Bundesliga

Warum der Punkt von Mainz Hertha BSC Mut macht

Kraft, Kaderbreite, Standards: Warum der Punkt von Mainz Hertha Mut macht

Khedira: "Es war die richtige Reaktion"

Sami Khedira klatscht mit Herthas Chefcoach Pal Dardai ab.

Sami Khedira klatscht mit Herthas Chefcoach Pal Dardai ab. imago images

Physis, Kaderbreite, Mentalität, Standards - die Berliner haben sich gegen das fünftbeste Rückrunden-Team mit einem Auftritt aus der Quarantäne zurückgemeldet, der ihnen Mut macht.

Wo sie stehen, wussten sie vorher selbst nicht so genau - nach 14 Tagen häuslicher Isolation und drei Trainingseinheiten auf dem Platz, die eher dazu dienten, sich behutsam ranzutasten. "Wir sind eine Unbekannte", hatte Sportdirektor Arne Friedrich vor dem Re-Start gesagt. "Selbst für uns ist schwer vorherzusagen, was passieren wird."

Dardai: "Wir haben die Anfangsphase überlebt"

Die 90 Minuten von Mainz gaben einen Aufschluss. Es könne "am Anfang ein bisschen rucklig werden", hatte Friedrich prognostiziert. So kam's. Nach leidlich unsortierten, fahrigen 20 Anfangsminuten, in denen Mainz durch Jean-Paul Boetius und Adam Szalai beste Gelegenheiten vergab, schüttelte sich Hertha - und steigerte sich. "Wir haben die Anfangsphase überlebt und uns danach stabilisiert", bilanziert Trainer Pal Dardai. "Wir haben uns reingebissen und uns das Unentschieden erarbeitet. Das ist ein guter Anfang. Wenn du aus einer Situation kommst wie wir und gleich verloren hättest, wäre es psychologisch schwierig."

Jetzt ist es anders: Hertha hat vor den Heimspielen gegen Freiburg (Donnerstag) und Bielefeld (Sonntag) Rückenwind. "Es war die richtige Reaktion von uns", sagt Sami Khedira, "und ein kleiner Schritt in die richtige Richtung."

Diese fünf Faktoren machen Hertha Mut

Mentalität: Die Mannschaft, in dieser Saison lange mehr dem Ich- als dem Wir-Gefühl zugetan, machte in Mainz dort weiter, wo sie vor der Quarantäne mit acht Punkten aus fünf Spielen und einem Zuwachs an Geschlossenheit aufgehört hatte. "Wichtig ist das Gemeinsame. Es war für uns ein Arbeitstag", sagt Dardai. "Alle haben gut mitgemacht." Hertha als Einheit auf dem Platz - das ist die wichtigste Botschaft des Montagabends. "Wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen", so Sportdirektor Friedrich, "werden wir da unten rauskommen."

Das scheinen inzwischen alle kapiert zu haben - auch aus Sicht von Khedira: "Unsere Leistung hat gezeigt, dass noch nicht alles richtig rund läuft, aber dass wir als Team kämpfen. Es geht immer nur, wenn du merkst, dass eine Familie auf dem Platz steht, ein Teamgeist herrscht und jeder für jeden kämpft. Dessen ist sich unsere junge Mannschaft immer bewusster geworden."

Zur Pause korrigierte Dardai die Positionierung seines Sturm-Tandems Jhon Cordoba/Matheus Cunha, beide agierten fortan etwas tiefer. Das brachte engere Abstände und besseren Zugriff. Auch wenn sich Matheus Cunha mit seinem Hang zur theatralischen Geste bisweilen selbst im Weg steht und Cordoba nicht alles glückte - beide rieben sich fürs Team auf.

Physis: Hertha lief mit 113,15 Kilometern fast so viel wie Gastgeber Mainz (113,28km) und bestritt 200 Sprints - etwas weniger als im Saisonschnitt (227 pro Spiel, Platz 11 ligaweit), aber eine annehmbare Zahl. "Man hat gesehen, dass wir kein Konditionsproblem haben", resümiert Torhüter Alexander Schwolow. In der Tat: Hertha war fit, das von Athletiktrainer Henrik Kuchno gesteuerte Cybertraining hat den Eindrücken von Mainz zufolge die gewünschten Ergebnisse gebracht.

Kader: Nach einer Stunde brachte Dardai die Nationalspieler Dedryck Boyata (Belgien), Vladimir Darida (Tschechien) und Argentiniens U-23-Auswahlspieler Santiago Ascacibar, nach 71 Minuten den serbischen Nationalspieler Nemanja Radonjic, nach 80 Minuten den polnischen Internationalen Krzysztof Piatek. "Wir haben einen sehr guten und breiten Kader und können jederzeit wechseln", sagt Khedira. "Das ist unser großer Vorteil." In der Tat: Herthas Tiefe im Kader könnte im strapaziösen Saisonfinale zur Trumpfkarte werden. Peter Pekarik, Jordan Torunarigha und Omar Alderete blieben in Mainz auf der Bank, Mathew Leckie und Javairo Dilrosun blieben in Berlin. Dodi Lukebakio und Marvin Plattenhardt kehren nach ihren Coronavirus-Infektionen demnächst zur Mannschaft zurück, auch bei Eduard Löwen (nach muskulären Problemen) soll die Ampel in Kürze auf Grün umschalten. Bei der notwendigen Rotation im Endspurt kann Dardai aus dem Vollen schöpfen.

Standards: Die Harmlosigkeit nach ruhenden Bällen ist ein Dauer-Thema in dieser Saison. In Mainz waren die Berliner nach Standards so gefährlich wie lange nicht. Lucas Tousart erzielte sein Bundesliga-Premierentor nach einem Freistoß von Marton Dardai (36.), Niklas Stark (13., Kopfball nach Matheus Cunhas Ecke) und Matteo Guendouzi (19., Abschluss nach Matheus Cunhas Freistoß) hatten ebenfalls aussichtsreiche Möglichkeiten. "Bei Standards bleiben wir in der Zukunft besser beim Online-Training, das ist besser für uns", scherzte Dardai und schob hinterher: "Die Bälle waren gut geschlagen. Und wenn du die Bälle gut schlägst, hast du Möglichkeiten zu köpfen. Es war einige Male Gefahr. Es liegt immer an den Schützen, da haben wir uns verbessert." Hertha ist als einziges Bundesliga-Team in dieser Saison noch ohne Tor nach einem Eckball. Das könnte sich nach den Eindrücken vom Montagabend bald ändern, zumal mit dem kopfballstarken Boyata der torgefährlichste Abwehrspieler des Kaders wieder an Bord ist.

Leader: Kapitän Boyata hat noch etwas Rost und streute nach seiner Einwechslung einige Fehlpässe im Aufbau ein. Trotzdem ist der Belgier, der nach zwei Verletzungen (Mittelfußbruch, Muskelfaserriss) erstmals seit dem 20. Dezember (1:4 in Freiburg) wieder für Hertha spielte, als Anführer und Ansprechpartner für die jungen Spieler ein wichtiger Faktor. "Er ist der Kapitän", sagt Dardai, "seine Meinung ist wichtig für die anderen." Niklas Stark, der zuletzt die Binde trug, bestätigte in Mainz den Eindruck der vergangenen Monate: Hertha kann sich auch in Krisenzeiten auf ihn verlassen - als Abwehr-Organisator und Anführer. Die Mentalitätsspieler Khedira und Tousart sind das Kraftzentrum im Mittelfeld, Cordoba ist als Zielspieler in vorderster Front für Dardai ungemein wertvoll. Keeper Schwolow lieferte in Mainz sein bisher bestes Spiel für Hertha ab. Die Achse steht - rechtzeitig fürs Saisonfinale. In Anbetracht der Quarantäne und mit Blick auf die Leistung in Mainz sagt Dardai: "Wir haben das Maximum aus der Geschichte rausgeholt. Vom Wohnzimmer ins Stadion als Motto - alle haben Respekt verdient." Der Auftrag für Dienstag und Mittwoch: "Schnell regenerieren." Das Ziel für Donnerstagabend: ein Sieg im Nachholspiel gegen Freiburg - dann würde Hertha auf Platz 14 klettern.

Steffen Rohr

Bilder zur Partie 1. FSV Mainz 05 - Hertha BSC