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Zum Tod von Diego Armando Maradona: im Himmel

Zum Tode von Diego Armando Maradona

Im Himmel

Auf dem Höhepunkt: Diego Armando Maradona streckt 1986 den WM-Pokal in die Luft.

Auf dem Höhepunkt: Diego Armando Maradona streckt 1986 den WM-Pokal in die Luft. imago images

Es waren seine vielleicht schönsten Tänze. Pur, ganz ohne Hysterie und Größenwahn. Nicht so berühmt wie die im Aztekenstadion gegen England mit den zwei Toren für die Ewigkeit oder ein paar Tage später gegen diesen in hoffnungsvoll grünen Trikots angetretenen Gegner. Da traf Diego Armando Maradona zwar nicht, doch kurz bevor der Vorhang fiel, hebelte er den wie Phönix aus der Asche auferstandenen Gegner Deutschland mit seinem genialen Pass auf Jorge Burruchaga aus. Dessen 3:2 war das Ende aller WM-Hoffnungen der DFB-Elf von Teamchef Franz Beckenbauer: damals im Finale 1986 von Mexiko-City.

Zuvor hatte er im Halbfinale Belgien mit zwei Toren ausgetanzt, sein Lebenswerk aber hatte er praktisch schon im Viertelfinale vollendet, dem "Sololauf des Jahrhunderts" war das Tor mit der "Hand Gottes" vorausgegangen. Maradona hat es selbst so tituliert, unmittelbar nach dem Spiel.

Im Oktober 1976 wird ein neuer Heros eingewechselt

"Ein Tor zu schießen ist viel einfacher, als es vorzubereiten": Diego Armando Maradona.

"Ein Tor zu schießen ist viel einfacher, als es vorzubereiten": Diego Armando Maradona. imago images

Getanzt aber hatte dieser Ausnahmefußballer schon ein Jahrzehnt zuvor, nicht minder schön. Sein Debütantenball stieg am 20. Oktober 1976. Gegen Talleres aus Cordoba wurde bei Argentinos Juniors ein neuer Heros eingewechselt. Der Name war Programm: Ein Junior für ganz Argentinien. Mehr noch: einer, der bald zum Fußball-Gott der ganzen Welt werden sollte.

Und weil er sich schon als Zehnjähriger in Fernsehshows als Balljongleur und Mini-Macho präsentiert hatte, eilte dem angehenden Profi an jenem Mittwochabend im Oktober 1976, dem Tag seines Debüts, schon der Ruf voraus, zu tricksen und zu dribbeln, wie man es noch nie gesehen hatte, nicht bei Alfredo di Stefano und, so sagen es zumindest Argentinier noch heute, und auch nicht bei Pelé.

Maradonas Finessen gepaart mit Finten, Tricks garniert mit Toren ließen den Rio de la Plata seither nicht mehr los. "Pibe de Oro", Goldjunge, nannten sie ihn fortan. "In einem Alter als man mir hätte Märchen vorlesen müssen, wurde mir zugejubelt", sagte Maradona einmal.

Bis heute ist Maradona unerreicht

"Göttlich" mit Hand und Fuß: Die Karriere von Diego Maradona

Hinter dem bleiernen Vorhang der damaligen Diktatur im Land aber fast vergessen ist, was sich in Maradonas ersten Jahren im roten Dress (ein erster Hinweis auf Maradonas spätere Freundschaft zu Kubas Revolutionsführer Fidel Castro) von Argentinos Juniors zutrug: fünfmal wurde der blutjunge Maradona Argentiniens Torschützenkönig, das ist bis heute unerreicht.

Er war Spielmacher und Torjäger zugleich, schnippelte und dribbelte, lupfte und köpfelte, war überall und zugleich nie zu stellen für die Gegner - und das alles damals noch mit der Leichtigkeit des Seins. "Ein Tor zu schießen ist viel einfacher, als es vorzubereiten", erklärte Maradona dem staunenden Land.

Ironie der Geschichte, dass er mit Argentinos Juniors nie Meister wurde, dies aber 1981 nach seinem Wechsel zu Boca Juniors prompt schaffte - ohne im legendären blau-gelben Dress Torschützenkönig zu werden. Doch angesichts der Außenwirkung des verrückt-genialen Vereins wurde die Welt aufmerksam auf Maradona. Seine Tore: nicht selten Meisterwerke. Der so stickige wie stinkende, aber immer brodelnde Hexenkessel Bombonera wurde zum Vorboten des San Paolo in Napoli.

Erstmal kommen Barça und Udo Lattek

Zwei, die nicht zusammenfanden: Diego Armando Maradona und Udo Lattek (r.).

Zwei, die nicht zusammenfanden: Diego Armando Maradona und Udo Lattek (r.). imago images

Doch erstmal kamen 1982 Barça und Udo Lattek mit seinen verhassten Medizinbällen. Dem Trainer unterstellte Maradona "zwei Bierchen" noch am Morgen vor dem Training. Die Privatfehde zwischen Coach und Superstar ging in die Klubgeschichte ein - wie auch das Foul des Basken Andoni Goikoetxea 1983, das den Superdribbler ins Krankenhaus brachte. Drei Monate später aber war Maradona schon zurück auf dem Platz - und traf prompt gegen das Bilbao Goikoetxeas. Rache, und oft nicht nur sportliche - auch das ist Teil von Maradonas Vita. Legendär seine spätere Fehde mit der FIFA, die ihn wegen Drogenkonsums sperrte.

Maradona als Revoluzzer und Messias

Doch lange vorher folgte dem epochalen Wechsel 1984 von Barca zu Napoli mit den beiden Scudetti 1987 und 1990 sein Vermächtnis - an Neapel, an ganz Italien und, warum nicht, auch an die Welt. Die Botschaft an die verhassten Bonzen aus dem Norden war: Der verarmte Süden hat sich erhoben. Maradona als Revoluzzer und Messias zugleich. Das San Paolo wurde, wie in Buenos Aires die Bombonera, seine Kathedrale. Auf den Friedhöfen wurden die Toten bedauert: "Ihr wisst nicht, was ihr verpasst habt." Doch es war ein Tanz auf dem Vulkan. Steuerhinterziehung, Camorra, Koks, Sperre, Schüsse auf Journalisten.

Ich habe vieles falsch gemacht, aber der Ball lässt sich nicht beschmutzen.

Diego Armando Mardona

Am Ende trat er, dick und rund, nochmal für Boca an, 1995 war das, ins Haar einen gelben "Brustring" gefärbt. Das Volk jauchzte, es hatte was von Brot und Spielen. Bei seinem Abschied im November 2001 stiegen selbst die Journalisten auf die Stühle und intonierten "Maradooooo, Maradooooo". Nach dem Spiel, vor Abertausenden, sein berühmtestes Geständnis: "Ich habe vieles falsch gemacht, aber der Ball lässt sich nicht beschmutzen."

Schon mit 25 war er mit dem WM-Sieg 1986 in den Olymp der argentinischen Heiligen aufgestiegen, dort sitzt er zur rechten Che Guevaras, Evitas, des Tangostars Carlos Gardel. Doch nur einer hat seine eigene Kirche, die Iglesia Maradoniana, die Maradona-Kirche mit ihrem "Diego unser ..."

Was für ein Spieler ich hätte werden können, wenn ich keine Drogen genommen hätte!

Diego Armando Maradona

Dem Filmemacher Emir Kusturica gestand er später in einer Doku: "Was für ein Spieler ich hätte werden können, wenn ich keine Drogen genommen hätte! Was für einen Spieler haben wir dadurch verloren!"

Als Nationaltrainer schaffte er es 2010 bloß zur Lachnummer, außer seinem Rosenkranz und dem 0:4-Debakel bei der WM gegen Deutschland blieb nichts in Erinnerung.

Heldenverehrung: In Argentinien genießt Diego Armando Maradona einen ähnlichen Heldenstatus wie Ernesto "Che" Guevara.

Heldenverehrung: In Argentinien genießt Diego Armando Maradona einen ähnlichen Heldenstatus wie Ernesto "Che" Guevara. imago images

Mehrmals bereits hatte Argentinien seit der Jahrtausendwende um das Leben des Ausnahmefußballers gebangt: Überdosis, Herzprobleme, Magenverkleinerung, irgendwas war immer. Oft lallte er nur noch, war eine Karikatur seiner selbst. Die Bilder des jungen Fußball-Gottes wurden abgelöst durch die eines Betrügers, eines Pseudo-Linken, der die Fahne der Arbeiter hochhält, aber die Hand aufhält für jeden Dollar aus noch so sinisterer Herkunft - ob von Oligarchen, Autokraten oder gleich von Diktatoren.

Und dennoch: In Neapel singen sie noch heute: "Oh Mama, Mama, Mama, weißt du, warum mir das Herz pocht? Ich habe Maradoooona gesehen."

Am Mittwoch ist Diego Armando Maradona gestorben. Er wurde 60 Jahre alt. Glaubt man den Maradonianern, ist er nun dort, wo Gott ohnehin hingehört: im Himmel.

Jörg Wolfrum