Bundesliga

Kohfeldts Gedanke zu Füllkrug: "Alles andere wäre gelogen"

Ex-Coach über den Top-Stürmer: Wäre die Werder-Geschichte anders verlaufen?

Kohfeldts Gedanke zu Füllkrug: "Alles andere wäre gelogen"

Hat großen Anteil am Bremer Höhenflug: Niclas Füllkrug.

Hat großen Anteil am Bremer Höhenflug: Niclas Füllkrug. IMAGO/Langer

Am vergangenen Freitag, beim 2:1-Auswärtssieg in Sinsheim, erzielte Niclas Füllkrug sein achtes Saisontor im neunten Bundesliga-Spiel - das den SV Werder Bremen zwischenzeitlich auf Tabellenplatz vier der Bundesliga beförderte, wohlgemerkt als Aufsteiger. Drei weitere der insgesamt 20 Bremer Treffer bereitete der Angreifer zudem vor; damit kommt dem 29-Jährigen zweifellos ein gehöriger Anteil am aktuellen Werder-Höhenflug in dieser Saison zu.

Eigentlich war das ja schon immer so, wie mehrere Statistiken der vergangenen Jahre belegen: Wenn Füllkrug fit war, hat er stets seine Tore erzielt. Auch für Werder war der Stürmer immer wichtig, seit ihn der Verein im Sommer 2019 für 6,2 Millionen Euro von Hannover 96 verpflichtet hat. Entsprechend bemerkbar machte es sich auch, wenn Füllkrug eben nicht zu Verfügung stand, und das war - abgesehen von der abgelaufenen Saison 2021/22 in der 2. Liga (19 Saisontore) - in den zwei Jahren zuvor nun mal mehrmals der Fall.

Nach Füllkrugs Knieverletzung stürzte Werder ab

Dass Werder in dieser Zeit die sportlich unerfolgreichsten Zeiten der jüngeren Vergangenheit durchlebte, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Füllkrugs Tore fehlten. Gleich nach seinem Start bei Werder erlitt er einen Kreuzband- und Außenmeniskusriss im linken Knie- es war bereits die vierte schwere Knieblessur in seiner Karriere, verteilt auf beide Beine. Werder stürzte ab, rettete sich gerade noch so in der Relegation. In der Saison 2020/21 sollte eigentlich alles besser werden - es folgte der Abstieg. Und Füllkrug war auch dabei nur Teilzeitkraft, verpasste wegen Verletzungen an Wade, Sprunggelenk und Fuß über die Saison 14 Pflichtspiele.

Die Vermutung liegt nahe: Hätte der Stürmer nach seiner Verpflichtung direkt so einschlagen können wie in der laufenden Saison - die Werder-Geschichte der vergangenen drei Jahre wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit anders geschrieben worden. Ex-Werder-Coach Florian Kohfeldt, der 2021 nach dem 33. Spieltag unmittelbar vor dem Abstieg seinen Stuhl räumen musste, "ist dieser Gedanke natürlich auch schon gekommen. Alles andere wäre gelogen."

Wir haben ihn im Topspieler-Segment gesehen.

Florian Kohfeldt

Heute sagt der 40-Jährige über Füllkrug: "Niclas war für uns zwar kein unmittelbarer Max-Kruse-Ersatz - aber wir haben ihn wie Max als Angreifer aus dem Topspieler-Segment der Bundesliga gesehen. Jetzt zeigt er das, was wir uns bei seiner Verpflichtung von ihm erhofft haben." Das also, was ihn aktuell in den Kreis der Kandidaten für eine WM-Teilnahme gebracht hat. Bundestrainer Hansi Flick saß am Freitag in Sinsheim jedenfalls auf der Tribüne.

Neben seinen sportlichen Qualitäten, die sich gewiss nicht nur auf die acht Tore projizieren lassen, sieht Kohfeldt bei Füllkrug zusätzlich einen Mehrwert für die Mannschaft, in der er aufläuft: "Wenn er sich mit einer Sache identifiziert, so wie mit Werder, dann geht er relativ schnell an emotionale Limits und auch mal darüber hinaus. Inzwischen setzt er das aber bewusster und kontrollierter ein. Und am Ende hat er noch nie vergessen, dass Fußball ein Teamsport ist."

Bei Füllkrug läuft "unheimlich viel über den Willen"

Laut Kohfeldt läuft bei Füllkrug zudem "unheimlich viel über den Willen", das habe sich gerade auch beim langen Weg nach schweren Verletzungen gezeigt, den der Stürmer nicht nur einmal gehen musste: "Wenn er eine Reha beginnt, geht es nie nur darum, die Verletzung abzuarbeiten. Sondern um die Frage: Was kann ich insgesamt optimieren? Deshalb kam er regelmäßig mit besseren Kraftwerten zurück und trotz der schweren Verletzungen ohne Substanzverlust." Dass er nun aktuell aber schon über einen längeren Zeitraum fit ist, macht ihn allerdings: noch besser.

In der Montagsausgabe des kicker (schon am Sonntagabend digital abrufbar als eMagazine) sprechen mehrere Weggefährten über die wundersame Geschichte, die Niclas Füllkrug in seiner Karriere von Anfang bis heute geschrieben hat. Und es geht um den Wandel innerhalb nur eines Jahres: Vom fast Ausgebooteten zu einem neuen Liebling der Nation.

Tim Lüddecke, Thiemo Müller

Spieltagsbilder 9. Spieltag 2022/23