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Juventus Turin und eine "mutmaßliche Milchmädchenrechnung"

Agnelli, UEFA und die Super League

Juve und eine "mutmaßliche Milchmädchenrechnung"

Gab es Schwarzgeld-Zahlungen bei Juventus?

Gab es Schwarzgeld-Zahlungen bei Juventus? IMAGO/LaPresse

Die Webseite von A22-Sports, der Firma, die derzeit mit neuem Schwung das Thema Super League vorantreibt, ziert ein Zitat von Andrea Agnelli aus einem Brief an die Aktionäre von Juventus Turin. "Juventus war und wird immer aktiv nach Lösungen für die Probleme im Fußball suchen, denn uns liegt die Zukunft unseres Sportes am Herzen", hieß es in dem im Oktober geschriebenen Dokument. Zwei Monate später ist Agnelli nicht mehr Präsident des italienischen Rekordmeisters. Am Dienstag ist der 46-Jährige zurückgetreten, genau wie sein Stellvertreter Pavel Nedved. Dem Duo droht, genau wie 14 weiteren, ein Prozess wegen des Verdachts der Bilanzfälschung. Der Vorwurf: Die Beschuldigten sollen 23 Profis, die einem coronabedingten Gehaltsverzicht in Höhe von 90 Millionen Euro zugestimmt hatten, einen Teil ihres Salärs doch bezahlt haben - und zwar schwarz. Es gilt die Unschuldsvermutung.

"Nur auf dem Papier bescheidene Spieler"

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Derartige Summen an der Steuer vorbei, das ist ein schwer vorstellbares Ausmaß, findet Dr. Ingo Bott: "Was überrascht, ist die mutmaßliche Milchmädchenrechnung der Verantwortlichen: Dass strafbare Schwarzgeldzahlungen solchen Umfangs an der Bilanz vorbei nicht auffallen würden, dürfte von Anfang an illusorisch gewesen sein." Der Rechtsanwalt, Wirtschaftsstrafrechtsexperte und Inhaber der Düsseldorfer Kanzlei Plan A glaubt: "Dass die Entscheidung dennoch so gefallen sein könnte, zeigt, wie sehr sich Juve von den Realitäten eines normalen Wirtschaftens entfernt haben und in Abhängigkeit von nur auf dem Papier bescheidenen Spielern begeben haben dürfte."

In der Tat demonstrieren die Statistiken des "Football Benchmark Club Finance & Operations Tool", einer internationalen Sportwirtschafts-Datenbank, für Juve nach einer stabilen Phase mit ein- und zweistelligen Millionengewinnen zwischen 2013 und 2017 von da an einen rapiden ökonomischen Verfall. Demnach haben die Norditaliener in den vier Saisons seit 2017/18 ein kumuliertes Vor-Steuer-Minus von 326,4 Millionen Euro gemacht. Für 2021/22 meldete Juve im September ein weiteres Minus von 254 Mio. Euro. Angesichts solcher Zahlen würden Verzweiflungstaten kaum verwundern.

Das defizitäre Wirtschaften in den letzten Jahren unter Agnelli erklärt auch, warum Juve sich genau wie Real Madrid und der FC Barcelona für eine zunächst krachend gescheiterte Super League begeistern konnte. Und nach wie vor begeistert. Die Macher hinter dem potenziellen Ausbruch streben mit neuem Mut zu ihrem Ziel. Zuletzt stellten sie den deutschen Medienmanager Bernd Reichart als neuen Kopf der Firma vor, die der Idee zum Erfolg verhelfen soll: A22-Sports. Ein Treffen in Nyon zuletzt geriet allerdings zur Machtdemonstration von UEFA-Boss Aleksander Ceferin mit diversen Liga-Bossen an seiner Seite gegenüber Reichart, der sich dennoch zuversichtlich gibt.

Super League vor dem EuGH

Doch was bedeutet das Aus für Agnelli für die Super League, war er doch neben Real-Boss Florentino Perez deren wohl prominentester Verfechter? Offiziell ist von den A22-Leuten lediglich zu hören, dass man interne Vorgänge bei Juventus nicht kommentieren werde. Doch offenbar geht man davon aus, weiterhin Unterstützung aus Turin zu erfahren. Vor allem jetzt, wo doch ein wichtiger Termin ansteht: Am 15. Dezember wird der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Luxemburg seinen Schlussantrag im Rechtsstreit zur Super League vorlegen und die mündliche Verhandlung im Juli lief nicht unbedingt optimal für die UEFA.

Die wiederum dürfte sich brennend für die Ermittlungen der italienischen Finanzpolizei und den anstehenden Prozess gegen ein Gesicht ihres derzeit größten Konkurrenten interessieren. Noch im September hatte die Finanzkontrollkammer Sanktionen gegen eine Vielzahl von Klubs ausgesprochen, weil diese die Break-Even-Anforderungen des Financial Fairplay nicht erfüllt hatten. Darunter auch Juve, das 3,5 Mio. Euro bezahlen musste, weitere 19,5 Mio. stehen im Raum für den Fall, dass der Klub bestimmte UEFA-Auflagen nicht erfüllen wird. Da liefen die Untersuchungen der sogenannten Operation "Prisma" gegen die Juve-Verantwortlichen längst.

Benni Hofmann

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