Bundesliga

Krasse Kontraste: Warum dem VfB der nächste Abstieg droht

Vier Problemzonen - und was Hoffnung macht

Krasse Kontraste: Warum dem VfB der nächste Abstieg droht

Die VfB-Krise hat auch mit ihnen zu tun: Wataru Endo, Florian Müller, Sasa Kalajdzic (v.li.).

Die VfB-Krise hat auch mit ihnen zu tun: Wataru Endo, Florian Müller, Sasa Kalajdzic (v.li.). imago images (3)

Um die Abstiegsplätze noch vor dem Saisonende zu verlassen, hat sich der VfB Stuttgart iberische Hilfe geholt. Das Trainingslager in Spanien hofft der Bundesliga-Vorletzte mit einer Art "Geist von Marbella" verlassen zu haben, im Portugiesen Tiago Tomas kam ein Champions-League-erprobter Offensivspieler von Sporting Lissabon.

Doch wird das reichen? Die Leichtigkeit der starken Vorsaison, als der VfB die Bundesliga als Aufsteiger aufmischte, ist einer Schwere gewichen, die ihn seit Wochen tiefer in den Tabellenkeller zu ziehen scheint. Der krasse Kontrast zeigt sich in vielen Bereichen, und nicht alle lassen sich nur mit Verletzungs- und Corona-Pech erklären.

Die Scorer

Dass der VfB aktuell seit 478 Minuten auf ein Tor wartet, ist nur die Zuspitzung dessen, was ihn seit Saisonbeginn belastet: Die Elf von Trainer Pellegrino Matarazzo ist im Vergleich zu 2020/21 bedrohlich harmlos. Die Strategie, die monatelang verletzten Sasa Kalajdzic (16 Tore/7 Assists in der Vorsaison) und Silas (11/3) sowie den verkauften Nicolas Gonzalez (6/3) mit der nächsten Talente-Generation aufzufangen (Klimowicz, Coulibaly, Massimo), ging nicht wie erwartet auf.

Der VfB kommt nur noch auf 1,1 statt 1,7 Tore pro Spiel, die besten Torjäger sind die Verteidiger Konstantinos Mavropanos und Marc Oliver Kempf (jetzt Hertha). Kalajdzic, der mit einer "Expected Goals"-Differenz von +0,21 in der vergangenen Saison sogar effektiver war als Robert Lewandowski aktuell (+0,15) - also tendenziell viel mehr aus seinen Chancen machte als statistisch erwartet -, brauchte nur 3,4 Schüsse pro Tor.

Diese riesige Lücke wusste niemand auch nur annähernd zu schließen, schon gar nicht der 18-jährige Wahid Faghir, der dem VfB 3,5 Millionen Euro wert war und der bislang weit davon entfernt ist, eine Verstärkung zu sein. Omar Marmoush, der neben Mavropanos derzeit beste VfB-Scorer (2/3), verpasste fünf Spiele verletzt und weitere durch seine Afrika-Cup-Teilnahme. Und bei Daniel Didavi (4/4 in der Vorsaison) fragt sich mancher Fan, ob es nicht besser gewesen wäre, statt ihm Gonzalo Castro einen neuen Vertrag anzubieten.

Das Zentrum

Wataru Endo gehörte 2020/21 in einigen Bereichen zu den Besten der Bundesliga - dieses Jahr ließ er nach.

Wataru Endo gehörte 2020/21 in einigen Bereichen zu den Besten der Bundesliga - dieses Jahr ließ er nach. kicker

Was vorne ankommt, wird weiter hinten vorbereitet - und auch da hakt es beim VfB signifikant. In Matarazzos System kommt den Sechsern die Aufgabe zu, das Spiel aufzubauen und vertikal aufzulösen. Doch weil Wataru Endo und sein etwas offensiver ausgerichteter Partner Orel Mangala nicht an ihre Leistungen aus der Vorsaison angeknüpft haben, tut sich die Mannschaft schwerer, Matarazzos Spielidee umzusetzen. 

Der nimmermüde Kapitän ist eben doch mal müde: Nach seiner Olympia-bedingt kurzen Sommerpause hat sich Endo, einer der Bundesliga-weit Besten auf seiner Position 2020/21, nicht nur bei Balleroberungen (8,99 statt 9,97) oder abgefangenen Bällen pro Spiel (4,97 statt 5,26) verschlechtert, sondern auch bei raumgewinnenden Vertikalpässen (6,53 statt 7,79) oder Dribblings (Erfolgsquote 64 statt 75,5 Prozent). Ähnliches lässt sich bei Mangala beobachten, der zunächst auch noch monatelang fehlte. 

Der Torwart

Gregor Kobel hielt in der Vorsaison mehr Bälle, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Bei Florian Müller ist es 2021/22 umgekehrt.

Gregor Kobel hielt in der Vorsaison mehr Bälle, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Bei Florian Müller ist es 2021/22 umgekehrt. kicker

Und auch zwischen den Pfosten hat der VfB Qualität eingebüßt. Zwar hatte niemand erwartet, dass Florian Müller, der mit fünf Millionen Euro teuersten Neuzugang, Gregor Kobel sofort vergessen macht, doch bislang unterbietet der Ex-Freiburger sogar die Statistik: Hatte Kobel noch weniger Gegentore hinnehmen müssen als angesichts der gegnerischen Abschlüsse zu erwarten (1,55 statt 1,7), ist es bei Müller umgekehrt (1,64 statt 1,47). Das heißt: "Unmögliche" hält Müller kaum.

Die Standards

Obwohl Mavropanos und Kempf die Stürmer bislang in den Schatten stellten, hat der VfB bei ruhenden Bällen klar abgebaut. Aus 0,53 Standardtoren pro Spiel, dem sechstbesten Wert aller Bundesligisten 2020/21, wurden 0,3 - das unterbieten nur Wolfsburg und Bielefeld (je 0,2). Gleichzeitig waren die Standards der Gegner leicht erfolgreicher (0,45 statt 0,41).

Das Fazit

Dass dem VfB eine ungemütliche Saison bevorstehen könnte, hatten im Sommer auch die Verantwortlichen geahnt. Die wirtschaftlichen Einschränkungen hatten es schließlich unmöglich, die Qualitätsverluste gerade in der Offensive einfach auszugleichen. Weil gleichzeitig die Talente noch nicht so weit waren wie gehofft, Neuzugänge enttäuschten und Leistungsträger abbauten, ist der VfB - begleitet von ständigen Verletzungs- und Corona-Rückschlägen - in eine Abwärtsspirale geraten, an deren Ende der nächste Abstieg stehen könnte.

Und doch gibt es Hoffnung: weil Kalajdzic und Silas zunehmend belastbar sind, weil Tiago Tomas zwar kein Torjäger, aber eine spielstarke neue Waffe zu sein scheint; und weil die Krise keine Frage des Engagements ist: Der VfB weist zwar die drittschlechteste Laufleistung der Liga auf, doch das war letzte Saison auch schon so.

Jörn Petersen/Steffen Geyer