Champions League

Wie ein deutsches Start-up Klopp und Liverpool hilft

Wie Liverpool aus Elfmetern und Standards eine Wissenschaft macht

Klopps heimliche Helfer aus Potsdam: "Ihr Einfluss ist unglaublich"

Auch im Champions-League-Finale mit Einfluss? Patrick Häntschke (li.) und Niklas Häusler haben Jürgen Klopp von ihrem Konzept überzeugt.

Auch im Champions-League-Finale mit Einfluss? Patrick Häntschke (li.) und Niklas Häusler haben Jürgen Klopp von ihrem Konzept überzeugt. privat/imago images

Es ist ein bisschen so, als würde man ein Restaurant eröffnen und bei Jamie Oliver nachfragen, ob er nicht der erste Gast sein wolle. Doch weil es manchmal genau das Richtige ist, so groß zu denken, gehören ein paar junge Männer aus Deutschland seit einem Jahr zum Mitarbeiterstab des FC Liverpool. Sie hatten einfach mal bei Jürgen Klopp nachgefragt.

"neuro11" heißt ihr Unternehmen, das seit einem Jahr fest mit den Reds zusammenarbeitet. "Diese Trophäe ist natürlich auch für sie", sagte Klopp am vorvergangenen Samstag, als seine Mannschaft gerade den FA Cup im Elfmeterschießen gegen Chelsea gewonnen hatte. Schon den Ligapokaltriumph im Februar hatte er "neuro11" gewidmet.

Klopp beißt an: "Klingt interessant, kommt her"

Alles begann mit einem Schreiben im Jahr 2019. Niklas Häusler, ein promovierter Neurowissenschaftler der Universität Bonn, und Patrick Häntschke, ein ehemaliger Regionalligaspieler für Cottbus, Türkiyemspor und den Berliner AK, wandten sich kurz nach der Gründung ihres Potsdamer Start-ups einfach mal an Klopp, den amtierenden Champions-League-Sieger und FIFA-Welttrainer. Und der biss an.

Ihr Versprechen: Mit neurowissenschaftlichen Methoden können sie die mentale Stärke von Sportlern signifikant verbessern, insbesondere beim Ausführen von Standardsituationen. "Kontrolliere dein Gehirn, wenn's wirklich zählt", lautet das Motto von "neuro11". "Klingt interessant, kommt her", sagte Klopp, bei dem vor lauter "Menschenfängerei" oft vergessen wird, wie innovativ und aufgeschlossen er als Trainer ist, Stichwort Einwurfcoach.

Bei den Standards sollen die Spieler in den "Flow" kommen

Bestens verkabelt: Niklas Häusler (li.) mit Liverpool-Profi Trent Alexander-Arnold.

Bestens verkabelt: Niklas Häusler (li.) mit Liverpool-Profi Trent Alexander-Arnold. neuro11

Die Corona-Pandemie verhinderte eine sofortige Kooperation noch, doch im Sommertrainingslager 2021 im französischen Evian ging es los. Mit Mohamed Salah, Trent Alexander-Arnold, James Milner und Harvey Elliott wurden erste Profis mit Elektroden versehen, um ihre Gehirnströme bei Elfmetern, Freistößen oder Ecken zu messen. Das Experiment glückte. Inzwischen verkabelte "neuro11" den gesamten Liverpooler Kader. "Sie kommen regelmäßig rüber", sagt Klopp.

Das Ziel besteht darin, die Spieler beim Ausführen einer Standardsituation in den "Flow" zu bekommen, einen mentalen Zustand, in dem sie weder besonders erregt noch besonders entspannt sind. "Du lässt deine Motorik automatisch laufen. Du musst nicht darüber nachdenken, es passiert einfach", erklärte Häusler "The Athletic".

Anhand der Gehirnmessungen wird für jeden Spieler ein individueller Werkzeugkasten erarbeitet, mit dem er diesen "Flow" am effektivsten erreicht und beibehält. "Wenn es Elfmeter gibt, bist du damit in der Lage, mit allen Ablenkungen um dich herum zurechtzukommen", so Häusler. "Du weißt genau, was du tun musst, um zu treffen."

In den beiden Endspielen verwandelte Liverpool 17 von 18 Elfmetern

Im Ligapokalfinale gegen Chelsea (11:10 i.E.) verwandelten alle elf Liverpooler Schützen, im FA-Cup-Finale (6:5 i.E.) sechs von sieben. Und auch bei Toren nach Ecken und Freistößen setzten die Reds in dieser Saison ihren Aufwärtstrend fort. "Ihr Einfluss ist unglaublich", sagt Klopp über die insgesamt vier "neuro11"-Gründer. "Das ist so eine tolle Geschichte." Seine Spieler seien "total begeistert".

Wie sehr der Placebo-Effekt bei all dem eine Rolle spielt, ist schwierig zu beurteilen, aber am Ende vielleicht auch unwichtig: "Es ist einfach das Selbstvertrauen, das sie den Jungs geben. Dass sie es wirklich schaffen können", sagt Klopp. "Und darüber freue ich mich sehr."

Vor dem Champions-League-Finale am Samstag (21 Uhr, LIVE! bei kicker) wollen Häusler und Häntschke keine Interviews geben, sie haben schließlich genug zu tun. Gegen Real Madrid könnten mal wieder die Details entscheiden, und für einige davon sind in Liverpool sie zuständig.

Jörn Petersen