Bundesliga

Kein Millimeter: Stellungnahme der Liga zu 50+1

Kartellrechtliches Prüfverfahren

Kein Millimeter: Stellungnahme der Liga zu 50+1

Halten auch die Ausnahmen für rechtskonform: Oliver Leki (li.) und Steffen Schneekloth aus dem Ligapräsidium.

Halten auch die Ausnahmen für rechtskonform: Oliver Leki (li.) und Steffen Schneekloth aus dem Ligapräsidium. picture alliance/dpa

Die Ansage des DFL-Präsidiums ans Bundeskartellamt ist eindeutig: "Der DFL e.V. teilt nicht die vorläufige Beurteilung, dass die 50+1-Regel in ihrer Gesamtheit aufgrund einer Zusammenschau mit der sogenannten Förderausnahme kartellrechtswidrig sei (…)." Dieser Satz findet sich in der 16-seitigen Antwort der Liga an die Behörde im 50+1-Prüfverfahren. Das Amt hatte erklärt, 50+1 könne wegen der sportpolitischen Ziele kartellrechtlich unbedenklich sein, mahnte aber an, dass die Förderausnahmen problematisch seien.

50+1 besagt, dass der Mutterverein im Besitz der Stimmenmehrheit an einer ausgegliederten Profifußball-Kapitalgesellschaft sein muss. Allerdings gewährte die Liga der Bayer AG in Leverkusen, der VolkswagenAG in Wolfsburg sowie dem Milliardär Dietmar Hopp in Hoffenheim nach mindestens 20-jähriger hoher Förderung Ausnahmen. Die Profifußballsparten des VfL und von Bayer 04 sind 100-prozentige Konzerntöchter, Hopp hält 96 Prozent an der Fußball-Spielbetriebs-GmbH der Kraichgauer. Auch Martin Kind strebte für Hannover 96 eine Ausnahme an, zog den Antrag aber zurück, als sich eine Ablehnung abzeichnete. Das DFL-Präsidium regte in der Folge 2018 das Prüfverfahren an, im Mai gaben die Kartellwächter ihre vorläufige Bewertung ab.

Die Einlassungen erwecken den Eindruck, als wolle man Zeit gewinnen

In ihrer Replik führt die Liga "rechtliche Argumente und Tatsachen" an, die "noch keine oder keine hinreichende Berücksichtigung gefunden haben". Gänzlich neue Aspekte sind offenbar nicht dabei, die Einlassungen erwecken den Eindruck, als wolle man Zeit gewinnen. Die führenden Köpfe des Profifußballs jedenfalls möchten keinen Millimeter von der aktuellen Lösung abweichen. Schon im Juli zeichnete sich das nach einem Brandbrief von Bayer, dem VfL und der TSG und einer Versammlung der 36 DFL-Mitglieder ab. Nun trägt die Liga vor: "Das Präsidium des DFL e.V. ist bestrebt und wünscht, im engen Dialog mit dem Bundeskartellamt die vorläufigen kartellrechtlichen Bedenken auszuräumen."

In den Augen der acht Präsidiumsmitglieder, dem bald scheidenden DFL-Chef Christian Seifert, Oliver Leki (SC Freiburg), Steffen Schneekloth (Holstein Kiel), Jan-Christian Dreesen (FC Bayern), Alexander Wehrle (1. FC Köln), Rüdiger Fritsch (Darmstadt 98), Oke Göttlich (FC St.Pauli) und dem ehemaligen Schalker Finanzvorstand Peter Peters, der wie Seifert bald ausscheidet, werden "die mit der Grundregel verfolgten Ziele nicht durch die erteilten Förderausnahmen konterkariert, sondern setzen sich in der Regelung zur Förderausnahme - wenn auch in anderer Ausgestaltung - konsistent fort". Auch soziale, sport- und gesundheitsfördernde Engagements des Trios führt die Liga ins Rennen.

Augenscheinlich geht es um unterschiedliche Interpretationen der Vereinsprägung des Wettbewerbs. Jedenfalls schreibt das Liga-Präsidium: "Anknüpfend an diese Formulierung ist zutreffend, dass die ,50+1‘-Regel zum Ziel hat, dass vereinsgeprägte Clubs an den Wettbewerben Bundesliga und 2. Bundesliga teilnehmen. Die weiteren Ausführungen der Beschlussabteilung scheinen darauf hinzudeuten, dass ,vereinsgeprägt‘ vorrangig im Sinne von ,vereinsmitgliedergeprägt‘ verstanden wird und bei der Prüfung der Verhältnismäßigkeit der Förderausnahme maßgeblich auch auf die Frage der verbleibenden Mitgliederpartizipation abgestellt wird (vgl. BKartA-Schreiben, S. 12)." Dabei werde nicht genügend berücksichtigt, dass Partizipation und Transparenz auch bei ausgegliederten Normalvereinen von der Rechtsform abhingen und sportliche sowie sportlich-soziale Belange gewahrt würden.

Die Argumente lassen sich auf RB Leipzig kaum übertragen

Beim Thema Vereinsprägung könnte ein Klub jedoch in den Fokus der Wettbewerbshüter rutschen, der bis dato offiziell nicht beanstandet wird: RB Leipzig. Der Mutterverein hält nur ein Prozent der Anteile an der Rasenballsport Leipzig GmbH, dafür aber die Stimmenmehrheit. Allerdings fährt er eine restriktive Politik mit nur etwas mehr als 20 Mitgliedern. Um 2014 die Zweitligalizenz zu erhalten, musste RB eine Fördermitgliedschaft anbieten, die die Teilnahme an e.-V.-Mitgliederversammlungen ohne Wahlrecht zulässt.

Dr. Holger Jakob wollte 2020 versuchsweise RB-Fördermitglied werden. "Auf Nachfrage hat sich der Verein geweigert, die Vereinssatzung zu übersenden, obgleich man deren Inhalt mit Unterzeichnung des Antrags auf Fördermitgliedschaft anerkennt. Man muss die Satzung also abnicken, ohne die Möglichkeit zu bekommen, sie zu lesen“, sagt der Rechtsanwalt und Fan von Union Berlin. Man habe ihm angeboten, die Satzung auf der Geschäftsstelle einzusehen. Jakob findet: "Das ist ein legales Handeln, aber nicht im Sinne des eigentlichen Ordnungsgebers DFB bzw. DFL. Faktisch ist es eine Umgehung. Wer sagt, dass es nicht weitere Unternehmen auch so machen?"

Eine berechtigte Frage. Denn das DFL-Präsidium argumentiert mit Blick auf Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg, dass sich auch bei den Förderausnahmen die Vereinswerte wahren lassen "ohne beherrschenden Einfluss des Muttervereins auf andere Weise". Etwa über die Dauer der Förderung oder die enge Bindung zwischen Konzern respektive Mäzen und Klub: "Bayer 04 Leverkusen e.V. und der VfL Wolfsburg e.V. waren als sogenannte ,Werksvereine‘ bereits insofern schon ,konzerngeprägt‘, als eine Vielzahl an Vereinsmitgliedern und auch Organmitgliedern in einem Anstellungsverhältnis mit dem jeweiligen Konzernunternehmen standen.

17 Klubs in Europa demonstrieren Ausgeglichenheit

Eine 'Abkoppelung von einer Vereinsprägung' hat nach Erteilung der Ausnahmegenehmigungen zumindest nicht in deutlicher materieller Ausprägung stattgefunden, da der Verein mit dem Konzern bereits personell-strukturell, organisatorisch sowie wirtschaftlich durch Fördermittel und Sponsoringverträge des Konzerns seit Jahrzehnten eng miteinander verbunden war. Eine ähnliche Prägung des Vereins durch den langjährigen Förderer lag auch im Fall der TSG 1899 Hoffenheim vor." Argumente, die sich schwerlich auf Leipzig übertragen lassen, wo der Red-Bull-Konzern 2009 das Startrecht des SSV Markranstädt für die Oberliga übernommen hatte.

Etwaige Vorteile, die ob Verlustausgleichsmechanismen auf der Hand liegen, versucht das Präsidium mit zwei Argumenten zu entkräften: damit, dass seit 2015 - damals erhielt Hopp das Okay zur Übernahme der TSG-Mehrheit - "neben den drei oben genannten Clubs noch vier weitere Clubs ununterbrochen in der Bundesliga spielen", und mit der Tatsache, dass sich seit 2010 17 verschiedene Bundesligisten für die europäischen Klubwettbewerbe qualifiziert haben. Dies demonstriere die "langfristige Ausgeglichenheit des Bundesliga-Wettbewerbs". Denn: "In keiner anderen der europäischen Top-Ligen konnten sich in diesem Zeitraum mehr Clubs für die UEFA Champions League (UCL) oder UEFA Europa League (UEL) qualifizieren als in der vom DFL e.V. veranstalteten Bundesliga."

Benni Hofmann