Bundesliga

Keller im Interview: "Es ist doch cool, international zu spielen"

Der neue Geschäftsführer über die Lage beim 1. FC Köln

Keller im Interview: "Es ist doch cool, international zu spielen"

Arbeitet an der Kölner Zukunft: Christian Keller.

Arbeitet an der Kölner Zukunft: Christian Keller. IMAGO/Treese

Das Gespräch fand statt, bevor das konkret gewordene Interesse von Borussia Dortmund an Mittelfeldspieler Salih Özcan (24) öffentlich wurde. Das Eigengewächs soll für rund fünf Millionen Euro Ablöse wechseln. Eine Summe, die angesichts der zuletzt gezeigten Leistungen des türkischen Nationalspielers vergleichsweise gering klingt. Als sie manifestiert wurde, hätte diese Ablöse allerdings kein Verein für Özcan bezahlt. Dessen Entwicklung unter Trainer Steffen Baumgart macht ihn nun für den BVB zum Schnäppchen.

Es heißt, die Energiekosten am Geißbockheim steigen seit gut vier Wochen, weil in Ihrem Büro bis immer mindestens 22 Uhr das Licht brennt. Ist der Überblick bald hergestellt?
Noch nicht so weit, wie ich es mir vorgestellt habe.

Weil?
Weil ich tagsüber viel Zeit damit verbringe, Gespräche zu führen. Das geht oft nicht in 20 Minuten. Ich habe mit jedem Spieler persönlich gesprochen. Das ging bei jungen Spielern mitunter etwas schneller, mit den erfahreneren Jungs habe ich mich teils bis zu eineinhalb Stunden unterhalten. Diese Zeit wollte ich mir unbedingt nehmen. Dazu habe ich mich mit jedem Abteilungsleiter zusammengesetzt und bei jedem Gremium vorgestellt, und natürlich schon verschiedene Gremiensitzungen mitgemacht. Das ist alles sehr wichtig, aber natürlich keine Zeit, in der ich produktiv arbeite. Deshalb dauert die Einarbeitung im Detail noch ein bisschen.

Sie sind ein akribischer Chef?
Ja, würde ich schon sagen.

Gerne mal laut? Oder eher der emphatische Typ?
Ich regele Dinge gerne auf der Sachebene. Wenn ich laut werde, dann ist es so mittelmäßig gelaufen. Und wenn jemand gar nicht so will, wie ich es mir vorstelle, dann muss ich nicht mehr laut werden - es reichen wenige ruhige, aber unmissverständlich vorgetragene Worte.

Wie hat Köln Sie empfangen?
Freundlich, offen, hilfsbereit. Ich bin sehr angetan.

Wie empfinden Sie die Unterschiede zu Jahn Regensburg?
Es gibt viel mehr Personal, viel mehr Gremien, deshalb auch mehr Abstimmungsbedarf. Aber das war mir ebenso bewusst wie die Tatsache, dass der Klub teilweise Themenfelder bearbeitet, die es in Regensburg gar nicht gab.

Zum Beispiel?
Hier gibt es zum Beispiel eine Abteilung Unternehmensentwicklung. Was von den Kollegen an Innovationen präsentiert wird, das war auf dem Entwicklungsstand des SSV Jahn mitunter noch nicht relevant.

Wie weit sind Sie noch Lernender und wie weit bereits Entscheider?1
Im Sport entscheide ich.

Sie saßen während der Heimspiele auf der Pressetribüne. Sitzen Sie gerne unter Fachleuten?
(lacht) Es ist ruhig dort, man sieht gut. Jörg Jakobs hat mir den Tipp gegeben, wir sitzen nebeneinander. Das ist optimal. Ich hoffe, den Platz darf ich behalten.

Bei Ihrer Vorstellungs-Pressekonferenz nannten Sie die Teilnahme am internationalen Wettbewerb "die Kirsche auf der Sahne". Nun warten Dreifachbelastung, Reisestress, ein möglicherweise frustrierendes Ausscheiden in den Play-offs. Ist möglicherweise noch ein Kern in der Kirsche, an dem man sich böse verschlucken kann?
Grundsätzlich versuche ich, in Chancen zu denken. Bei mir ist das Glas immer halbvoll. Es gibt keine Alternative zum Optimismus für mich. Es ist doch cool, international zu spielen - auch für mich persönlich, ich erlebe das das erste Mal. Auch für das gesamte Trainerteam ist das eine Premiere. Wir freuen uns alle drauf und schauen, wie weit wir kommen.

Ganz Köln lechzt förmlich nach der Vertragsverlängerung mit Steffen Baumgart und seinem Team. Wie weit sind die Gespräche?
Wir haben uns zusammengesetzt und unsere Positionen ausgetauscht. Erfreulicherweise waren sie identisch. Steffen hat ein klares Bekenntnis abgegeben, dass er die Aufgabe hier fortführen möchte. Und ich habe dann in Stellvertretung aller FC-Verantwortlichen gesagt, dass wir ebenfalls weitermachen möchten. Jetzt geht es darum, dass in eine Form zu gießen. Es ist absolut positiv, dass Steffen genauso auf die kommenden Aufgaben blickt wie wir.

Die vergangene Saison darf nicht überdecken, dass uns noch die Substanz fehlt, regelmäßig in einem europäischen Wettbewerb zu landen.

Christian Keller

Nämlich?
Mittelfristig werden wir uns als Entwicklungsklub positionieren müssen.

Das heißt?
Ein Verein, der im Regelfall Spieler holt, die noch nicht den großen Namen in der Bundesliga haben und dort noch keinen Qualitätsnachweis erbracht haben. Spieler, die vielleicht aus unteren Ligen kommen oder in der Bundesliga im Kader standen, aber nur wenig gespielt haben. Diese Spieler entsprechend nach vorne zu bringen, sie zu entwickeln, das ist unsere Kernaufgabe.

Rückschläge sind einkalkuliert?
Sie gehören dazu. Trotzdem wollen wir sie im besten Fall natürlich vermeiden.

Wie lautet konkret die sportliche Zielsetzung?
Zunächst einmal darf die vergangene Saison nicht überdecken, dass uns aktuell noch die Substanz fehlt, regelmäßig in einem europäischen Wettbewerb zu landen. Weder finanzwirtschaftlich noch infrastrukturell ist das möglich. Also gehen wir nicht in die Saison und sagen, wir wollen Siebter werden oder besser. Wir wollen unsere Leistung weiter stabilisieren. In Zahlen ausgedrückt: Wir wollen so schnell wie möglich 40 Punkte holen und dann schauen wir wie viele Spiele im Anschluss daran noch zu spielen sind.

Steffen Baumgart

Bekannt für seine emotionalen Ausbrüche: Steffen Baumgart. IMAGO/Eibner

Vom äußerlichen Auftritt her unterscheiden Sie sich stark vom Trainer. Ziehen sich die Gegensätze an oder fliegen auch mal die Funken?
So lange kennen wir uns noch nicht. Sagen wir mal so: Wenn wir mit Regensburg gegen Paderborn gespielt haben, war er während des Spiels nicht mein Lieblingsgegner an der Seitenlinie (lacht). Aber vor und nach dem Spiel fand ich Steffen immer extrem angenehm, weil er ganz anders ist, als es öffentlich scheint. Ein reflektierter Mensch, der das Feedback sucht und annimmt. Und wenn nach dem Spiel die Emotionen verraucht sind, dann analysiert er klar und sachlich. Da unterscheiden wir uns gar nicht so sehr.

Er ist kein Trainer, der Druck auf den Klub ausübt und ständig neue Spieler fordert. Wie wichtig ist es, einen Trainer zu haben, der wirtschaftlich denkt?
Es ist brutal wichtig, dass der Trainer sagt, die Dinge sind wie sie sind. Und dann versucht, das Beste daraus zu machen. Steffen ist Fußballlehrer und sieht seine wichtigste Aufgabe darin, Spielern dabei zu helfen, besser zu werden. Vom Top-Spieler bis zur Nummer 27 im Kader. Ich finde, das macht einen Top-Trainer aus.

Unter diesem Aspekt darf man auch die Verpflichtung des Hannoveraners Linton Maina sehen?

Linton ist ein Potenzialspieler, ein Entwicklungsspieler, der Qualitäten mitbringt, die objektiv betrachtet reichen müssen, um sich auf Erstliga-Niveau konstant durchzusetzen. Er ist pfeilschnell, kann die Tiefe belaufen und ins eins gegen eins gehen. Dazu ist er torgefährlich.

Was er insgesamt zu selten zeigte…
Linton hat Entwicklungsfelder, die wir klar mit ihm besprochen haben und an denen er gemeinsam mit dem Trainerteam arbeiten wird.

Da dürfte er nun den passenden Trainer haben.
Ganz genau (lacht).

Sie nannten den eingeschlagenen Weg eben alternativlos? Wieso?
Damit wir finanzwirtschaftlich nicht gegen die Wand fahren. Die Handbremse ist angezogen, aber wir rollen noch. Unsere Aufgabe ist es, den FC mittelfristig wieder gesund und auf allen Ebenen leistungsfähig zu machen.

Sie haben von den notwendigen Einsparungen gesprochen, 12 Millionen Euro sind eine Menge Holz. Wie soll das gehen?
Ich kann nicht versprechen, dass es gelingt. Einerseits werden wir günstige Spieler holen, andererseits werden wir den einen oder anderen Spieler abgeben. Wir werden hier aber niemand rausekeln. Das entspricht nicht meiner Vorstellung von Führung. Wer sich korrekt verhält, der wird korrekt behandelt. Dazu gehört auch jedem Spieler transparent seine Perspektive aufzeigen. Dann muss jeder für sich entscheiden, ob er den Weg mit uns gehen möchte - auch auf die Gefahr hin, nicht so viel zu spielen.

Anthony Modeste

Er soll in Köln bleiben: Anthony Modeste. IMAGO/Sportfoto Rudel

Was ist mit Verkäufen von Leistungsträgern?
Man wird sehen, für wen sich ein Markt auftut.

Für Tony Modeste?
Sein sportlicher Stellenwert ist unstrittig. Bei den Torschützen haben wir eine Klumpenbildung. Einen großen Klumpen, der ist von Tony. Und ein paar kleine. Es ist toll, einen Spieler zu haben, der so oft trifft. Aber es wäre gut, wenn du ein paar daneben hast, die acht bis zwölf Tore schießen. Die haben wir noch nicht. Aber ich glaube, Mark Uth ist für acht bis zwölf Tore gut. Was Tony angeht, möchten wir, dass er bleibt. Nicht nur wegen der Tore, auch weil er wichtig ist für die Kabine. Er weiß, dass wir ihn halten wollen. Er weiß aber auch, dass wir aktuell wirtschaftlich nicht in der Lage sind, seinen Vertrag zu verlängern.

Das hat er akzeptiert?
Er hat gelächelt, als er aus meinem Büro ist (schmunzelt).

Ihnen hängt der Begriff "Gehaltsobergrenze" an. Soll dies ein Weg sein, Einsparungen zu realisieren?
Wir haben nie eine konkrete Zahl kommuniziert - und auch intern nicht darüber gesprochen. Unabhängig davon hat jeder Klub eine Gehaltsobergrenze. Bleibt immer nur die Frage, wie hoch die ist. Was wir hier nicht haben, ist ein klares Gehaltsgefüge.

Wie soll das aussehen?
Ganz banal formuliert: Es gibt Leistungsträger, die liegen an der Spitze des Gefüges. Dann kommt der Mittelbau, darunter die Potenzialspieler und Hoffnungsträger. Für jede Kategorie gibt es eine Spanne im Rahmen dessen, wie man es sich leisten kann. Das ist hier nicht so. Hier ist manch ein Hoffnungsträger schon bezahlt wie ein Leistungsträger. Und das ist keine gesunde Struktur.

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