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Kolumne: Mit Druck und Dribblings, mit Geduld und Goretzka

Wenn ich Bundestrainer wäre

Kolumne: Mit Druck und Dribblings, mit Geduld und Goretzka

Ersetzt er Thomas Müller in der ersten Elf? Antreiber Leon Goretzka.

Ersetzt er Thomas Müller in der ersten Elf? Antreiber Leon Goretzka. imago images

Trotz des flotten und festlichen 4:2-Sieges gegen den Titelverteidiger aus Portugal ist vor dem letzten Spiel in dieser Gruppe F von Platz 1 bis Platz 4 alles möglich. Also gibt es keinen Anlass für personelle oder taktische Experimente. Es geht für die deutsche Nationalmannschaft nach wie vor um die Zulassung zum Achtelfinale.

Weil es gegen Portugal so beeindruckend geklappt hat, gibt es keinen Vernunftgrund, das nun bewährte System zu reformieren. Es ist ein hohes Gut für eine Mannschaft, eingespielt zu sein. Nur so verfestigen sich Automatismen, nur so finden sich Laufstrecken ohne Um- und Irrwege. Also weiter in der flexibel interpretierten 3-4-3-Anordnung! Auch wenn die vor der Portugal-Partie an dieser Stelle eingebrachte Idee, auf Viererkette umzustellen, dazu mit Joshua Kimmich plus Leon Goretzka das defensive Mittelfeld auszustatten, interessant gewesen wäre - und womöglich genauso erfolgreich. Diese These wird nie bewiesen, aber auch nie widerlegt werden... Aber lassen wir das!

Hereingaben werden ein effizientes Mittel sein

Gegen aufopferungsvoll kämpfende und leidenschaftlich verteidigende Ungarn wird es darum gehen, deren Abwehrmauer zu durchlöchern. Frühe Balleroberungen, die gegen die Portugiesen oft gelangen (vorbildlich: Ilkay Gündogan), böten gute Möglichkeiten, sofort umzuschalten und Ungarns Defensive, weil unsortiert, zu überraschen. Wie gegen Portugal werden Hereingaben, hohe, halbhohe, flache, ein effizientes Mittel sein, aber auch die Abwehr durchfräsende scharfe Flachpässe in die Tiefen des Strafraums, dazu beherzte Sprints. Permanente Positionswechsel sollten Durcheinander in der gegnerischen Defensive verursachen, ebenso erfolgreiche Dribblings. Mit Dauerdruck wird das ungarische Bollwerk sicher ins Wanken gebracht. Das 1:1 der Ungarn gegen den Weltmeister Frankreich resultierte weniger aus deren starker Abwehr - die allerdings einen großartigen Keeper Peter Gulacsi hinter sich wusste - als aus der Nachlässigkeit der Franzosen im Umgang mit Hochkarätern. Kylian Mbappé hätte sich in diesem einen Spiel zum EM-Torschützenkönig machen können.

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Da Thomas Müllers Kapsel im Knie stechend schmerzt, bietet sich Leon Goretzka als Stellvertreter an. Müller wird im weiteren Turnierverlauf noch dringender gebraucht. Allerdings interpretiert Goretzka diese Rolle etwas anders, vor allem nicht so laut und dirigistisch. Und wo Müller mehr der allerorten auftretende Zuspieler ist und Aktionen der Kollegen aus allen Positionen einfädelt, legt Goretzka aus der Tiefe des Mittelfelds los, mit Wucht und Zielstrebigkeit in Richtung des gegnerischen Tores. Er importiert Schuss- und Kopfballstärke, Torgefährlichkeit. Da er zudem viel nach hinten unterwegs ist, schafft er die Räume für Ilkay Gündogan, um sich vorne einzumischen, wie es Gündogan bei Manchester City gerne und erfolgreich tat in der Saison 2020/21: mit 13 Treffern in der Premier League (28 Spiele) sowie drei Toren in zwölf Auftritten der Champions League.

Goretzka und Gündogan können im Wechsel und im Doppel das ungarische Tor bedrohen, allerdings sollten sie mit Kai Havertz auf die jeweilige Raumzuteilung achten: Die Positionen müssen besetzt sein. Havertz wird wie gegen Portugal bis in den Fünfmeterraum vordringen und mit Serge Gnabry in der dortigen Enge präsent sein müssen. Es dürfte einiges los sein in nächster Nähe des Gulacsi-Tores.

Ein frühes Tor würde helfen

Deswegen würde ein möglichst früher Treffer der DFB-Auswahl helfen. Und irgendwann müssen die Ungarn auch an ihre Offensive denken. Ein Unentschieden, wie ehrenhaft es auch sein mag, nützt ihnen nichts. Mit zwei Punkten gibt es keine Zulassung zum Achtelfinale. Der deutschen Mannschaft reicht hingegen ein Punkt, um sicher weiterzukommen. Deshalb ist es erlaubt und vernünftig, taktisch mit Bedacht und Blick auf die eigene Defensive sowie Geduld vorzugehen.

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