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Iniesta: Ein traumhafter Tänzer, aber kein Traumtänzer

Die Geschichte über den spanischen Edeltechniker

Iniesta: Ein traumhafter Tänzer, aber kein Traumtänzer

Andres Iniesta nach dem Sieg im WM-Finale 2010 gegen die Niederlande.

Andres Iniesta nach dem Sieg im WM-Finale 2010 gegen die Niederlande. imago images

Geht meist unter, diese kleine, feine, aber doch so typische Aktion von Andres Iniesta. Verliert sich vor dem, was dieser kleine, feine und doch so außergewöhnliche Zauberer Augenblicke später macht: Geschichte schreiben. Zwölf Sekunden vor dem Tor am 11. Juli 2010 in Johannesburg leitet Iniesta den Ball mit der Hacke weiter. Es ist eine Szene am Mittelkreis, nur am Mittelkreis. Doch sie ist das Scharnier zwischen Entstehung und Kulmination des Tores, das Spanien den WM-Titel bescherte. Es ist der Moment zwischen dem Husarenritt von Jesus Navas, der in der 116. Minute den Ball an der rechten Seitenlinie nach vorne treibt und Iniestas eigenem, aus spanischer Sicht, Schuss ins Glück. Am Mittelfeldkreis wird Navas nach seinem Lauf über 50, 60 Meter gestoppt, der Ball kommt eher unkoordiniert in Richtung Iniesta.

Und was macht der Ausnahmefußballer? Leitet die Kugel instinktiv mit der Hacke weiter zu dem in seinem Rücken positionierten Cesc Fabregas. Während Jesus Navas und Fernando Torres das Spiel nach links verlagern, läuft Iniesta geradewegs Richtung Strafraum. Torres' Hereingabe wird zunächst noch abgewehrt von Rafael van der Vaart, doch zu kurz, Fabregas steckt ihn zielgenau auf Iniesta in den Strafraum. Der kontrolliert den Ball mit einer Aktion, lässt ihn einmal aufsetzen und zieht aus halbrechter Position ab, vorbei am ausgestreckten Bein von Kapitän van der Vaart, vorbei an Keeper Maarten Stekelenburg. Rein ins Netz von Soccer City, rein ins Herz der Niederlande, rein in die Geschichtsbücher.

Premiere am 23.04.

Trailer: "Andrés Iniesta – Der unverhoffte Held"

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"Das Ding musste rein", bekennt Iniesta Tage nachdem die Feier vor und mit Millionen auf den Straßen von Madrid vorbei und sich der Trubel etwas gelegt hatte. "Es war ein Sekundenbruchteil. Cesc hat toll vorgelegt, ich stand allein und dachte anfangs gar, ich stünde im Abseits. Doch dann dachte ich nur noch, dass das Ding reinmusste." 1:0, es war der WM-Sieg für Spanien.

Ebenso historisch wurde Iniestas Jubel: Nicht das Jubelknäuel, das sich an der Eckfahne bildete, Spieler, Betreuer, gefühlt kamen alle angeflogen außer Nationaltrainer Vicente del Bosque. Historisch wurde die Aufnahme vom Shirt, als sich Iniesta beim Jubeln das Nationaltrikot auszog: Drunter trug er ein weißes Shirt, darauf war zu lesen: "Dani Jarque, siempre con nosotros", Dani Jarque immer mit uns. Es war ein Gruß an den 2009 an Herzversagen verstorbenen Kumpel aus gemeinsamen Juniorentagen. "Ich hatte schon zu WM-Beginn vor, Dani zu ehren. Aber der letzte Anstoß kam dann vor dem Finale."

Iniesta & Co. feiern den WM-Titel.

Iniesta & Co. feiern den WM-Titel. imago images

Iniesta: "Für mich ist es unbezahlbar"

Wichtig war dem Siegtorschützen aber vor allem eines, und er sagte das nicht irgendwann mit Abstand, sondern drei Tage nach dem WM-Triumph: "Ich sehe mich nicht als Held, auch wenn es ein historisches Tor ist. Für mich ist es unbezahlbar, Millionen Menschen glücklich zu machen. Wie mit dem Tor gegen Chelsea." Gemeint war der Treffer 2009 in den Schlusssekunden des Halbfinal-Rückspiels der Champions League, das Barça den Finaleinzug sicherte. 32 Titel gewann er mit den Katalanen, machte 674 Pflichtspiele, erzielte dabei 57 Tore, der an der Stamford Bridge war einer der allerwichtigsten.

Freund Jarques fehlt Iniesta

Dem 2:0 im Endspiel über Manchester United im Mai 2009 folgte im August eben der Schock über den Herztod Jarques. Beide hatten sie über Jahre Trikots getauscht, vor allem aber gute Gedanken. Nun fehlte der Freund, Iniesta fiel in ein Loch, später sprach er vom "schlimmsten Sommer meines Lebens". In der Mitgliederzeitung Espanyols hatte Iniesta einen Brief veröffentlicht: "Man denkt ja nie daran, dass das Leben so ungerecht sein kann und einem einen Freund wie dich raubt."

Geniales Duo mit Xavi

Als dieser Iniesta im Alter von 16 Jahren erstmals mit den Profis des FC Barcelona trainierte, sagte Pep Guardiola, damals noch Mittelfeldspieler bei den Katalanen, zu dem nicht minder talentierten Passgeber Xavi: "Du wirst mich in Rente schicken. Aber sieh dir diesen Jungen an, der wird uns alle noch in Ruhestand schicken." Gemeinsam mit Xavi wurde Iniesta zehn Jahre später in Südafrika Weltmeister, angeleitet von Guardiola hatten die beiden zuvor schon gemeinsam mit Lionel Messi Barcas Spiel auf ein neues Niveau gehoben. Iniesta ist aus dem Triumvirat zudem der einzige, der in allen vier (gewonnenen) Champions-League-Endspielen 2006, 2009, 2011 und 2015 zum Einsatz kam.

Xavi und Iniesta sammelten bei Barcelona etliche Titel zusammen.

Xavi und Iniesta sammelten bei Barcelona etliche Titel zusammen. imago images

"Ein Bürschchen, sehr dünn, sehr blass, sehr flink"

Als Zwölfjähriger war der Sohn eines Maurers aus Fuentealbilla in der Nähe von Albacete in die Masia gekommen, Barças Talentschmiede. "Ein Bürschchen, sehr dünn, sehr blass, sehr flink", erinnerte sich Förderer Albert Benaiges mal gegenüber dem kicker. "Er weinte viel, weil die Eltern weiter weg wohnten. Er war Aber fußballerisch schon damals sehr intelligent, traf gute Entscheidungen, es machte Spaß, ihm zuzusehen." Bei seinem Abschied von Barcelona dankte Iniesta im Camp Nou über Lautsprecher zwei ehemaligen Nachwuchs-Koordinatoren: Oriel Tort und eben Benaiges.

Viel Lob für den Spanier

Ballsicher, kreativ, mit Überblick, so machte das Riesentalent früh im Klub auf sich aufmerksam. "Das größte Versprechen des spanischen Fußballs", adelte ihn Ronaldinho zu Zeiten, als der Brasilianer 2005 und 2006 Weltfußballer war und das Maß aller Dinge beim FC Barcelona. Der damalige Trainer Frank Rijkaard zuckerte: "Andres spielt, als würde er Bonbons verteilen." Stimmt ja auch: Iniesta tanzte durch das Mittelfeld, dribbelte sich frei, gab Vorlagen - und traf zielsicher aus der Halbdistanz. "Er ist einer der wenigen Fußballer, denen alles Schwierige leichthin gelingt", lobte Barça-Kollege Samuel Eto'o schon früh in dessen Karriere.

"Das Leben ist wichtiger als ein Fußballspiel"

Legendär die Aktion bei der EM 2012, als ihn im Gruppenspiel gegen Italien fünf Gegenspieler umzingelten - und sich Iniesta dennoch freispielte, wie der große Entfesselungskünstler Houdini. Auch im Finale, wieder gegen Italien, war Iniesta entscheidend. Sein genialer Pass an die Grundlinie leitete die frühe Führung ein, am Ende stand es 4:0, auch dank Filigrantechniker Iniesta. Dank diesem traumhaften Tänzer, der kein Traumtänzer ist. Längst ist der nicht nur WM-Siegtorschütze, sondern Familienvater und betont: "Das Leben ist wichtiger als ein Fußballspiel."

Jörg Wolfrum

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