Wintersport

Skispringen - Karl Geiger vor dem Springen in Willingen: "Das große Talent war ich nie"

Deutschlands Vorflieger vor dem Weltcup in Willingen

Karl Geiger: "Das große Talent war ich nie"

Karl Geiger ist derzeit die klare Nummer eins im deutschen Team und will den Erfolg aus dem letzten Jahr in Willingen bestätigen.

Karl Geiger ist derzeit die klare Nummer eins im deutschen Team und will den Erfolg aus dem letzten Jahr in Willingen bestätigen. imago images

Willingen, 16. Februar 2019. "Ihr habt eine so geile Stimmung gemacht, da musste ich einfach weit runter springen", rief Karl Geiger den 23.500 Besuchern zu. Mit der Tagesbestweite von 150,5 Metern war ihm auf der größten Skisprungschanze der Welt ein wahrer Husarenritt gelungen, und der Oberstdorfer hatte etwas überraschend seinen zweiten Weltcupsieg errungen. Damit verwandelte er das Terrain um die Mühlenkopf-Schanze endgültig zum Tollhaus, heizte die Partystimmung zusätzlich an. "Super, Karl war heute absolut klar im Kopf", lobte der damalige Bundestrainer Werner Schuster.

Am Wochenende kommen die Skispringer wieder nach Willingen. Aus dem Überraschungsspringer Karl Geiger ist in den vergangenen Wochen die Nummer eins im deutschen Team geworden. Dritter war der 26-Jährige bei der prestigeträchtigen Vierschanzen-Tournee, beim Weltcup in Val di Fiemme hat er das Double geschafft - Sieg am Samstag und am Sonntag. Danach durfte er sich das Gelbe Trikot des Führenden in der Gesamtwertung überstreifen. "Das ist zwar aus dem identischen Material wie das übliche Trikot, aber ich fühle mich sehr wohl darin", sagte er sichtlich stolz. Auch wenn er es am vergangenen Wochenende in Sapporo an den Österreicher Stefan Kraft (26) abgeben musste - der Abstand ist minimal.

Langer Weg bis zur Weltklasse

Es hat ein wenig gedauert, bis Geiger in der absoluten Weltspitze angekommen ist. "Bei mir ging es nicht so schnell, ich war nicht schon mit 17 Weltklasse." 19 Lenze zählte er, als er beim Saisonauftakt 2012 sein Debüt im Weltcup gab. Doch der 1,83 Meter große Springer blieb immer unscheinbar im Hintergrund. Weltmeister und Gesamt-Weltcupsieger Severin Freund stand im Fokus, auch Andreas Wellinger als Olympiasieger. Geiger war ein solider Mannschaftsspringer. "Das große Talent war ich nie", sagte er selbst über sich. Doch er hat stets an sich gearbeitet: "Ich bin von Jahr zu Jahr besser geworden - das war ein ganz langsamer Prozess."

Auch bei seinem bisher größten sportlichen Erfolg stand Geiger wieder im Schatten. Bei den Weltmeisterschaften 2019 gewann er auf der Bergiselschanze in Innsbruck Silber. Alle Blicke richteten sich jedoch auf Markus Eisenbichler - der Siegsdorfer holte auf der Großschanze Gold. Geiger freute sich mit seinem Zimmerkollegen, beide holten gemeinsam im Mixed und zusammen mit Richard Freitag und Stephan Leyhe im Team-Springen noch zweimal Gold in Mannschaftswettbewerben. Der Knoten sei im Jahr davor schon geplatzt, meint Geiger. Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang hatte er drei Einsätze bekommen. Und mit dem Team die Silbermedaille gewonnen. "Das gab mir Kraft", verrät er.

Ruhiger Typ, aber im Wettkampf ein bisschen "Drecksau"

Nicht nur sportlich hat Karl Geiger in den vergangenen Jahren dazugelernt. Sondern sich auch persönlich weiterentwickelt. Grundsätzlich sagt er über sich: "Ich bin eher einer von der entspannteren Art. Eigentlich bringt mich so schnell nichts aus der Ruhe. Auch als Springer versuche ich, cool zu bleiben." Doch im Wettkampf habe er versucht, sich ein bisschen eine Drecksau anzugewöhnen. "Wenn Wettkampf ist, dann hau ich drauf, dann gebe ich immer 100 Prozent. Da bin ich eher rigoros, eher hopp oder top."

Diese Veränderung konnte Stefan Horngacher (50) am besten erkennen. Lange Jahre hat der Österreicher Geiger als deutscher Co-Trainer begleitet. Nach drei Jahren als Coach der Polen kehrte er im Frühjahr als verantwortlicher Bundestrainer zurück. Schon im Sommer sagte Horngacher: "Wir sind mit Karl auf dem richtigen Weg. Früher war sein Training immer so lala gewesen und der Wettkampf überragend. Jetzt bringt er schon in Übungseinheiten starke Leistungen." Geholfen hat ihm dabei auch eine andere Position in der Anfahrt mit einem um ein paar Grad nach vorne verlagerten Schwerpunkt. Und von diesem höheren Level konnte er in den folgenden Wettkämpfen noch einmal ein paar Stufen höher treten.

"Gefühlsspringer" Eisenbichler als ständiger Zimmerkollege

Geiger und Markus Eisenbichler (re.)

"Wie Ying und Yang": Geiger und Kumpel Markus Eisenbichler (re.) am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen. picture-alliance

Eisenbichler als ständiger Zimmerkollege kann Karl Geiger am besten beurteilen. Zwischen 180 und 200 Nächte verbringen die beiden jedes Jahr miteinander. "Der Karl und ich sind wie Ying und Yang, sehr unterschiedlich beim Skispringen", sagt der 28-jährige Oberbayer. Während er sich als Gefühlsspringer beschreibt, sei Geiger eher der Stratege, er muss alles sehr gut durchdenken. Dem gegenüber zeigt Eisenbichler im Erfolgsfall gerne seine Empfindungen. Berühmt sind seine emotionalen Brüller nach dem Gewinn des WM-Titels.

So richtig wohl fühlt sich Geiger zu Hause in Oberstdorf: "Das ist für mich Heimat." Freunde treffen, auf die Gipfel der umliegenden Berge steigen. Und von dem einen oder anderen auch mal mit dem Gleitschirm runterfliegen. Zu viel Risiko? Geiger verneint: "Ich finde nicht, dass Gleitschirmfliegen ein zu gefährliches Hobby für einen Leistungssportler ist."

Nicht nur auf der Schanze, auch im normalen Leben hat Geiger im vergangenen Jahr Meisterliches abgeliefert. An der Hochschule Kempten studierte er Energie- und Umwelttechnik. Kurz vor Weihnachten erhielt er sein Diplom. Seine Bachelor-Arbeit hatte natürlich etwas mit Wintersport zu tun. Das Thema: Der effiziente Energieeinsatz bei Eis-Präparierfahrzeugen.

Erste Versuche in der Nordischen Kombination

Natürlich stand Karl Geiger schon in jungen Jahren auf Ski. "Als Kind bin ich über alles gehüpft - Kuppen und Anhöhen." Doch an Skispringen hat er nicht im Ansatz gedacht. Später als Jugendlicher schon eher. "Ich habe ich mich auch in der Nordischen Kombination ausprobiert, habe mit Johannes Rydzek trainiert", erzählt er. Doch während Rydzek (28) weitermachte und mittlerweile sechsfacher Weltmeister ist, reduzierte Geiger sein Programm: "Am Langlauf habe ich nichts finden können."

Ausschlaggebend waren auch Besuche beim Auftaktspringen der Vierschanzen-Tournee. "Selbstverständlich war ich als Kind regelmäßig ein Fan an der Schanze. Ich kann mich noch bestens an die Siege von Martin Schmitt erinnern, der zwischen 1998 und 2000 dreimal hintereinander gewonnen hat. Das war schon ziemlich cool damals."

Heute ist Karl Geiger selbst Vorbild für viele Kinder und Jugendliche. Ebenso wie Stephan Leyhe (28). Natürlich will der Willinger bei seinem Heimspringen - und zu dessen 25-jährigem Jubiläum - etwas Besonderes zeigen. So wie am vergangenen Sonntag in Sapporo, als er auf der Olympia-Schanze Zweiter hinter Stefan Kraft wurde. Trotz Karl Geiger - Leyhe war damit zum fünften Mal hintereinander der beste deutsche Adler. Wenn das kein Anlass für eine ausgelassene Party ist.

Klaus-Eckhard Jost