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Als Eintracht Frankfurt 2003 durch ein 6:3 gegen Reutlingen aufstieg

Frankfurts 6:3 über Reutlingen im Herzschlagfinale 2003

Klopps K. o., Schurs Coup: Als hätte ein Größenwahnsinniger Regie geführt

Nicht zu halten: Alexander Schur (l.) bejubelt das fünfte Tor eines gebürtigen Frankfurters an diesem Tag. Es bedeutet den Aufstieg in die Bundesliga.

Nicht zu halten: Alexander Schur (l.) bejubelt das fünfte Tor eines gebürtigen Frankfurters an diesem Tag. Es bedeutet den Aufstieg in die Bundesliga. imago images

Wer braucht schon den Durchbruch in seiner Karriere, wenn man sich in einer Partie mit zwei Toren unsterblich machen kann? Frag nach bei Bakary Diakité. Der 22-Jährige steht 2002/03 nach 33 Zweitligaspieltagen bei einem mickrigen Saisontor, die jüngsten drei Partien davor hat er über die komplette Dauer von der Ersatzbank verfolgt.

Tags darauf wird er an die französische Mittelmeerküste fliegen, wo der OGC Nizza den UI-Cup erreicht hat und ihn nun unter Vertrag nehmen will. Ganze 16 Minuten wird er in diesem UI-Cup spielen, insgesamt 83 in der Ligue 1. Über eine ganze Saison hinweg. Durchbruch? Fehlanzeige. Die weiteren Stationen zurück in Deutschland: Wehen, Mainz, Koblenz, Wehen, FSV Frankfurt - fast immer als Randfigur.

"Man hatte mir in Frankfurt vorher signalisiert, dass ich nicht mehr gebraucht werde", sagte Diakité Jahre später der "Frankfurter Rundschau", "daran haben auch die Tore nichts geändert." Ach ja, die Tore.

Nun der Reihe nach.

Klassenerhalt, Abstieg, Lizenzverlust - und doch nicht

Es waren turbulente Jahre in Frankfurt. Im Mai 1999 schafften die Adlerträger in einer legendären Art und Weise mit einem 5:1 über Kaiserslautern den Klassenerhalt. Der Abstieg folgte 2001, im Juni 2002 stand die Eintracht gar vor dem Aus, denn die DFL hatte den Frankfurtern keine Lizenz für die 2. Bundesliga erteilt. Der kicker druckte schon den Regionalligaspielplan mit der SGE.

Nachdem es nachträglich doch noch mit der Lizenz für das Unterhaus geklappt hatte, legte Frankfurt mit einer günstig zusammengeschusterten Truppe eine bemerkenswerte Zweitligasaison hin. Und hat am letzten Spieltag, an diesem 25. Mai 2003, nun die Chance, tatsächlich aufzusteigen. In einem irrsinnigen Szenario.

Als hätte ein größenwahnsinniger Filmregisseur den Spielplan im Vorhinein ausgetüftelt, trifft der Tabellendritte (Frankfurt) auf den 16. (Reutlingen), während der Vierte (Mainz) beim 15. (Braunschweig) antritt und zu allem Überfluss der Fünfte (Fürth) beim 14. (Karlsruhe) gastiert. Dreimal Aufstiegshoffnungen gegen dreimal Abstiegsangst.

"Wir steigen ab und ihr bleibt drin"

Die Frankfurter liegen nach Punkten gleichauf mit Mainz, lediglich um einen Treffer besser ist das Torverhältnis. Fürth, zwei Punkte zurück, muss auf Ausrutscher beider Konkurrenten hoffen. Und so entwickelt sich eine Fußballkonferenz im besten Sinne. Drüben in Braunschweig erwischt Mainz-Stürmer Benjamin Auer einen Sahnetag und schießt vier Tore, während die Frankfurter ihre liebe Mühe mit der Chancenverwertung und aufmüpfigen Reutlingern haben. Ausgerechnet Nico Frommer, der für die neue Spielzeit schon einen Vertrag bei der SGE besitzt, egalisiert schon in der 6. Minute die zeitige Frankfurter Führung.

"Es ist eine Scheißsituation", hatte Frommer vor der Partie gesagt, "aber ich gebe bis zur letzten Minute alles für meinen Verein". Und der ist nun einmal noch der SSV Reutlingen 05. Zur Halbzeit steht es 3:1 für die Hessen, während Mainz mit 2:0 vorne liegt. Alles pari, man steuert einem Herzschlagfinale entgegen.

Willi Reimann

Wunder vollbracht: Willi Reimann im Glück. imago images

Nach Wiederanpfiff überschlagen sich die Ereignisse, Reutlingen gleicht zum 3:3 aus, Auer legt seine Treffer drei und vier für Mainz nach. Plötzlich fehlen der Eintracht gleich vier Tore zum Aufstieg. Und die spielfreudigen Mainzer mit diesem Teufelskerl Auer könnten parallel in Braunschweig jederzeit nachlegen. Wie soll das funktionieren?

"Wir steigen ab und ihr bleibt drin", beginnt der Reutlinger Anhang mit Galgenhumor zu singen. "Ich dachte mir: Na ja, nächstes Jahr packen wir es dann auf jeden Fall", gibt David Montero, den SGE-Trainer Willi Reimann in der 75. Minute aufs Feld schickt, hinterher zu. 13 Minuten vorher hat der Coach aber eine viel wichtigere Einwechslung getätigt: Es kommt ebenjener Bakary Diakité - der mit dem einen Saisontor, der, dessen Abschied feststeht. Das letzte Spiel des gebürtigen Frankfurters für die Eintracht.

Skela auf Diakité, Skela auf Diakité

Als ein gewisser Abdoul Thiam 270 Kilometer nordöstlich das einzige Zweitligator seiner Karriere schießt, für Eintracht Braunschweig, gegen Mainz, zum 1:4, stehen noch zehn Minuten auf der Uhr. Die frohe Kunde verbreitet sich schnell im ausverkauften Frankfurter Waldstadion, auch bei den Profis. Drei Treffer fehlen noch. Längst sind nicht mehr alle 25.500 Zuschauer vor Ort, einige haben sich in den vergangenen Minuten betrübt auf den Heimweg gemacht.

Frankfurts Spielmacher Ervin Skela wird davon nichts wissen, aber er hat die Hoffnung nicht aufgegeben. In der 83. Minute legt er im Strafraum zurück auf Diakité, der ins lange Eck verwandelt. 4:3, die erneute Führung! Noch zwei Tore.

Spätestens als der Reutlinger Profi und heutige Wiesbadener Trainer Rüdiger Rehm mit Gelb-Rot vom Platz muss (87.), ist der Glaube ans Wunder greifbar. In Überzahl belagern die Adlerträger den gegnerischen Strafraum, wieder ist es Skela, der das Auge für Diakité hat, wieder dessen linker Fuß, wieder drin (90.)!

"Das ist die unglaublichste Geschichte seit Bestehen der 2. Bundesliga"

Radio- und Fernseh-Kommentatoren bekommen Probleme mit Atmung und Stimme, das Rhein-Main-Gebiet hält die Luft an. In Braunschweig ist das Spiel inzwischen abgepfiffen, Jürgen Klopp hat mit seinen Mainzer Spielern einen Kreis gebildet, er redet beruhigend auf sie ein. Es wäre der erste Aufstieg der Mainzer Klubgeschichte.

Der unvermeidliche Schlusspunkt wartet aber noch.

Alexander Schur trifft, Achim Hollerieth kann nicht parieren

Da ist es passiert: Achim Hollerieth (r.) bekommt den Kopfball von Schur (2. v. r.) nicht zu fassen - das 6:3. imago images

Fünf Tore hat die Eintracht zu diesem Zeitpunkt erzielt, vier davon haben gebürtige Frankfurter beigesteuert: zweimal Diakité, einmal Alexander Schur, einmal Jermaine Jones.

Der letzte Eckball kommt von links, die dritte Minute der Nachspielzeit. Kapitän Jens Keller führt ihn kurz aus. In der Mitte steigen drei Frankfurter gleichzeitig zum Kopfball hoch, es ist Schur, der an den Ball kommt und ihn aufs Tor drückt. Achim Hollerieth im Reutlinger Kasten reißt die Hände hoch, kann den wohl haltbaren Ball aber nicht parieren. Dann brechen alle Dämme.

"Das ist die unglaublichste Geschichte seit Bestehen der 2. Bundesliga", schreit der "Premiere"-Kommentator ins Mikrofon. Willi Reimann rückt sich fortwährend seine Brille zurecht, die von all den Jubelsprüngen und Umarmungen immer wieder verrutscht. Sekunden später pfeift Hartmut Strampe das Spiel ab. Frankfurt ist aufgestiegen. Reutlingen ist abgestiegen.

Ausgerechnet Schur, der beinharte Defensivmann, der ewige Frankfurter, der Publikumsliebling, setzt den Schlusspunkt an diesem legendären Tag. Fast zu kitschig kommt diese Pointe für jeden Fan der SGE daher. In Braunschweig sinken die Spieler von Mainz 05 zu Boden, als die Nachricht eintrifft. Der Traum von der Bundesliga zerplatzt und bahnt sich in Tränen seinen Weg hinaus aus den Köpfen.

Ein kleiner Trost ist es für den Nachbarn aus Rheinhessen, dass man den Aufstieg nur ein Jahr später triumphal nachholt, während der Rivale aus Frankfurt direkt wieder runter muss. Die Ironie des Schicksals.

Und Bakary Diakité? Der verfolgt das mutmaßlich von der französischen Riviera aus, als Reservist bei OGC Nizza. Wozu braucht man schon diesen vielzitierten Durchbruch, wenn man zum 6:3 über Reutlingen zwei Tore beigetragen hat?

Paul Bartmuß

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