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Kultur der Vielfalt: Kommt das beim DFB von Herzen?

Ein Gastbeitrag von Weltmeisterin Nadine Angerer

Kultur der Vielfalt: Kommt das beim DFB von Herzen?

Repräsentierte den DFB, fühlt sich von ihm aber nur bedingt repräsentiert: Nadine Angerer.

Repräsentierte den DFB, fühlt sich von ihm aber nur bedingt repräsentiert: Nadine Angerer. Getty Images

Nein, ich musste mich nie verstecken. Und ich empfinde das als großes Glück. Mir ist aber auch bewusst, dass es anderen anders geht. Wenn mich jemand blöd findet, ist das okay. Das trifft mich persönlich nicht. Ich ruhe in mir. Wenn mich Menschen angreifen, frage ich mich schon, warum sie das tun. Manchmal ist das ja gerechtfertigt. Ich mache nicht alles richtig.

Doch warum ist jemand homophob? Wenn mir jemand "scheiß Lesbe" ins Gesicht sagen würde, würde ich denken: "Was ist denn mit dir?! Was verletzt dich in deinem Leben so sehr, dass du andere Menschen dafür hassen musst?" Ich lass' das nicht an mich ran. Und es berührt mich nicht. Das ist meine Einstellung.

Was verletzt dich in deinem Leben so sehr, dass du andere Menschen dafür hassen musst?

Das kann aber nicht jeder. Das kann man allerdings ein Stück weit lernen - vor allem dann, wenn man Unterstützung erfährt. Es braucht Ermutigung, Ansprechpersonen und Lösungswege hin zu der Erkenntnis, dass man sich selbst auch genug sein darf. Man muss sich nicht über andere Meinungen oder andere Lebensphilosophien definieren. Wie die Menschen ihr Leben gestalten, ist deren Angelegenheit. Keiner hat das Recht, das zu beurteilen.

Eine Beziehung zu führen ist anstrengend genug. Jetzt muss man als Fußballprofi diese Beziehung ein Stück weit noch in der Öffentlichkeit leben. Wie ist es dann erst, eine Beziehung geheim zu halten? Diese Energie hätte ich gar nicht. Das muss einen doch mental zermürben! Dieses Versteckspiel macht auf Dauer krank. Höchsten Respekt vor diesen Menschen. Wie die das durchhalten und parallel noch ihre Leistung bringen - unfassbar. Andererseits tut mir das sehr leid. Ich würde mich hinterfragen: Ist es das wert?

Nadine Angerer, Silvia Neid

Siegfeier mit EM-Titel und Bundestrainerin Silvia Neid im Jahr 2013. Getty Images

Homosexualität war bei uns im Frauenfußball in der Kabine nie ein Thema. Null. Ich war noch nie in einer Männerkabine, ich weiß also nicht, wie Männer da untereinander sind. Sollten da - mit Verlaub - ein paar Assis rumlaufen, die sich daran erfreuen, schwule Mitspieler klein zu machen, ist das übel. Und ich weiß, wie die Jungs auf dem Rasen in einem vollbesetzten Fußballstadion von Fans beschimpft werden, wenn sie einen Fehlpass spielen ... Wie ist da erst die Reaktion, wenn sich ein Spieler als schwul outet?

Um es klar zu sagen: Das Coming-out ist ein individueller Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen. Und das muss jeder für selbst entscheiden, ob er das will. Seit meinem Outing 2011 bis heute habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht. Vielleicht war ich zu naiv, um es mitzubekommen. Ich glaube aber auch, man sendet Signale. Wenn mein Gegenüber merkt, man kann mich damit nicht verletzen, probiert er es erst gar nicht aus.

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich nie homophoben Anfeindungen ausgesetzt war. Deswegen ist es für mich schwer, Empfehlungen auszusprechen oder Ratschläge zu geben. Mir ist durchaus bewusst, dass es andere viel, viel schwerer haben und darunter leiden. Mein Ziel ist es, die Leute zu ermutigen, selbstbewusster zu sein und weniger auf Dinge von außen zu hören. Ich möchte diese Leute bestärken, ihren eigenen Weg zu finden.

Ich habe das Gefühl, Themen wie Vielfalt werden aufgegriffen, damit man seine Schuldigkeit getan hat.

Um diesen Anfeindungen nachhaltig zu begegnen, braucht es aber auch die richtige Kultur im Umfeld. Verein oder Verband müssen Vielfalt vorleben. Hier in Portland fühle ich mich richtig aufgehoben. Jeder ist willkommen. Wenn diese Offenheit ehrlich vorgelebt wird, dann ist es auch für die Spielerinnen und Spieler einfacher, sich damit zu identifizieren. Es braucht diesen Rückhalt, diese Rückendeckung. Das Gefühl muss spürbar und es muss ernst gemeint sein. Diese Kultur muss von ganz oben nach ganz unten weitergegeben werden. Verein, Verband, Mitspielerinnen oder Mitspieler und Fans müssen Vielfalt leben.

Beim DFB habe ich immer wieder das Gefühl, Themen wie Vielfalt werden aufgegriffen, damit man seine Schuldigkeit getan hat. Besteht ein wirkliches Interesse an einer nachhaltig gelebten Kultur der Vielfalt? Kommt das alles von Herzen, oder ist es nur dafür da, um seinen Haken für "erledigt" dahinterzusetzen? Es lohnt sich, das zu hinterfragen.

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