Bundesliga

Kevin Behrens im Interview: "Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort"

Wolfsburg-Stürmer spricht über seine bewegte Karriere

Behrens im Interview: "Ganz ehrlich: Die Leute hatten recht"

Kevin Behrens gab im kicker-Interview interessante Einblicke.

Kevin Behrens gab im kicker-Interview interessante Einblicke. IMAGO/Jan Huebner

Es ist kein Tag, wie ihn Kevin Behrens liebt. Zwei Medientermine sind angesetzt, dabei redet er nur ungern über sich. Ein TV-Team ist da, der kicker bittet zum ersten großen Interview, seit er beim VfL Wolfsburg spielt. Behrens kommt in kurzen Trainingsklamotten, er taut auf, lacht viel. Und obwohl er es nicht so gerne macht, hat er einiges zu erzählen.

Herr Behrens, im Gegensatz zu den meisten Ihrer Kollegen sind Sie nicht in den sozialen Medien vertreten. Woran liegt’s?

Ich habe mich mal anonym bei Instagram angemeldet, um zu schauen, was da so los ist. Da habe ich relativ schnell für mich festgestellt: Das ist nicht meine Welt, da nutze ich meine Zeit lieber sinnvoller im wirklichen Leben. Also habe ich mir auch nie einen offiziellen Account angelegt.

Sie könnten damit Ihr eigenes Profil schärfen, es wäre vielleicht auch noch der eine oder andere Euro zu machen.

Das brauche ich alles nicht. Ich bin keiner, der sich gern in den Mittelpunkt stellt, rede auch nicht sonderlich gerne in der Öffentlichkeit.

Mit 33 Jahren sind Sie der älteste Feldspieler in Wolfsburg. Verstehen Sie alles, wenn 20-Jährige in der Kabine über die neuesten Trends in den sozialen Netzwerken reden?

Das schon, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen (lacht). In der Fußball-Bubble bleibt man automatisch immer ein bisschen up-to-date. Ich fühle mich auch nicht zu alt in der Kabine. Ich kann zwar nicht immer alles nachvollziehen, was die Jungs da machen, höre mir aber alles offen an.

Was dachten Sie zuletzt, als Sie davon lasen, dass Kevin Volland, Ihr Ex-Teamkollege bei Union Berlin, eine 180.000-Euro-Uhr geklaut wurde?

Das ist eine krasse Geschichte. Es ist schockierend, dass dort, wo ich mich die letzten zwei Jahre auch mal aufgehalten habe, so etwas passiert.

Hätte das auch Ihnen passieren können?

Die Situation an sich natürlich, auch wenn ich keine so teure Uhr besitze.

Was bedeutet für Sie Luxus?

Erst einmal die Gesundheit meiner Familie, das ist das Allerwichtigste! Danach eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Man muss sich nicht so viele Gedanken machen, wenn man den Kindern ein Fahrrad kaufen oder sich mal einen Urlaub leisten will.

Das war bei Ihnen nicht immer so.

Das stimmt. Auch ich habe feststellen dürfen, dass in der 2. und 1. Liga mehr gezahlt wird als in der Regionalliga. Natürlich schaut man da schon mal auf den Gehaltszettel und denkt: Verrückt! Weil es bei mir erst spät losging, kann ich das aber gut einschätzen. Am Ende bleibt mir nicht viel Zeit als Profi, und ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Geld war bei mir aber nie der entscheidende Faktor und auch nicht der Hauptgrund, warum ich zum VfL gewechselt bin.

Kevin Behrens

Im Februar 2024 wurde Kevin Behrens bei Union Berlin verabschiedet. IMAGO/Jan Huebner

Sondern? Warum waren Sie als Stammspieler und Fanliebling in Berlin empfänglich für einen Winterwechsel? Vollends glücklich können Sie ja kaum gewesen sein.

Der VfL hat sich extrem um mich bemüht, dieser Schritt, noch einmal eine andere Herausforderung - das hat mich gereizt. Also habe ich es gemacht.

Ich war, so muss ich es sagen, schon manchmal ein richtiges Arschloch.

Kevin Behrens

Normal zu sein ist in Ihrem Beruf mittlerweile fast außergewöhnlich. Hat es Sie überrascht, welchen Hype es ausgelöst hat, als Sie zu Saisonbeginn nach Ihrem Dreierpack für Union beim 4:1 gegen Mainz mit dem Fahrrad von der Alten Försterei nach Hause gefahren sind?

Ja, schon. Das ging viral, ich habe viele Nachrichten erhalten, sogar in Spanien wurde darüber berichtet. Es war August, wir hatten schönes Wetter, ich konnte mit kurzer Hose und T-Shirt fahren. Und: Meine Frau brauchte unser Auto, deswegen habe ich das Fahrrad genommen. Eigentlich ganz normal.

Als Typ waren Sie nie "ganz normal". Ihr Ex-Trainer Dirk Lottner sagte einmal: "Nicht jeder kann mit diesem besonderen Charakter umgehen." Ihr ehemaliger Teamkollege Marwin Studtrucker berichtete, dass er selten einen Spieler gesehen habe, der so häufig Kopf-an-Kopf mit Gegenspielern stand. Wie würden Sie sich charakterlich beschreiben?

Ich war in der früheren Phase meiner Karriere definitiv anders als heute. Ich war unzufrieden, mit mir, mit meinem Fußballerleben. Diese Unzufriedenheit habe ich auf dem Platz ausgelebt - im Training, im Spiel. Ich war, so muss ich es sagen, schon manchmal ein richtiges Arschloch.

Was genau hat die Unzufriedenheit in Ihnen ausgelöst?

Ich wollte höher spielen, wollte Profi werden, kickte aber in der Regionalliga. Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich noch mehr erreichen kann.

Warum waren Sie dann "nur" in der 4. Liga?

Im Rückblick würde ich schon sagen, dass ich mir den Weg nach oben häufig selbst verbaut habe. Ich habe einige Rote Karten gesehen, mal war’s eine Tätlichkeit, mal ein grobes Foulspiel. Ich hatte den Ruf des Unbelehrbaren und Untrainierbaren, des Typen, der nur Unruhe reinbringt. Und ganz ehrlich: Die Leute hatten recht.

Kevin Behrens in Essen

Kevin Behrens' Zeit in Essen dauerte nur von Juli bis Dezember 2015. imago/Revierfoto

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie so nicht weiterkommen?

2015 bin ich nach nur einem halben Jahr bei Rot-Weiss Essen rausgeflogen, da hat es klick gemacht. Es gab ein paar Unstimmigkeiten mit der Mannschaft und dem Trainerteam um Jan Siewert, aber denen will ich nicht die Schuld geben. Das war schon zu großen Teilen mein Ding.

Früher war ich immer einer der Kleinsten.

Kevin Behrens

Die Laufbahn von Kevin BEhrens

Im Januar 2016 flogen Sie dann als Probespieler mit Rot-Weiß Erfurt ins Trainingslager in die Türkei. Der Drittligist entschied sich gegen eine Verpflichtung.

Das war schon hart, da habe ich mir viele Gedanken gemacht. Einen Plan B für den Fall, dass es nichts wird mit dem Fußball, hatte ich eigentlich nie. Dann kam Ende Januar zum Glück Saarbrücken. Die Zeit dort war ein Wendepunkt meiner Karriere.

Wie viel Talent steckt im nun 33-jährigen Kevin Behrens, wie viel harte Arbeit ist es?

Ein gewisses Talent habe ich natürlich, aber es steckt schon viel harte Arbeit dahinter, eine enorme Hartnäckigkeit, großer Wille. Früher war ich immer einer der Kleinsten, mit 17 oder 18 Jahren habe ich körperlich noch mal einen richtigen Schub gemacht, habe das Krafttraining intensiviert.

Und erreichten mit erst 27 die 2. Liga, mit 30 die Bundesliga. Hatten Sie diesen Traum schon aufgegeben?

Maximal habe ich davon geträumt, daran geglaubt habe ich eigentlich nicht mehr, aber seit der Zeit in Saarbrücken habe ich mich Stück für Stück nach oben gearbeitet.

Wie erreicht man Ziele, die man sich eigentlich gar nicht mehr gesteckt hat?

Ganz sicher gehört auch eine Portion Glück dazu. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In Sandhausen lief es im ersten Jahr in der 2. Liga alles andere als optimal, aber da musst du durch. Danach klappte fast alles, ich bin in einen Flow gekommen.

Jubelte auch schon im Trikot des SV Sandhausen: Kevin Behrens

Jubelte auch schon im Trikot des SV Sandhausen: Kevin Behrens. imago images / Eibner

Und dann kam die Bundesliga, Union Berlin. Hatten Sie die Wahl oder war dies das einzige Angebot?

Es gab einen loseren Kontakt zu einem weiteren Klub aus der 1. Liga, außerdem waren teilweise wilde Sachen aus dem Ausland dabei, aber Union hatte sich schon länger um mich bemüht. Trotzdem glaube ich, dass ich auch dort nicht die erste Wahl war, ich bin erst drei Tage nach dem Vorbereitungsstart gewechselt. Aber das war mir egal, ich wäre auch als zehnte Wahl in die Bundesliga gegangen. Ich wollte einfach alles reinhauen, Minuten sammeln.

Hätten Sie eine andere Karriere gemacht, wenn Sie nicht erst mit 17 ins Nachwuchsleistungszentrum von Werder Bremen gekommen wären? Oder hat es sogar geholfen, erst so spät dort zu landen und nicht früher in eine Schablone gedrückt zu werden?

Eine gute Frage, die schwer zu beantworten ist. Vielleicht wäre ich jetzt technisch ein bisschen besser, vielleicht hätte ich dort aber auch meine eigene Art, Fußball zu spielen, verloren.

Würden Sie im Rückblick etwas anders machen in Ihrer Karriere?

Auf die eine oder andere Rote Karte hätte ich verzichten können, vielleicht hätte ich meine Kraft noch mehr in meine eigentlichen Aufgaben auf dem Platz investieren können.

Als Sie die Werder-Jugend verließen, reichte es nicht einmal für Werder II. Was ging Ihnen damals als gerade mal Volljähriger durch den Kopf?

Nach dem letzten U-19-Spiel wurde mir gesagt, dass ich in der Vorbereitung bei der U 23, die damals in der 3. Liga gespielt hat, mittrainieren könne. Mit dem Zusatz: Und dann schauen wir mal. Erst dachte ich: mega! Mit meinem heutigen Wissen über das Fußballgeschäft war damit aber schon klar, dass ich vielleicht nicht die erste Wahl bin. Und dann hatte ich auch noch ein bisschen Pech.

Inwiefern?

Der Papa eines Kumpels hatte eine Firma und fragte, ob ich nicht bei einem Firmenturnier mitspielen wolle. Das habe ich gemacht und mir den Meniskus gerissen, kurz vor dem Vorbereitungsstart. Ich habe die Saison dann in der Verbandsliga in der dritten Werder-Mannschaft gespielt.

Haben Sie da Geld verdient?

Ein bisschen, aber nichts, wovon ich hätte leben können. Ich habe noch bei meinem Vater gewohnt, eine eigene Wohnung hätte ich mir nicht leisten können. Vielleicht war es jugendlicher Leichtsinn, aber ich hatte trotzdem nur einen Wunsch: Ich wollte Fußballer werden. Meinem Vater bin ich sehr dankbar, er hat mir Rückendeckung gegeben, hat deswegen keinen Stress gemacht.

Wer waren Ihre Vorbilder, als Sie Kind waren?

Ich bin in Bremen geboren, also war ich Werder-Fan. Ansonsten fand ich Sebastian Deisler gut, Thierry Henry, mein Vater brachte mir aus dem Urlaub mal ein gefälschtes Trikot von Alessandro del Piero mit. Und in meinem Kinderzimmer hatte ich ein Poster von Ronaldo, dem Brasilianer, im Shirt von Inter Mailand hängen. Da dachte ich schon mal, ich will so sein wie er.

Und dann kam der 20. September des vergangenen Jahres. Sie spielten in der Champions League mit Union bei Real Madrid. Bernabeu, 65.000 Zuschauer - und Sie mittendrin.

Unfassbar, da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Ende der ersten Hälfte gab es einen Moment, da habe ich einfach so durchs Stadion geschaut und gedacht: Wow, wo bin ich hier?

Kevin Behrens im Bernabeu

Kevin Behrens hatte schon das Privileg, im Bernabeu in Madrid spielen zu dürfen. IMAGO/ZUMA Wire

Ich hatte Angst, dass mich jemand reinlegen will.

Kevin Behrens über den Anruf von Bundestrainer Julian Nagelsmann

Wo waren Sie, als kurze Zeit später Bundestrainer Julian Nagelsmann bei Ihnen anrief?

Ich hatte nach dem Training zwei Anrufe in Abwesenheit auf dem Telefon, wusste vom Klub schon, dass sich der Bundestrainer melden könnte. Ich bin dann ins Auto gegangen und habe zurückgerufen.

Nervös?

Ja, aufgeregt war ich schon. Und ich hatte Angst, dass mich jemand reinlegen will. In der Jugend wurden immer mal solche Späße gemacht, dass wir die Trainer am Telefon imitiert haben, aber die Stimme von Herrn Nagelsmann habe ich erkannt.

Er ist 36 und damit gerade mal drei Jahre älter als Sie. Duzt man sich da nicht?

Nein, ich habe ihn gesiezt, das mache ich eigentlich immer. Er hat mir dann gesagt, dass ich auf der USA-Reise dabei bin.

Was haben Sie gemacht, als Sie aufgelegt haben?

Ich habe zuerst meine Frau angerufen, dann meinen Vater.

Am 18. Oktober machten Sie Ihr erstes Länderspiel, wurden in Philadelphia kurz vor Schluss beim 2:2 gegen Mexiko eingewechselt. Kevin Behrens, der den Weg über Weyhe und Wilhelmshaven ging, kam für Jamal Musiala, der bei Chelsea und dem FC Bayern ausgebildet wurde.

Wahnsinn, wenn ich das so höre! Ich bin unfassbar dankbar, dass ich ein paar Minuten erhalten habe. Ich habe für Deutschland gespielt!

Kevin Behrens

Kevin Behrens hat es zum Nationalspieler geschafft. IMAGO/Matthias Koch

Wie ist das dann im Training in einem Kreis mit Spielern wie Florian Wirtz oder Musiala? Dachten Sie: Kein Problem, hier halte ich mit? Oder: Scheiße, wo bin ich denn hier gelandet?

Im ersten Moment eher Letzteres (lacht). Auf diesem Niveau hatte ich noch nie trainiert. Es war mir aber nicht unangenehm, ich hatte keine Angst, habe auch da mein Bestes gegeben. Technisch bessere Spieler gab es in jeder Mannschaft meiner Karriere.

Wo ist das DFB-Trikot mit der 24?

Zu Hause, aber noch nicht eingerahmt. Das hole ich noch nach.

Wohin würden Sie den größten Moment Ihrer Karriere verorten: Ins Bernabeu nach Madrid oder nach Philadelphia?

Noch mehr genießen konnte ich das Bernabeu, weil wir uns das als Mannschaft hart erarbeitet hatten und ich auch einen Anteil an diesem Erfolg hatte. Andererseits: Mit dem Adler auf der Brust zu spielen, das ist schon das Größte, was man als Fußballer in Deutschland erreichen kann.

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Sie absolvierten Ihr erstes Länderspiel ohne Ballkontakt.

Das gibt’s bestimmt auch nicht so häufig, oder? (lacht laut) Einmal bin ich sogar hinten links herumgelaufen.

Wie weit weg ist die Nationalmannschaft jetzt?

Auf jeden Fall nicht nah dran. Es kann schon sein, dass es dieses eine Spiel für mich war. Sechs Minuten, die ich genossen habe.

Das zweite Jahr bei Union war besonders, Saarbrücken aber auch. Und die C-Jugend bei Weyhe war legendär.

Kevin Behrens

Wie würden Sie die EM verfolgen? Im Trikot mit der 24 auf dem Sofa?

Im Trikot nicht, aber ich werde das Turnier mit Begeisterung verfolgen. Vielleicht schaffe ich es ja sogar, mir mal ein Spiel live im Stadion anzuschauen.

Kevin Behrens

Kevin Behrens schaut im Saarbrücken-Trikot entsetzt. Er hat gegen 1860 München eine frühe Rote Karte gesehen. imago/masterpress

Wenn Sie jetzt schon mal auf Ihre Karriere zurückblicken: Wo war’s am schönsten?

Da muss ich mehrere Stationen nennen. Das zweite Jahr bei Union war besonders, Saarbrücken aber auch. Und die C-Jugend bei Weyhe war legendär.

2018 sahen Sie im Aufstiegsspiel zur 3. Liga mit Saarbrücken gegen 1860 München nach 24 Minuten die Rote Karte. Im kicker-Ticker hieß es: "Was für ein brutales Einsteigen! Behrens geht komplett ohne Rücksicht auf Verluste in den Zweikampf mit Koussou. Mit offener Sohle trifft er ihn am Schienbein. Das sieht richtig übel aus. Rot geht vollkommen in Ordnung." Seither flogen Sie nie mehr vom Platz.

Das stimmt, eigentlich hatte ich mich auch schon zu dieser Zeit besser im Griff. Ich wollte in diesem Spiel ein Zeichen setzen, die Mannschaft wachrütteln. Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl hätte man auch Gelb geben können ...

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