Europa League

Eintracht Frankfurt: Das Comeback der magischen Nächte

Frankfurt: Wie Glasner die Mannschaft zurück in die Spur führte

Kleine Jungs mit großen Augen: Das Comeback der magischen Nächte in Frankfurt

Freude in Frankfurt: Borré, Kamada und Glasner.

Freude in Frankfurt: Borré, Kamada und Glasner. imago images

Himmel und Hölle liegen im Fußball bekanntermaßen oft nah beieinander. Davon kann man auch in Frankfurt seit Jahrzehnten ein Lied singen - Stichwort launische Diva. Seit Donnerstagabend ist es um eine Strophe reicher. Nur fünf Tage nach der schlechtesten Saisonleistung gegen Hertha BSC (1:2) zeigte die Eintracht die beste Performance in dieser Spielzeit. Die Mannschaft spielte wie aus einem Guss, leidenschaftlich, mutig, variabel und kreativ.

Selbst Olympiakos-Trainer Pedro Martins musste hinterher anerkennen: "Wir haben den Gegner sehr intensiv studiert und wussten, welche Stärken er hat. Aber wir haben es nicht geschafft, diese Stärken zu eliminieren. Eintracht Frankfurt war viel stärker als wir, sie zwangen uns dazu, so tief zu stehen. Das war nicht unsere Absicht. Wir hatten nicht den erhofften Ballbesitz und waren einem enormen Druck ausgesetzt." Ein solches Lob aus des Gegners Mund schmeckt besonders gut. Zumal Martins nicht übertrieben hatte.

Manchmal muss man die eigenen Kinder ein bisschen schimpfen.

Glasner

Sein Gegenüber Oliver Glasner hatte in den Tagen nach dem desolaten Auftritt gegen Hertha alles richtig gemacht. Erst setzte er auf ein Donnerwetter, dann auf Harmonie. "Der Trainer ist am Sonntag ein bisschen lauter geworden", berichtet Kapitän Sebastian Rode, der in der Schlussphase nach längerer Verletzungspause (Knie-OP) sein Comeback feierte. Glasner bestätigt das. "Wir haben deutlich angesprochen, was uns nicht so gefallen hat. Die Worte waren ein bisschen lauter. Das ist vielleicht wie zu Hause, manchmal muss man die eigenen Kinder ein bisschen schimpfen. Das mache ich immer sehr ungern, aber manchmal ist das nötig. Trotzdem ist es wichtig, sie am nächsten Tag wieder in den Arm zu nehmen", erklärt der Coach.

Das Spielersatztraining am Sonntag strich er kurzerhand, nach der ausführlichen Spielanalyse habe er zu den Spielern gesagt: "So, jetzt geht mal alle gemeinsam laufen und quatscht darüber." Nach dem freien Montag war der Auftrag im Training denkbar simpel: "Wir haben gesagt: 'Spielt Fußball, traut euch was zu.' Es ist wichtig, dass wir bei aller Ernsthaftigkeit auch mit einer gewissen Lockerheit ins Spiel gehen."

Toures Tor war kein Zufall

Das hat funktioniert. "Selbst nach dem schnellen Ausgleich sind wir nicht eingebrochen, sondern haben die Ruhe bewahrt und ein wunderschönes zweites Tor herausgespielt", resümiert Rode. Nach Martin Hintereggers Kopfball an die Latte infolge einer Ecke spielten Goncalo Paciencia, Djibril Sow und Rafael Borré fünf schnelle und präzise Pässe, am Ende stand Almamy Toure frei und vollstreckte souverän. Zufall war das nicht, der Torschütze verrät: "Wir hatten uns auf solche Situationen eingestellt. Es war Teil des Videostudiums, dass sie auf der einen Seite zwar kopfballstark verteidigen, die zweiten Bälle aber teilweise nicht so gut klären und da ihre Probleme haben." 

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Glasners Kinder-Vergleich: "Manchmal muss man schimpfen"

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Glasner geriet beinahe in Schwärmen, als er über die Leistung seiner Elf sprach. "Wir waren disziplinierter, ruhiger, hatten eine sehr gute Staffelung, waren variabel, haben mal über die Außen gespielt, mal zwischen den Linien - ohne dabei die Balance zu verlieren", zählt der Coach auf. Eine wesentliche Rolle spielten auch die personellen Änderungen, die er vorgenommen hatte. Das offensive Trio Sam Lammers, Jens Petter Hauge und Jesper Lindström flog wie erwartet aus der Elf, dafür begannen Paciencia und der äußerst bissige Borré als Doppelspitze, Kreativgeist Daichi Kamada tobte sich dahinter im offensiven Mittelfeld aus. Glasner hielt am 3-5-2 fest, brachte Toure für Timothy Chandler auf dem rechten Flügel und Tuta für den zuletzt ebenfalls schwächelnden Evan Ndicka in der Innenverteidigung.

Ich bin natürlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis, vor allem aber mit der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind.

Glasner

All diese Maßnahmen gingen voll auf, kein einziger Spieler fiel mit seiner Leistung ab, man könnte an dieser Stelle einige Elogen auf Borré, Kostic, Hasebe, Kamada und Co. verfassen. "Ich bin natürlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis, vor allem aber mit der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind. Insbesondere die erste Hälfte war großartig. Mit Ball waren wir sehr variabel und immer wieder torgefährlich, wir hatten eine hohe Ballsicherheit und - was ganz wichtig war - eine gute Absicherung gegen ihre schnellen Flügel", lobt Glasner und fährt fort: "Was mich wirklich beeindruckte: Dass die Spieler nach dem unglücklichen Ausgleich durch den Handelfmeter weiter an sich geglaubt und nach vorne gespielt haben."

Das Chancenverhältnis betrug am Ende 10:2. Abgesehen von Youssef El-Arabis missglücktem Abschluss in der 12. Minute und dem Strafstoß ließ die Eintracht nichts anbrennen. Die von Glasner angesprochene gute Organisation und Absicherung kann gar nicht stark genug betont werden. "Es war ein ganz wichtiges Element, dass unsere Außen nicht als Links- und Rechtsaußen gespielt haben, sondern immer wieder die Dreierkette unterstützten. Da waren beide sehr diszipliniert, Erik Durm am Ende auch", erläutert der Trainer.

Glasner: "Da möchten wir mal dabei sein"

Auch für den Österreicher muss es in den vergangenen Tagen ein Wechselbad der Gefühle gewesen sein. Nach der Niederlage gegen Berlin merkte man ihm bei seinem konsternierten Auftritt auf der Pressekonferenz an, unter welch gewaltigem Druck er steht. Umso mehr kostete er die Minuten nach dem Abpfiff gegen Piräus aus. "Während der Partie bekomme ich relativ wenig mit, was auf den Rängen los ist, weil ich so im Spiel bin. Aber danach, als die Spieler die verdiente Ehrenrunde machten, stand ich da, schaute ins Stadion und habe einfach genossen."

Die vom Gesundheitsamt zugelassenen 35.000 Zuschauer sorgten für eine großartige Atmosphäre, auch wenn Teile der aktiven Fanszene weiterhin fernblieben. Den namhaften Gegner und die zu erwartende Stimmung im Stadion nahm Glasner vor dem Spiel auch zum Anlass, um die Profis emotional zu packen. "Olympiakos ist es gewohnt, in der Champions League zu spielen. Ich sagte den Spielern, dass das - in diesem Stadion mit unseren Fans - solche Spiele sind, bei denen wir als kleine Jungs mit großen Augen vor dem TV saßen und sagten: 'Da möchten wir mal dabei sein.'" Die große Herausforderung wird nun darin bestehen, diese Freude und Leidenschaft auch für die Partie beim VfL Bochum zu wecken. Damit es nach der magischen Nacht kein böses Erwachen gibt.

Julian Franzke

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