Frauen

Tabea Kemme übt Strukturkritik: "Du bist das rote Tuch"

Ex-Nationalspielerin zu Gast bei "FE:male view on football"

Kemme übt Strukturkritik: "Dann bist du das rote Tuch in diesem System"

Hat eine klare Meinung zum Fußball in Deutschland: Tabea Kemme.

Hat eine klare Meinung zum Fußball in Deutschland: Tabea Kemme. imago images/Eibner

"Geflasht" war Tabea Kemme schon während des Films. "LFG" - benannt nach einer nicht ganz jugendfreien Abkürzung - heißt der Streifen, der den Weg der US-amerikanischen Frauenfußballnationalmannschaft auf dem Weg zum Equal Payment begleitet. Einerseits war Kemme beeindruckt, andererseits stellte sie sich auch die Frage: "Wo sollen wir in Deutschland nur anfangen?"

Sie habe in der Thematik auch "das größte Problem in Deutschland" wiedergefunden, sagt die 47-malige Nationalspielerin in der neuen Folge "FE:male view on football". "Vor lauter Demut sind wir hier mit dem ersten Vertrag völlig fein, aber es geht ja gar nicht um materielle Dinge. Da sind wir zu klein. Wir haben Angst, innerhalb dieses Systems sanktioniert zu werden. Wir haben keine Führungsspielerinnen, weil wir sie nicht entwickeln. Wir lassen ihnen nicht diesen Freiraum und daran sind wir selbst schuld. Es ist ein selbstgemachtes Problem dieses Systems."

Kemme spürt "Angst vor Veränderung" im deutschen Fußball

Dies äußert sich für die heutige "Prime Video"-Expertin aber nicht nur in der Equal-Pay-Thematik. Generell müsse man einige Strukturen im deutschen Fußball aufbrechen. "Mit den Funktionspositionen hast du eine gewisse Position mit besserem Stellenwert, dann wächst deine Macht", erklärt sie. "Dann kommt da jemand und sagt: 'Ich will es besser machen.' Dann geht man voll auf Abwehr aus diesem Impuls: Angst vor Veränderung."

Am eigenen Leib erfahren hat die 30-Jährige dies bei ihrer Kandidatur als Präsidentin ihres früheren Klubs Turbine Potsdam. Im Juni 2021 war sie knapp an Amtsinhaber Rolf Kutzmutz gescheitert. "Mein Vorteil als Frau war: Du kommst da relativ neu rein und hinterfragst erstmal", erzählt sie über die Zeit ihrer Kandidatur. "Du machst niemandem so schnell einen Gefallen, der dadurch einen Vorteil hat, sondern hinterfragst das alles. Dann bist du das rote Tuch in diesem System. Ich habe das auf meine Schultern genommen, weil das meine Art ist. Ich will einen ehrlichen und fairen Austausch, der aber auf so einer Ebene schwer wird."

FE:male #Spezial - Lise Klaveness
03. Juni 202229:01 Minuten

FE:male #Spezial - Lise Klaveness

Nach ihrer Rede auf dem FIFA-Kongress in Katar wurde sie mit Martin Luther King verglichen: Lise Klaveness, Präsidentin des norwegischen Fußballverbandes. Im Gespräch erzählt sie uns, wie ihre Rede entstanden ist, woher sie die Courage für ihren Auftritt genommen hat und wie die Reaktionen danach ausgefallen sind. Die dreifache Mutter unterstreicht erneut ihre Forderungen nach einer transparenten Vergabe der Spiele, faire Bedingungen für Arbeiter und die Einhaltung ethischer und moralischer Standards. Die ehemalige Nationalspielerin und Richterin gibt zudem Auskunft über ihr Verhältnis zu Gianni Infantino und ihren Austausch mit dem DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf. Als Mitglied der LGBTQ Gemeinde erklärt sie außerdem, wie sie vor ihrer Reise nach Katar für ihre persönliche Sicherheit gesorgt hat und was getan werden muss, um Frauen im Fußball weiter zu stärken.

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Durch die erfolglose Kandidatur habe sie "Einblick in die Seilschaften" erhalten, die Kemme zufolge nicht nur bei Turbine Potsdam an der Tagesordnung sind. "Der Egoismus dieser Menschen ist so groß", sagt sie mit Blick auf viele Funktionsträger im deutschen Fußball, "die sind so gekränkt, als wenn du Hunde jaulen hörst. Ich habe versucht, das psychologisch zu verstehen und Mitgefühl zu entwickeln. (...) Das war ein Learning, damit umzugehen. Ich habe so viel gelernt, warum das System so ist."

Warum Kemme auch ihren Job bei der Polizei aus strukturellen Gründen aufgegeben hat, welche Lösungsansätze sie durch eine neu geschaffene Plattform schaffen möchte - und was es mit einem Bully namens "Gin Tony" auf sich hat, erklärt Kemme in der neuen Folge "FE:male view on football". Die ganze Folge ist jetzt auf allen digitalen kicker-Kanälen und bei Spotify, Deezer, Google Podcasts, Podimo und iTunes verfügbar! Dort finden Sie auch eine Zusatzfolge mit der norwegischen Verbandspräsidentin Lise Klaveness, die mit ihrer Rede beim FIFA-Kongress in Katar für Aufsehen sorgte.

mib

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