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Kommentar: FIFA und das Momentum

Irgendetwas muss ja Schuld haben

Kommentar: FIFA und das Momentum

Momentum in FIFA – Fakt oder Mysterium?

Momentum in FIFA – Fakt oder Mysterium? kicker eSport

Für viele Fans ist es Fakt: EA hat in seine FIFA-Spiele ein paar technische Finessen eingebaut, die manche Partien entscheiden können. Dazu gehören spontane Aussetzer der Torhüter oder schusssichere Stürmer, die auf einmal kein Scheunentor mehr treffen. Eine 3:0-Führung endet in einer 3:4-Niederlage und auch nach zwölf Torversuchen steht es noch 0:0. Angeblicher Grund: Auch schlechtere Spieler sollen einmal Erfolg haben und bei der Stange gehalten werden. Das scheint unerklärlich und wird schnell als "Momentum" abgestempelt.

Sportwissenschaft

Zu allererst ist aber wichtig, dass man nicht vom "Momentum" spricht, denn das ist lediglich das englische Wort für die physikalische Größe Impuls. In der Sportwissenschaft wird weitestgehend von "psychological momentum" gesprochen. Seit vielen Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler mit dieser Thematik und analysieren die Auswirkungen diverser Ereignisse innerhalb einer Partie auf den Gesamtverlauf des Spiels oder einer Saison. Die Existenz ist aber bis heute nicht bewiesen.

Obwohl sich EA noch nie ausführlich zum Thema "Momentum" geäußert hat, zweifle ich die Existenz von geheimen Codezeilen, die mich ein Spiel verlieren lassen, stark an. Dies wäre technisch betrachtet kaum umzusetzen und würde vermutlich in noch viel kurioseren Szenen enden. Ein funktionierendes und subtiles "Momentum" zu programmieren, scheint ein Ding der Unmöglichkeit und selbst wenn, würde sich doch die Frage stellen, nach welchen Kriterien diese Mechanismen abgerufen werden. Wir haben gesehen, was für Probleme EA mit den neuen Torhütern in FIFA 15 hatte und wie lange es gedauert hat, bis sie diese auf ein adäquates Level gefixt haben - dazu noch bewusste Parameter für die Spielbalance packen, scheint mir zu unrealistisch.

FIFA und Supermarktkassen

Kommen wir aber zum Punkt "psychological momentum" zurück, glaube ich, dass wir dem Mythos schon viel näher sind. Die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen eine klare Verbindung zwischen der Wahrnehmung eines Spieler, seiner Selbsteinschätzung und der daraus resultierenden Leistung. Sobald eine Drucksituation entsteht, und bei FIFA kann dies sowohl ein Rückstand oder auch eine Führung sein, passieren im Kopf des Spielers eine Menge Dinge. Pässe, Schüsse oder allgemein betrachtet die Controller-Eingaben, welche sonst absolut automatisch passieren, werden nun genau überdacht. Dies kann dazu führen, dass ein Spieler ganz besonders auf seine Aktionen und Reaktionen achtet und sich seine spielerische Qualität merklich verschlechtert, da es nicht mehr automatisch passiert, wie sonst. So wird eine Führung unter Druck wieder hergegeben, der Spieler ist frustriert, versucht seine Fehler zu beheben und begeht weitere Fehler. Umgekehrt funktioniert das ähnlich: Je nach Spieler kann es sein, dass ein Führungstor den Druck nimmt, derjenige dann noch befreiter spielen kann und direkt ein Tor nachlegt. Dies kann sich so weit steigern, dass ein führender Spieler zu überheblich wird, einen Treffer kassiert und sich plötzlich wieder mit dem Druck konfrontiert sieht. Sein Kontrahent schöpft neues Selbstvertrauen und spielt wieder befreiter.

Dass ein Torschuss, den man schon im Netz gesehen hat, dann doch nicht reingeht, fällt einem dann natürlich umso mehr auf. Ob in einer ähnlichen Situation schon einmal sichere Tore nicht reingingen, wird dann schnell vernachlässigt, denn es unterstützt den momentanen psychologischen Zustand von "Gerade geht mal wieder nichts!". Es ist dasselbe mit der Supermarkt-Kasse, an die man sich nur erinnert, wenn es mal wieder zulange gedauert hat. Ebenfalls ganz einfache Psychologie: Selektive Wahrnehmung.

Andere eSport-Titel

Im Allgemeinen ist das Phänomen "Momentum" oder eben "psychological momentum" in FIFA nichts Besonderes. Auch in großen eSport-Titeln wie Dota 2 oder Counter-Strike: Global Offensive gibt es diese Beobachtungen – allerdings wird es hier eher "choking" genannt. Aus dem Englischen "choke" (=ersticken), wird hier eine sinkende Fähigkeit durch zu hohen Druck bezeichnet. Dass Valve in seinen beiden eSport-Spielen geheime Codeschnipsel eingebaut hat, die zur Aufgabe haben, den normalen Spielern die Tour zu versauen, lässt sich ausschließen. Dafür haben bereits zu viele Experten den Code der Spiele durchwühlt. In Dota 2 und CS:GO zeigt die Begrifflichkeit "choking", dass die Spieler akzeptiert haben, dass scheinbar unverständliche Spielwendungen meistens selbstverschuldet und psychologischer Natur sind. Bei FIFA-Spielern ist es hingegen das mysteriöse "Momentum", welches heimtückisch und unberechenbar das eigene Spiel versaut – und nicht der Spieler selbst.

Gibt es also wirklich ein "Momentum" in FIFA? – Nein. Aber es gibt ein "psychological momentum", welches eine ganz natürliche Reaktion auf Stress- oder Drucksituationen ist, in denen Spieler gewisse Aktionen zu häufig überdenken und dann minimale Fehler begehen. Würde es wirklich solche geheimen Mechanismen geben, würden einige FIFA-eSportler es nicht schaffen, mehrere Turniere nacheinander zu gewinnen.

Somit sollten wir uns ein Beispiel an den Dota 2- und CS:GO-Spielern nehmen, nicht die Technik verfluchen und uns an die eigene Nase fassen, wenn wir ein sicheres Spiel einfach herschenken. Und manchmal gehört eben auch ein bisschen Glück dazu.

Robin Schulz

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