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Kroos und sein Selbstverständnis: "Dann komme ich nicht mehr"

Mittelfeldstratege geht optimistisch in die EM

Kroos und sein Selbstverständnis: "Dann komme ich nicht mehr"

Kritischer Geist: Toni Kroos.

Kritischer Geist: Toni Kroos. Getty Images

Man tritt Toni Kroos nicht zu nahe, wenn man ihn zum Inventar der DFB-Elf zählt. Der Stratege ist ein enger Begleiter von Bundestrainer Joachim Löw. Zwischen beiden besteht eine besondere Verbindung, man tauscht sich aus - und setzt aufeinander. Vor der am Freitag beginnenden EM ist das nicht anders. Trotz der qualitativ hochwertigen Konkurrenz im Mittelfeld ist Kroos' Status unangefochten. Ein Bankplatz des Madrilenen zum Turnierstart gegen Frankreich ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn.

Aus dieser Position der Stärke heraus blickt Kroos immer auch ein Stück weit beobachtend-analytisch auf die eigene Elf. Gewissermaßen aus der Distanz heraus, wenn auch nicht distanziert. Der 31-Jährige traut sich zu, die Stärke der DFB-Elf realistisch einzuschätzen - und hält auch nicht damit hinter dem Berg, wenn er eher pessimistisch auf die eigenen Chancen blickt. 2018 etwa beantwortete er die Frage, wer bei der WM der größte Gegner der deutschen Mannschaft sei, in seiner ganz eigenen Art damit, dass das wohlmöglich die deutsche Elf selbst sei. Er sollte recht behalten. "Auch wenn ich darauf gerne verzichtet hätte", wie er heute sagt.

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Kroos blickt zuversichtlich aufs Turnier

Ähnlich warnende Töne hört man in diesen Tagen nicht von Kroos, der aufgrund einer Corona-Erkrankung erst verspätet die Vorbereitung auf die EM aufnehmen konnte. Was er seit seinem ersten Trainingstag in Seefeld und auch jetzt in Herzogenaurach gesehen hat, stimmt ihn mit Blick auf das Turnier zuversichtlich. "Ich habe das Gefühl, dass wir eine sehr willige Mannschaft haben, mit vielen Spielern, die sich viele Gedanken um den Fußball machen", sagte er am Freitag. Der Ehrgeiz sei groß.

Kroos: "Das Spiel ist keins zum Reinkommen"

Frankreich gehöre zu den Topfavoriten, die deutsche Elf läge "vielleicht einen Schritt" dahinter, glaubt Kroos, der ein Weiterkommen in der schweren Gruppe F mit den weiteren Konkurrenten Portugal und Ungarn für ein "erstes Statement" hielte. Er sei jedoch grundsätzlich der Meinung, dass "wir in den vergangenen zwei Wochen den einen oder anderen Schritt nach vorne gemacht haben". Die letzte Klarheit darüber aber, wo Deutschland stehe, die werde es am Dienstag geben: "Das Spiel ist keins zum Reinkommen. Die Dinge, die wir bearbeitet haben, sollten im Idealfall bereits am Dienstag funktionieren." Man müsse sich vor Frankreich jedoch nicht verstecken.

Kroos muss nicht Everybody's Darling sein

Wäre das der Fall, wäre Kroos vielleicht gar nicht mehr dabei. Zumindest machte er am Freitag deutlich, dass ihm Ambitionen nach wie vor wichtig sind - trotz der vielen Trophäen, die bereits in seinen Besitz übergegangen sind. Es sei elementar, dass man seine eigene Stärke realistisch einschätze, "aber ich werde nie ein Turnier beginnen mit dem Gedanken, dass eine knappe Niederlage auch okay wäre", bekräftigte Kroos. "Wenn das hier irgendwann so ist, dann komme ich nicht mehr. Ich habe die klare Erwartung an uns, dass wir in jedem Spiel versuchen, zu gewinnen." Es war ein klares, durchaus etwas unbequemes Statement - also ganz so, wie man es von Kroos gewohnt ist. Er muss nicht jedem gefallen, muss nicht Everybody's Darling sein. Kroos kann auch gut damit leben, wenn er bei dem einen oder anderen aneckt.

Auch gegenüber Löw dürfte Kroos in diesen Tagen kein Blatt vor den Mund nehmen. Erst recht nicht, wenn sich beide über die Herangehensweise an das Turnier austauschen. Kroos hat eine klare Meinung dazu, worauf zu achten ist, und tut dies auch öffentlich kund. Weniger ein bestimmtes System oder bestimmte Prinzipien sind für ihn entscheidend, sondern, dass sich sowohl die Mannschaft als auch die Spieler im Einzelnen wohl fühlen mit dem, was der Bundestrainer von ihnen verlangt. Aktuell scheint er durchaus zufrieden zu sein mit dem, was Löw plant. Wenn dem nicht so wäre, würde Kroos das schon sagen. Darauf kann sich Löw bei seinem langjährigen Begleiter verlassen.

Matthias Dersch

Folge 3

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