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Wie sich ein Investor UD Almeria zum Untertan macht

Spaniens Aufsteiger in saudi-arabischer Hand

Im Auftrag Ihrer Majestät: Wie sich ein Investor Almeria untertan macht

Zurück in La Liga: Ende Mai feierte Almeria den Aufstieg.

Zurück in La Liga: Ende Mai feierte Almeria den Aufstieg. IMAGO/AFLOSPORT

Ein wenig hinken sie dem Zeitplan hinterher in Almeria. Eigentlich wollte Turki Al-Sheikh, Vorsitzender der "saudischen Behörde für Unterhaltung" und seit 2019 Eigentümer des Klubs in der arabisch geprägten Stadt im Süden Spaniens, 2022 schon im Konzert der ganz Großen mitspielen, sprich: international dabei sein. Nach drei Jahren ist nun erst einmal der La-Liga-Aufstieg geschafft. Was seitdem los war in Almeria? Man könnte einen Film darüber drehen. Und wird es womöglich auch.

Vielleicht würde er mit dem "Estadio de los Juegos Mediterraneos" aus der Vogelperspektive beginnen. Wobei das nicht ganz richtig ist, es heißt jetzt dank eines Energy-Drink-Sponsors "Power Horse Stadium", was schon so einiges aussagt. Tradition weicht der Moderne - die Arena wird gerade in ein Stadion auf Champions-League-Niveau umgewandelt.

Und da in Almeria geklotzt und nicht gekleckert wird, legt Al-Sheikh noch ein paar Kirschen auf die Torte. Zur Einweihung des ersten Bauabschnitts fand ein Musikfestival statt, für Dauerkarteninhaber gratis. Schon 2019 hatte er das "Rozam Music Festival" in der Stadt steigen lassen. Eine Fanzone mit Restaurants und Erholungsbereichen ist geplant, im Hafen will der 41-Jährige eine Diskothek renovieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. PR vom Feinsten für den neuen Boss, der sich laut "El Confidencial" von den Angestellten mit "Eure Majestät" anreden lässt.

Al-Sheikh ließ sich allerdings für die Stadion-Einweihung schon Tage zuvor krankheitsbedingt entschuldigen. "Wenn ich mich nicht auf dem Weg der Behandlung und der Genesung befände, wäre ich der Erste, der an der Feier teilnimmt, aber mein Herz ist bei euch. Ich liebe dich, Almeria, und ich liebe deine guten Menschen", ließ er aus der Ferne verlauten. Dennoch lässt er sich eher selten sehen in Almeria. Doch der Köder muss ja auch dem Fisch schmecken, und nicht dem Angler. Und Köder wirft Al-Sheikh reichlich aus.

Der erste Trainer wird ohne Pflichtspiel entlassen

Neue Spieler und neue Trainer präsentierte Almeria in den vergangenen Jahren in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit. Im Sommer 2019 waren es mal 13 Neuzugänge in 22 Tagen, darunter mit Arvin Appiah (8,85 Millionen Euro) und dem heutigen Liverpool-Angreifer Darwin Nunez (4 Millionen) der zweit- bzw. siebtteuerste Neuzugang der spanischen Zweitligageschichte. Almeria holte nicht weniger als 23 Neuzugänge in diesem Sommer 2019, unzählige Spieler mussten den Verein verlassen. Als Aussortierte im darauffolgenden Winter vom Klub genötigt wurden, in die Emirate zu wechseln, um Platz für die nächsten Neuen zu generieren, setzten sich einige laut spanischen Medienberichten rechtlich zur Wehr.

Und die Trainer? Bereits zwei Tage nach Al-Sheikhs Übernahme wurde der damalige Trainer Oscar Fernandez als Fehlbesetzung erkannt. Das Skurrile dabei: Er hatte gar kein Pflichtspiel geleitet. Fernandez war erst Mitte Juni und damit nach Saisonende geholt worden.

Auch bei seinen Nachfolgern war das Mindesthaltbarkeitsdatum schnell abgelaufen. Im Juli 2020 wurde der fünfte Trainer binnen eines Jahres verpflichtet, darunter war auch der ehemalige Real-Spieler Guti. "Wir haben unseren neuen Galaktischen. Durch die Savanne kommt Guti, unser neuer König", hieß es auf dem umtriebigen Twitter-Kanal im November 2019. Ende Juni 2020 wurde er zurück in die Wüste geschickt. Nachfolger José Gomes blieb immerhin bis April 2021, ehe mit Aufstiegstrainer Rubi endlich der passende Deckel für Almerias Eimer gefunden wurde. Auch zwei Sportdirektoren verloren ihre Posten und wurden durch Vertraute Al-Sheikhs ersetzt.

Homer Simpson durchschaut die PR-Maschinerie

Es sind nicht nur die irrwitzigen Personalentscheidungen, die für Kopfschütteln sorgen. Im September 2019 wurde auf einmal eine Änderung des Vereinslogos via Twitter ins Gespräch gebracht, die Fans liefen Sturm - wie erhofft, ist man versucht zu sagen. "Meine Meinung ist: Das aktuelle Logo ist sehr schön, und ich glaube, dass wir es nicht ändern sollten", schrieb Al-Sheikh. "Ich hoffe, dass das Management es nicht ändert, weil es ein Teil der Stadt bildet. Wenn man mich fragt, bin ich dagegen, es zu ändern!!!" Der scheinheilige Al-Sheikh bekam, was er wollte: "Gracias, Turki", "Grande Turki", war in den Kommentaren zu lesen. Doch einige durchschauten das Spiel. Ein Fan postete ein Bild der Comicfigur Homer Simpson mit einem Buch in der Hand. Titel: Advanced Marketing.

Gerne im Almeria-Shirt unterwegs: Turki Al-Sheikh im September 2019.

Gerne im Almeria-Shirt unterwegs: Turki Al-Sheikh im September 2019. imago images/Agencia EFE

Beste Werbung versprach auch die Verlosung von Autos bei Heimspielen Almerias, die Anzahl der Dauerkartenbesitzer und Zuschauer stieg immens. Für eine Kontroverse sorgte eine Gewinnerin, die Al-Sheikh auf seinem Twitter-Account präsentierte. Die Frau trägt eine Burka, hält ein Almeria-Trikot in der Hand und lobpreist Allah sowie natürlich auch den Spender. "Ich möchte Kanzler Turki Al-Sheikh für seine Güte danken und wünsche, dass dieses Video erfolgreich ist." Viele wiesen damals darauf hin, dass in Al-Sheiks Heimatland Saudi-Arabien Frauenrechte limitiert sind und weibliche Fans nicht alleine ins Stadion durften. Auch die Burka passe nicht zu ihrem Verein, erklärten die Fans.

Doch die meisten erliegen dem Glamour, es glitzert nun mal alles so schön bei Al-Sheikh. Mitte September 2019 lud er einige namhafte Trainer nach Saudi-Arabien ein, darunter Real Madrids ehemaligen Co-Trainer Aitor Karanka, auch Quique Setien, Pablo Machin oder Julio Velazquez. Mit ihnen habe er in einer "privaten Runde die Philosophie des modernen Fußballs" thematisiert, wie er über ein Gruppenfoto schrieb. Laut "Marca" war die Philosophiestunde allerdings kostenpflichtig für Al-Sheikh.

Saudi-Arabien will die Abhängigkeit vom Öl verringern

Über allem steht die sogenannte "Saudi Vision 2030", die im April 2016 vorgestellt wurde. Das Königreich will damit die Abhängigkeit vom Öl verringern. Im Auftrag von Kronprinz bin Salman ist Al-Sheikh befugt, als Teil dieses Zukunftsprojekts Investitionen im Bereich Sport zu tätigen, um dort neue Märkte zu erschließen. Saudi-Arabien soll zu einem internationalen Wettbewerbsführer und Austragungsort für verschiedene Sportarten werden, so lautet die Vision. Auch Newcastle United ist ein Bestandteil davon.

In Almeria läuft es inzwischen nach dem Geschmack der Scheichs, das Geschäft scheint sich allmählich zu rentieren. Etwa 20 Millionen Euro hat der Klub ja auch nur gekostet. Allein 15 Millionen Euro strich der Verein durch den Weiterverkauf von Darwin Nunez von Benfica Lissabon an Liverpool ein. "Der Marktwert des Vereins liegt heute bei 150 Millionen Euro", behauptete jüngst Al-Sheikhs rechte Hand Mohamed El Assy im Interview mit "Al-Riyadia".

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Und in der Stadt erfreut sich Al-Sheikh zunehmender Beliebtheit. Großzügige Spenden während der Pandemie, Musikfestivals, Discos, Erstliga-Fußball im erstklassigen Stadion, die neue Klub-Akademie soll auch in einem Jahr fertig sein. Seine Majestät präsentiert sich Verein und Volk gegenüber generös. Die Geschenke türmen sich so hoch, dass über Themen wie die Verletzung von Grund- und Menschenrechten in Saudi-Arabien hinweggesehen wird. Aktuell bastelt Al-Sheikh mittels seiner Kontakte sogar an einer Dokumentation über UD Almeria. Filmreif eben.

FC Pyramids als warnendes Beispiel

Doch die Erzählung aus tausendundeiner Nacht könnte ebenso zum Horrorstreifen werden - frag nach in Ägypten: Im Sommer 2018 erwarb Al-Sheikh den Fußballverein Al Assiouty Sport, investierte reichlich in neue Spieler, verlegte den Klub nach Kairo und benannte ihn in FC Pyramids um. Nachdem der Erfolg ausgeblieben war, gegnerische Fans regelmäßig seine Familie verhöhnt hatten und er als "Außenseiter und Fremdkörper" ("FAZ") betrachtet wurde, schmiss er nach zweimaliger Vorwarnung im Juni 2019 hin. Zwei Monate später kaufte er Almeria. 

Was passiert also, wenn die Vision bröckelt, wenn Almeria womöglich wieder absteigt? Wie wird Al-Sheikh, den der 2018 ermordete Journalist und Landsmann Jamal Khashoggi einmal gegenüber der "Newsweek" als "sehr aggressiv" charakterisierte und den Bürgermeister Ramon Fernandez-Pacheco als "Glück für Almeria" bezeichnete, reagieren?

Al-Sheikhs strenges Auge aus der Ferne

Dass der 41-Jährige nicht immer die Sonne im Herzen trägt, zeigte der Februar 2022, als Almeria mal wieder im Kampf um den Aufstieg schwächelte. "Obwohl ich weit weg bin, kontrolliere ich das Verhalten aller Spieler von Almeria, denn ich kenne alle Orte des Nachtlebens in der Stadt Almeria", schrieb er via Twitter. Auch im zwei Autostunden entfernten Malaga solle "niemand daran zweifeln, dass ich auch die Orte dort kontrolliere". 

Dass der impulsive Al-Sheikh Niederlagen nicht akzeptieren kann, ist bekannt. "Das stimmt", sagt sogar Al-Assy. "Ich stimme mit ihm überein, dass man eine Niederlage nicht akzeptieren muss, solange die Mittel zum Erfolg vorhanden sind." 

Sollte es trotz aller Mittel aber nicht wie gewünscht laufen, dann droht Almeria eine Geschichte ohne Happy End. Das Rampenlicht sicher hat der Aufsteiger am ersten Spieltag schon einmal - Real Madrid ist zu Gast im "Power Horse Stadium". Ein Gegner, der ganz nach Al-Sheikhs Geschmack sein dürfte.

Christoph Laskowski

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