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Wie James Rodriguez den FC Everton auf ein neues Level hebt

Wie der Ex-Münchner beim FC Everton wieder aufblüht

Kalter Karriereknick: Der Weg des James Rodriguez

In Madrid und München unglücklich, in Everton aufgeblüht: James erlebt in England einen Start nach Maß.

In Madrid und München unglücklich, in Everton aufgeblüht: James erlebt in England einen Start nach Maß. imago images

München war zu kalt. Und zu organisiert. Und zu deutsch. "Sie denken immer nur an die Arbeit."

Niemand hatte James Rodriguez damals, im Juli 2017, vorgewarnt. Es war ja Juli und warm, und bei seiner Antrittspressekonferenz strahlte sowieso jeder. "Er sieht gut aus", hatte Karl-Heinz Rummenigge von seiner Frau und Tochter gehört.

Im grauen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte hatte James versprochen, sich beim FC Bayern "ins Zeug" zu legen und da zu spielen, wo es "der Trainer will". In Madrid durfte er zuvor nämlich kaum noch spielen, seit Carlo Ancelotti den Klub verlassen hatte. Also holte Ancelotti James einfach zurück und brachte ihn zum deutschen Meister.

Zwei Jahre und wenige Höhepunkte später sprach James nicht mehr gerne von der vorher noch so "schönen Stadt München".

Was mache ich eigentlich hier?

James über kalte Tage in München

Der Ton war deutlich rauer geworden: "Es gab Tage", sagte er im Interview mit "Comutricolor", "an denen ich um 9 Uhr mit dem Auto in einer Eiseskälte zum Training gefahren bin. Da habe ich mich gefragt: 'Was mache ich eigentlich hier?'"

Ja, wo gab's denn so was? Hatte James etwa niemand gesagt, dass im bayerischen Winter auch mal das Auto freigekratzt werden muss? Oder entlud sich da nur der Frust, der sich in zwei wieder mal ernüchternden Spielzeiten angestaut hatte?

James beim FC Bayern

Meist nur Reservist: James beim FC Bayern. imago images

Als "Golden Boy" und WM-Torschützenkönig war der Kolumbianer 2014 für fast 80 Millionen Euro von Monaco zu Real Madrid gewechselt und nach einer bemerkenswerten Debüt-Saison unter Ancelotti (35 Torbeteiligungen) in der Hierarchie abgerutscht, weil Ancelottis Nachfolger Rafael Benitez und Zinedine Zidane nicht mehr auf ein 4-2-3-1-System mit dem klassischen Zehner setzten.

Zidane, der Benitez schon nach einem halben Jahr im Januar 2016 ersetzt hatte, strich James und platzierte im 4-3-3 Casemiro hinter Luka Modric und Toni Kroos. Der Brasilianer gilt als einer der Anker auf dem Weg zu den drei folgenden Champions-League-Titeln.

James war nur noch als Reservist gefragt, durfte auswärts in Granada oder La Coruna ran, wenn Gareth Bale und Cristiano Ronaldo mal pausieren konnten. Der Golden Boy hatte seinen Glanz längst verloren und damit offenbar Probleme. "Er ist ein Spieler, der eine gewisse Sonderbehandlung braucht", sagt Madrid-Experte Nils Kern von "realtotal.de". Im ersten Jahr in Spanien hatte James einen persönlichen Assistenten aus Kolumbien, "der alles für ihn erledigte".

Danach aber musste er auf eigenen Füßen stehen, kam damit nur leider nicht zurecht. "Seine Ehe ging langsam in die Brüche, hier und da genoss er das Madrider Nachtleben", sagt Kern, und auf dem Trainingsplatz fehlte die "Leidensbereitschaft", sich wieder in die Startelf zu kämpfen.

Ancelotti holt James zurück: "Vielleicht kann ihm das helfen"

Also kam Retter Ancelotti und sah etwas Positives an den vorher schwindenden Einsatzzeiten in Madrid. "Vielleicht", meinte der Italiener bei der Vorstellung seines Schützlings in München, "kann ihm das noch mehr helfen, sich zu motivieren, dass er sich durchsetzt".

James begann gut, schoss bei seinem ersten Startelf-Einsatz auf Schalke ein Tor und legte eins auf, darauf folgten jedoch nur noch wenige Highlights wie beim 3:1-Sieg in Dortmund mit zwei Assists.

In Kolumbien war James der Superstar schlechthin mit mehr Instagram-Followern als alle Bundesliga-Vereine zusammen, im München aber wieder nur einer von vielen. Die gewünschte Anerkennung bekam er erneut nicht, und der FC Bayern verzichtete im Sommer 2019 nach einer weiteren durchwachsenen Saison - Ancelotti war längst weg - auf die vorher vereinbarte Kaufoption von 42 Millionen Euro.

In Spanien begann der Spießrutenlauf von vorne. Zidane wollte James nicht, James wollte nicht mehr unter Zidane spielen. Atletico wollte James und James zu Atletico, aber Real wollte nicht, dass James beim Stadtrivalen spielte. Und Neapel, wo Ancelotti inzwischen das Sagen hatte, fehlte das Geld.

"Ich wollte, dass den Menschen in Madrid die Zeit von mir in Erinnerung bleibt, bevor ich zu Bayern ging", sagte James kurz darauf. Doch er musste bleiben.

James bei Real Madrid

Unstimmigkeiten mit Zinedine Zidane: James bei Real Madrid. imago images

"Der letzte Funken Motivation" und einige Ausfälle, wie Kern berichtet, verschafften dem inzwischen 28-Jährigen sieben Liga-Einsätze zum Start, ein einziger sollte bis Saisonende noch dazukommen. "Er hat im Training fast nichts mehr gemacht", erklärt Kern. "Er wirkte wie ein Fremdkörper, der nicht nur Einsatz, sondern auch Torgefahr vermissen ließ."

Alle Parteien warteten nach Saisonende auf eine Lösung. Und für die musste wieder mal Ancelotti sorgen.

Anderthalb Monate, nachdem James von der Bank aus zugesehen hatte, wie seine Mitspieler Real die Meisterschaft beschert hatten, blitzte am Times Square in New York eine riesige Grafik mit dem strahlenden Gesicht des Kolumbianers auf. In Bogota erleuchtete der Torre Colpatria, einst Kolumbiens größtes Gebäude, in Blau mit der Nummer 19.

Für Evertons PR-Abteilung ist James sofort ein Segen

Der FC Everton hatte James aus Madrid befreit und die PR-Trommel im ganz großen Stil angeschmissen. Die Toffees, seit Jahren nicht mehr als graues Mittelmaß der Premier League, planten schon in den ersten 48 Stunden nach James' Unterschrift mit einer Reichweite von 400 Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken.

Der Spieler hat immerhin deutlich mehr Abonnenten als Liverpool oder Manchester United und gleich 23 Mal so viele wie Everton. "Natürlich", sagt deshalb auch Philip Kirkbride, "hat sein Profil aus Marketingsicht nur Vorteile für den Verein."

Kirkbride begleitet Everton als Reporter für das "Liverpool Echo" und ist etwas überrascht, als er von James' Beschwerden über das Wetter in Deutschland hört. "Hoffentlich hat ihn der bayerische Winter darauf vorbereitet, wenn es in Liverpool kalt wird."

"Dafür ist seine Beziehung zu Ancelotti viel zu gut"

Im Frühherbst zumindest ist von derlei Problemen noch überhaupt nichts zu sehen. "Und ich glaube auch nicht, dass das mal ein Thema wird", sagt Kirkbride. "Dafür ist seine Beziehung zu Ancelotti viel zu gut."

Der Start in Everton hätte für James kaum besser laufen können. Obwohl auch Ancelotti vom 4-2-3-1 abgekehrt ist und seinen Liebling jetzt auf der rechten Außenbahn im 4-3-3 aufstellt, sind drei Tore und zwei Vorlagen in den ersten vier Premier-League-Spielen, die Everton alle gewann, nur ein Teil der Wahrheit. James kreiert Chancen, hat wieder die Ballsicherheit und Technik, die ihn einst so begehrt machte, und ist noch dazu defensiv engagiert.

"Er hat Evertons Angriff auf ein neues Level gehoben", sagt Kirkbride, auch wenn James das nicht alleine geschafft hat. Mit Allan, für 25 Millionen Euro aus Neapel gekommen, ist ein Anführer dazugekommen, der für die nötige defensive Stabilität sorgt. Watfords Abdoulaye Doucouré, 22 Millionen Euro teuer, bringt die Energie im Umschaltspiel und zusätzliche Torgefahr.

James beim FC Everton

Wiedervereint mit Carlo Ancelotti: James beim FC Everton. imago images

Zum ersten Mal seit dem Abgang von Idrissa Gueye zu Paris Saint-Germain verfügt Everton wieder über ein funktionierendes Mittelfeld, von dem auch James profitiert.

Vor allem aber ist es Ancelotti zu verdanken, dass es wieder klickt. "Er gibt ihm die Freiheiten, die er braucht", erklärt Kirkbride. "Carlo lässt es immer einfacher klingen, als es ist, aber er ist kein Trainer, der das Spiel verkompliziert. James soll einfach das machen, was er am besten kann."

So einfach ist es dann doch. "James weiß jetzt schon, wie wichtig er für den Verein ist." Er ist wieder der Superstar, der er in München und Madrid nicht mehr sein durfte.

Als Tabellenführer geht Everton am Samstag (13.30 Uhr, LIVE! bei kicker) ins Spitzenspiel und Startderby beim FC Liverpool.

Dass die Erfolgsblase bei den Toffees irgendwann platzen wird, ist Ancelotti bewusst. "Dann", sagt Kirkbride, "kommt es drauf an, ob James und Co. den Charakter aus den bisherigen Spielen zeigen."

Und Achtung: Irgendwann kommt der Winter auch nach Liverpool.

Mario Krischel

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