Bundesliga

kicker-Gründer Bensemann: Pionier, Publizist, Mahnmal

"!Nie wieder": Erinnerungstag im Deutschen Fußball

kicker-Gründer Bensemann: Pionier, Publizist, Mahnmal

Diskussionsrunde: Biograph Bernd Beyer, Jörg Jakob (kicker-Chefredaktion), Bayern-Archivar Andreas Wittner, Klaus Laroche (Vorstandsvorsitzender des MTV München) und Moderator Marc Hindelang (v.l.).

Diskussionsrunde: Biograph Bernd Beyer, Jörg Jakob (kicker-Chefredaktion), Bayern-Archivar Andreas Wittner, Klaus Laroche (Vorstandsvorsitzender des MTV München) und Moderator Marc Hindelang (v.l.). Fred Joch

Am 27. Januar 1945 wurden die Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von der sowjetischen Armee befreit, seit 2005 wird jährlich der "Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" begangen. Auch der deutsche Fußball schließt sich dem Gedenken mit der Initiative "!Nie wieder" an. So auch an diesem Wochenende, an dem zahlreiche Klubs und Fan-Gruppierungen mit verschiedenen Aktionen ein Zeichen setzen.

Grund genug für den FC Bayern München, einer prägenden Person der deutschen Fußball-Geschichte und seiner Vereinshistorie einen Abend zu widmen. "Zurück zu den Wurzeln - Das Leben und Wirken des Walther Bensemann" beleuchtete die Vita des jüdischen Fußball-Pioniers Bensemann (1873-1934), der sich als Junge Ende des 19. Jahrhunderts im Internat in der Schweiz mit der "englischen Krankheit" ansteckte, wie der Fußball im von Turnern dominierten Sport-Deutschland damals verächtlich genannt wurde.

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Mit 14 Jahren gründete er seinen ersten Fußballverein, etliche weitere sollten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten im süddeutschen Raum folgen - darunter die Vorläufer der heutigen Bundesligaklubs Bayern München und Eintracht Frankfurt. Darüber hinaus bewies sich Bensemann in einer Zeit des nationalen Denkens als Vordenker des europäischen Gedankens und organisierte internationale Begegnungen unter anderem zwischen deutschen, französischen und englischen Auswahlmannschaften, ganz im Sinne seines Wunsches einer "Völkerversöhnung durch den Sport".

Zudem war Bensemann 1900 entscheidend an der Gründung des Deutschen Fußball-Bunds beteiligt und schlug laut Gründungsprotokoll sogar den Namen vor. 1920 gründete der gebürtige Berliner den kicker. Bensemanns ebenso pointierten wie kritischen Beiträge und der starke Fokus auf Auslandsfußball schärften das Profil des Magazins früh und bis heute.

Vordenker Bensemann

Ohne Walther Bensemann hätte es womöglich weder den FC Bayern noch das kicker-sportmagazin gegeben", betonte Biograph Bernd Beyer bei seiner Einführung: "Er war ein Lebemann, aber auch ein genialer Netzwerker der frühen europäischen Fußballbewegung." Anschließend diskutierten Beyer, Jörg Jakob (kicker-Chefredaktion), Bayern-Archivar Andreas Wittner und Klaus Laroche, der Vorstandsvorsitzende des MTV München, aus dessen Fußballabteilung der FC Bayern hervorgegangen ist, moderiert von Marc Hindelang über das Leben und Wirken des Vordenkers.

Bensemann war Pionier und Publizist, Lebemann und Melancholiker. Früh wurde der Jude in einer Zeit, in der die Nationalsozialisten an die Macht gelangten und schreckliches Unheil über Europa brachten, angefeindet. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, mahnte auch deswegen in ihrem Vorwort das Gedenken an Bensemann ebenso an wie Prof. Dr. Dieter Mayer als 1. Vizepräsident des FC Bayern in seiner Ansprache.

Es ist unsere Pflicht, auch an diese Zeiten im Sport zu erinnern.

Jörg Jakob

Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 floh Bensemann in die Schweiz, 1934 starb er dort verarmt und gebrochen im Alter von 61 Jahren. "Das ist ein Schicksal, das nicht vergessen werden darf", mahnte Laroche. Jakob betonte die Relevanz von Bensemanns Leben und Haltung bis heute: "Historische Themen dürfen nicht in den Hintergrund geraten. Im Gegenteil: Es ist unsere Pflicht, auch an diese Zeiten im Sport zu erinnern. Der Fußball kann mit seiner enormen gesellschaftlichen Bedeutung auch heute einen wirkungsvollen Beitrag für Toleranz und Verständigung leisten." Walther Bensemann hätte es so gewollt.

Patrick Kleinmann