Europa League

Jörg Albertz: "Die Rangers-Fans werden ab der ersten Minute ausflippen"

Interview mit dem früheren Glasgow-Profi

Jörg Albertz: "Die Rangers-Fans werden ab der ersten Minute ausflippen"

Eine der vielen Legenden der Rangers: Jörg Albertz.

Eine der vielen Legenden der Rangers: Jörg Albertz. Getty Images

Ausgebildet in Gladbach, Bundesliga-Premiere 1990 für Fortuna Düsseldorf, Mitte der Neunziger Jahre Publikumsliebling und Kapitän des Hamburger SV, ungläubig bestaunter, aber verletzungsgeplagter Zweitliga-Profi in Fürth und Fußball-Pionier in China - keine Frage, Jörg Albertz hat in seiner 18-jährigen Laufbahn einiges erlebt und gesehen. Wo es am schönsten war? "Ganz klar bei den Rangers! Das war eine Liebesbeziehung auf den ersten Blick - zwischen mir und den Fans und letztlich mit dem ganzen Klub."

Von 1996 bis 2001 spielte der heute 51-Jährige für den stolzen Protestanten-Klub aus Glasgow, mit dem er drei der mittlerweile 55 Meistertitel einfuhr. Am Tag vor dem Halbfinal-Rückspiel der Rangers gegen RB Leipzig (Donnerstag, 21 Uhr, LIVE! bei kicker) erwischt man den gebürtigen Mönchengladbacher in seiner Heimatstadt am Telefon.

Herr Albertz, sind Sie schon auf dem Weg nach Glasgow?

Nein, das geht diesmal leider nicht. Die Familie hat Vorrang, aber ich fiebere dem Spiel natürlich entgegen und schaue es bei mir zuhause an.

Die Rangers-Familie muss der Familie in Mönchengladbach also den Vortritt lassen.

Ich habe schlicht keine Zeit. Ich habe drei schulpflichtige Kinder, die auch noch zum Training müssen. Karate und Fußball - und der kleinste will mit Papa im Garten kicken.

Wie oft sind sie denn noch in Glasgow?

Ich bin regelmäßig da, im Jahresschnitt sieben bis acht Mal. Spiele mit den Fans, Rangers-Abende, da sitzt man dann zusammen, isst lecker und lässt die alten Geschichten aufleben. Zuletzt war ich Ende März zu einem Legendenspiel da.

Jörg Albertz

Jörg Albertz im März 2022 anlässlich eines Spiels der Rangers-Legenden gegen eine Auswahl von nicht Rangers-Legenden. IMAGO/Shutterstock

Alte Geschichten und Legenden, das bringt uns unweigerlich zu Jimmy Bell. Der langjährige Busfahrer und Zeugwart verstarb überraschend am Dienstag. Der Klub steht unter Schock, wie haben Sie ihn erlebt?

Jimmy hatte Kultstatus. Jeder, der ihn kannte, kann bestätigen, dass er ein ganz feiner Kerl war. Sonntag fieberte er noch beim Old Firm gegen Celtic mit, Dienstag ist er tot. Das ist Wahnsinn und ein Riesenschock. Er hat sich aufgeopfert für den Klub und für wirklich jeden seiner 'boys', wie er Spieler nannte.

Rangers unter Schock

Viele Spieler gaben zuletzt Anekdoten preis, die sie mit Jimmy Bell verbanden. Der Schluck Whisky in der Kabine nach der gewonnenen Meisterschaft 2011, das ritualisierte Überstreifen der Kapitänsbinde. Welche Anekdote verbinden Sie mit ihm?

Ich habe ihn nach einem Trikot gefragt, um es für einen guten Zweck zu spenden. Er hat mich aber glatt abfahren lassen. 'Das kriegst du nicht', hat er gesagt in seinem richtig barschen Ton. Als ich dann nach dem Training in die Kabine kam, lag das Trikot fein säuberlich verpackt auf meinem Platz.

Was glauben Sie: Wie gehen die Rangers-Profis nach dieser Todesnachricht ins Spiel gegen Leipzig?

Sie wissen natürlich, dass sie ein sehr wichtiges Fußballspiel vor der Brust haben. Ich gehe schwer davon aus, dass sie ihm den Auftritt widmen wollen. Ich würde nicht sagen wollen, dass sie durch Jimmys Tod einen Extra-Push bekommen, aber sie sind definitiv motiviert, um in seinem Gedenken ins Finale einzuziehen.

Frankfurts Torflut, Wieses Alptraum und Rudys Erweckung: Die deutschen Teams im Ibrox

Waren Sie als Profi schon mal in einer vergleichbaren Ausnahmesituation?

Nein. Und es ist auch gut so, dass ich nicht beantworten kann, wie es mir ergangen wäre. Natürlich sagen die Spieler nun, dass sie für Jimmy spielen, aber die Frage bleibt, wie sie diesen plötzlichen Verlust verarbeiten. Ob sie die "Jetzt-erst-recht-für-Jimmy-Haltung" im Spiel umgesetzt bekommen, ist schwer zu sagen. Ich denke, es kann in beide Richtungen laufen - totaler Ansporn oder komplettes Hemmnis.

Halbfinale der Europa League

Sie kennen einige Traditionsvereine, was macht die Rangers aus Ihrer Sicht noch einmal spezieller?

Auch wenn man das nicht in Worte fassen kann, versuche ich es mal: In Glasgow wird man als Fan von Celtic oder den Rangers geboren, so startet man ins Leben. Die Rangers-Anhänger verzichten auf Urlaub, um sich das Geld für die Spiele im Stadion zusammenzusparen. Diese Haltung merkt man als Spieler sofort. Wenn man dann ins Ibrox reingeht, einen solchen Haupteingang gibt es ja in keinem Stadion mehr heutzutage - mit Marmorböden, holzvertäfelten Wänden und der Hall of Fame. Hat man einmal für die Rangers gespielt, gehört man zur Familie. Jeder kennt jeden - zum Beispiel die Profis die Mitarbeiter, die die Wäsche machen. Unter dem Strich ist eine unheimliche Leidenschaft für diesen Klub zu spüren, das schweißt hier alle zusammen.

Gegner Leipzig wird als das krasse Gegenteil eines Traditionsklubs wahrgenommen.

Ja, ich weiß schon, auf was Sie hinauswollen, aber ich möchte mir darüber kein Urteil erlauben. Was ich sehe, ist: RB hat eine sehr gute Mannschaft, die in allen Wettbewerben verdientermaßen dort steht, wo sie eben steht. Klar spielt das viele Geld eine Rolle, aber sie haben im Klub und auf dem Spielfeld damit hervorragend gearbeitet über die Jahre. In fünfzig Jahren hat auch RB eine Historie, irgendwann muss man eben mal damit anfangen.

"Dauerbelastung für die Ohren": Tedesco gibt Einblicke in Stimmung-Simulation auf Schalke

alle Videos in der Übersicht

Damit sind wir beim Spiel. Wie werden die Rangers die Partie nach dem 0:1 im Hinspiel angehen?

Sie müssen nach vorne spielen und Druck erzeugen, es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Beim 4:2-Sieg in Dortmund haben die Rangers den BVB mit ihrer offensiven Spielweise überrascht, zuhause konnten sie dann abwarten. In Leipzig haben sie viel defensiver gespielt, sie wollten unbedingt ein gutes Ergebnis, und das ist das 0:1 auf jeden Fall. Sie wissen, dass die Fans im Ibrox ab der ersten Minute ausflippen werden und solange es der Spielstand hergibt, wird es keinen auf den Sitzen halten.

Muss ich noch fragen, wem Sie die Daumen drücken?

Nein. Normalerweise bin ich im Europapokal schon für die deutschen Mannschaften. Aber in diesem Fall halte ich natürlich zu meinen Jungs. Dann kann ich in zwei Wochen nach Sevilla zum Finale fahren.

Interview: Bernd Staib

Microsoft Teams Image 4

Deutsches Finale? Die (fast) perfekte Ausgangslage für Eintracht Frankfurt und RB Leipzig

alle Videos in der Übersicht