Bundesliga

Vor 20 Jahren begann in Mainz die Trainerkarriere von Jürgen Klopp

Vom Spieler zum Trainer binnen drei Tagen

Klopps Anfänge als "Menschenfänger" von Mainz: Die Skepsis war schnell verflogen

Anfangszeiten in Mainz 2001: Neu-Trainer Jürgen Klopp mit Manager Christian Heidel (re.) und Stürmer Michael Thurk.

Anfangszeiten in Mainz 2001: Neu-Trainer Jürgen Klopp mit Manager Christian Heidel (re.) und Stürmer Michael Thurk. imago images

In den zurückliegenden zehn Monaten hatte Mainz-Manager Christian Heidel bereits drei Cheftrainer beschäftigt: Dirk Karkuth, René Vandereycken und Eckhard Krautzun. Zwischendurch hatte noch die 05-Allzweckwaffe Manfred Lorenz als Interimscoach ausgeholfen. Trotzdem standen die Rheinhessen am Rosenmontag 2001 weiterhin auf einem Abstiegsplatz in der 2. Liga.

Der ganz große Verlegenheitswurf

Es musste sich was ändern, am Rande der Fastnachts-Feierlichkeiten besprach sich Heidel mit FSV-Präsident Harald Strutz, am nächsten Tag sollte ein Spieler die Traineraufgabe übernehmen. Dass es der ganz große Wurf werden sollte, ahnte damals niemand.

Jürgen Klopp war bis dahin öffentlich eher durch seine Zweikampfhärte in 325 Zweitligaspielen aufgefallen. Intern beschäftigte sich der studierte Sportwissenschaftler jedoch bereits intensiv mit Spielsystemen, Fußballtaktik und hatte durch die Ausbildung zum Trainer-A-Schein auch ein gewisses Rüstzeug, was die Trainingslehre betrifft, mitbekommen. Am Fastnachtsdienstag 2001 machte Heidel den damals 33-Jährigen kurzfristig zum Interimstrainer und wenige Wochen später zum Chefcoach. Es war der Beginn einer großen Trainerkarriere. Den Sprung zum Bundesligatrainer packten in Mainz später auch Thomas Tuchel, Martin Schmidt und Sandro Schwarz.

"Wir sind mit Krautzun ins Trainingslager nach Bad Kreuznach gefahren und mit Klopp als Trainer zurück", erinnert sich Schwarz. Die mitgereisten Journalisten rieben sich verwundert die Augen, als am Tag vor der Nachholpartie gegen den MSV Duisburg Klopp im Pressekonferenzraum auftauchte. Heidel erzählt noch heute gerne die Geschichte, dass er vom Vertreter der Mainzer Rheinzeitung gefragt wurde: "Was macht denn der Klopp hier?"

Wir sind mit Krautzun ins Trainingslager nach Bad Kreuznach gefahren und mit Klopp als Trainer zurück.

Sandro Schwarz

Dass der Blondschopf mit der Nickelbrille auf der Nase das Zeug dazu hätte, die Mainzer zum Klassenerhalt zu führen, glaubten am Anfang nur wenige. Die Skepsis verflog schnell, nicht nur, weil Klopp am Tag darauf sein erstes Spiel als Trainer 1:0 gegen den MSV Duisburg gewann, sondern auch wegen seiner besonderen Begabung als Menschenfänger. Wie kaum ein Zweiter kann Klopp eine Gruppe zusammenhalten, einschwören und auf schwierige Aufgaben vorbereiten.

Darauf hatte schon Heidel gesetzt, darüber hinaus ging er davon aus, dass der ehemalige Zweitligaverteidiger die Spielidee von Wolfgang Frank, der die Mannschaft von September 1995 bis März 1997 und April 1998 bis April 2000 erfolgreich trainiert hatte, weiterverfolgt und vermitteln kann. "Beim ersten Training unter Klopp haben die Stangen wieder auf dem Platz gestanden", blickt Heidel heute zurück.

Bell: "Stolz, wenn er wieder irgendwo einen Titel holt"

In den folgenden sieben Jahren stieg Klopp mit Mainz einmal in die Bundesliga auf und einmal ab, nachdem er zuvor höchst dramatisch gescheitert war. 05-Urgestein Stefan Bell, seit 2007 im Verein, weiß: "Kloppo hat immer noch einen sehr hohen Stellenwert. Viele, die ihn damals erlebt haben, verfolgen, was er macht. Bei vielen schwingt Stolz mit, wenn er wieder irgendwo einen Titel holt und die Mainzer Vergangenheit erwähnt wird."

Und die Zahl der Trophäen ist gewaltig. 2011 und 2012 gewann Klopp mit Borussia Dortmund die deutsche Meisterschaft, 2012 holte er den DFB-Pokal. Mit dem FC Liverpool gewann er 2019 die Champions League und 2020 die Meisterschaft. Im Dezember 2020 wurde er zum zweiten Mal als Welttrainer des Jahres prämiert. Die Auszeichnung ist dem heute 53-Jährigen ein bisschen unangenehm: "Offensichtlich schauen sie auf den Fidschi-Inseln, wo die meisten für mich gestimmt haben, mehr Liverpool als Bayern."

Klopp bescheiden: "Ich finde meine Stationen als Segen"

"Ich finde meine Stationen als Segen", sagte Klopp kürzlich in einem SWR-Interview. Eine Einschätzung über seinen Werdegang als Trainer möchte er nicht abgeben. "Eine Karriere bewertest du dann, wenn sie rum ist - sie ist ja noch nicht rum, sondern sie ist schon ziemlich lange", betont er mit dem für ihn typischen Hintersinn und fügt an: "Es ist noch ganz viel, was kommen kann."

20 Jahre nach dem Nacht-und-Nebel-Umstieg vom Spielerjob in den Trainerberuf kommt es Klopp, der als Leadertyp ein Naturtalent ist, so vor, als sei damals alles ganz einfach gewesen. "In vielen Bereichen war ich schon der Chef davor, ohne es sein zu wollen. Ich war einer der ältesten Spieler in der Mannschaft. Wenn die Jungs nicht genug gelaufen sind, habe ich es ihnen schon gesagt, als ich selber noch das Trikot anhatte", erinnerte er sich. "Der Sprung war gar nicht so groß. Das Komischste war, dass ich aus der Kabine ausziehen musste und dass ich nicht mehr mit Jürgen Kramny im Doppelzimmer lag."

Es ist anstrengend, irgendwie sein zu wollen. Viel einfacher ist es, zu sein, wie man ist. Das beste Beispiel ist Jürgen Klopp.

Christian Heidel

Diese Sätze vor dem TV-Mikro dokumentieren, was Heidel meint, als er in dieser Woche im vereinseigenen Podcast erläuterte: "Es ist anstrengend, irgendwie sein zu wollen. Viel einfacher ist es, zu sein, wie man ist. Das beste Beispiel ist Jürgen Klopp. Der gibt sich nach außen, so wie er ist. Er ist anderen Trainern haushoch überlegen, weil sie die gesamte Zeit überlegen, was sie sagen müssen, damit sie so oder so rüberkommen."

Heidel verbindet mit Klopp eine enge Freundschaft, die beiden telefonieren mindestens einmal wöchentlich zusammen.

Michael Ebert

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