wollen in den Super Bowl, deshalb habe ich gar nichts anderes im Kopf."

Jacksons Mutter "hatte eine Vision für meine Football-Karriere"

Jacksons Geschichte ist ein typisch amerikanisches Sportmärchen. Als er acht Jahre ist, sterben sein Vater bei einem Verkehrsunfall und seine Großmutter am selben Tag. Die Mutter zieht ihn groß, erkennt und fördert früh das sportliche Talent ihres Sohns. "Sie hatte eine Vision für meine Football-Karriere, bevor ich überhaupt dran gedacht habe", hatte er 2016 in einem offenen Brief mitgeteilt.

Inzwischen können selbst die besten Verteidiger Jackson nur mit großer Mühe bremsen. Vor seiner zweiten NFL-Saison arbeitete er an seinen Pässen, warf 36 Touchdowns und erlaubte sich dabei nur sechs Interceptions.

Anfangs waren allerdings stets Zweifel an seinem QB-Talent aufgekommen. Er kam als College-Phänomen in die NFL, wurde jedoch dauerhaft von fragenden Stimmen begleitet, ob er aufgrund seiner Schnelligkeit nicht besser als Wide Receiver oder Running Back geeignet wäre. Als er das erste Mal fünf Touchdowns in einem NFL-Spiel geworfen hatte, strafte Jackson seine Kritiker Lügen und kommentierte obendrein sarkastisch zu Beginn dieser NFL-Saison: "Nicht schlecht für einen Running Back."

Die Nachrichtenagentur "AP" sah durch die Nörgler ein altbekanntes rassistisches Narrativ im Football in den USA bestätigt: Dass schwarzen Quarterbacks ihr Erfolg wegen überlegener athletischer Fähigkeiten zugeschrieben werde, während weiße Quarterbacks für ihre angebliche mentale Stärke und Arbeitsethik gelobt werden. "Er will unbedingt gewinnen", charakterisiert Ravens-Quarterback-Trainer James Urban seinen Profi. "Wenn du eine großartige Einstellung hast, du talentiert bist und hart daran arbeitest, siehst du die Ergebnisse."

"Das rassistische Stereotyp hängt an lebenserhaltenden Maßnahmen"

Lamar Jackson ist Quarterback der Baltimore Ravens.

Entwischt Gegenspielern reihenweise - und sorgt für staunende Gesichter: Quarterback Lamar Jackson. imago images

Im NFL-Draft 2018 wurde Jackson hinter vier weißen Quarterbacks erst zum Ende der ersten Runde ausgewählt - widerlegte bislang aber alle Zweifler und steht für einen Trend. Der 22-Jährige dürfte nach Cam Newton und Patrick Mahomes als dritter Quarterback mit afro-amerikanischen Wurzeln in den vergangenen fünf Jahren zum wertvollsten Spieler gewählt werden.

Das Internetportal "The Undefeated" deklarierte diese Saison bereits als "Das Jahr des schwarzen Quarterbacks". Neben Jackson sind auch Mahomes (Kansas City Chiefs), Russell Wilson (Seattle Seahawks) und Deshaun Watson (Houston Texans) mit ihren Teams noch in den Play-offs. "Das rassistische Stereotyp hängt an lebenserhaltenden Maßnahmen", kommentierte "AP". "Es ist an der Zeit, sie endgültig zu beenden."

Dafür sorgen kann und will Jackson, der zugleich den Makel aus dem Vorjahr vergessen lassen will. "Dieses Spiel ist vorbei", sagt er über die Pleite gegen die Chargers aus dem Vorjahr. "Ich habe es wirklich gehasst. Ich will darüber nicht mehr reden. Ich kann es nicht erwarten, diese Woche zu spielen." Und wieder so viel Spaß zu haben, wie vor 15 Jahren im Garten seiner Mutter.

mag/dpa

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