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"Ich mache nicht den Rückzieher"

Nationalelf: Oliver Bierhoff

"Ich mache nicht den Rückzieher"

Herr Bierhoff, am kommenden Samstag beginnt die EURO 2000. Was dürfen die Anhänger der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei diesem Turnier vom amtierenden Europameister erwarten?

Oliver Bierhoff: Realistisch gesehen, zählen wir nicht zu den Favoriten. Dennoch muss es unser Ziel sein, den Titel zu verteidigen und den Pokal wieder mit nach Hause zu nehmen. Dafür werden wir alles tun. Unsere Fans können von uns vollen Einsatz und die totale Bereitschaft erwarten. Sicherlich haben die letzten Spiele nicht dazu beigetragen, dass wir mit größtem Optimismus in dieses Turnier gehen. Doch nach dem Abschluss der Saison haben die Spieler den Kopf jetzt frei für diese Europameisterschaft.

Wie sind die Voraussetzungen im Vergleich zur Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Frankreich?

Bierhoff: Damals in Frankreich hatten wir noch Spieler mit großen Namen dabei, einige ehemalige Weltmeister von 1990: Klinsmann, Matthäus, Köpke, Kohler, Möller, Häßler. Das ist diesmal ein bisschen anders. Andererseits haben wir jetzt viele Bayern-Spieler dabei, die in den letzten beiden Jahren große Leistungen gezeigt haben, und Leverkusener, die über die Saison hervorragenden Fußball gespielt haben. Wichtig ist nun, dass wir das nötige Selbstvertrauen auf den Platz übertragen, auch wenn die gegen die Schweiz oder Holland gezeigten Leistungen dazu nicht berechtigen.

Vor vier Jahren, vor dem Titelgewinn in England, war die Basis in puncto Selbstvertrauen ungleich besser.

Bierhoff: Damals ritten wir auf einer Welle des Erfolgs, kamen die Bayern beispielsweise als frisch gekürter UEFA-Cup-Sieger zur EM. In den vergangenen zwei Jahren mussten wir viel einstecken an Kritik. Es gab keine Phase, in der Ruhe eingekehrt ist. Die Situation ist nicht leicht. Irgendwelche Alibis oder Ausreden nutzen uns aber nichts. Wir stehen auf dem Platz und müssen uns beweisen.

Belastet die kritische Stimmung rund um das Team die Spieler?

Bierhoff: Es ist alles sehr mühsam. Man spürt die gespannte Situation im Umfeld. Doch ich habe den Eindruck, die Mannschaft freut sich jetzt auf dieses Turnier.

Ist die deutsche Nationalmannschaft einfach schlecht oder wird sie nur schlecht gemacht?

Bierhoff: Sie wird nicht allein schlecht gemacht, auch wenn sicherlich immer arg kritisch nach den negativen Dingen gesucht wird. Immerhin haben wir die EM-Qualifikation ordentlich hingekriegt, während die Franzosen als Weltmeister Probleme hatten und die Engländer und Italiener sogar in die Relegation mussten.

Spielt die Nationalelf in Holland und Belgien auch um ihren Stellenwert als wichtigste und populärste Institution des deutschen Fußballs?

Bierhoff: Sie ist letztlich noch immer das Aushängeschild. Für jeden Spieler ist ein solch großes Turnier die Gelegenheit, sich international zu präsentieren, und letztendlich das Sprungbrett zum Superstar. Zidane spielt bei Juventus Turin super. Doch zum Superstar wurde er mit Frankreich bei der WM. Dieses Turnier ist für uns alle sehr wichtig und für den deutschen Fußball schlechthin, da er seit zwei, drei Jahren nicht mehr den klangvollen Namen hat wie zuvor.

Sie spielen seit Jahren in Italien, haben also die internationale Perspektive: Wie gut ist denn der deutsche Fußball?

Bierhoff: Den Deutschen wird ein antiquierter Fußball vorgeworfen. Zwar galten die Bayern in Italien als Favoriten für die Champions League; aber einzig wegen ihrer Physis, ihrer punktgenauen Konzentrationsfähigkeit, nicht aufgrund von Technik und Taktik. Man sieht ja auch, dass nicht mehr so viele deutsche Profis im Ausland spielen wie früher einmal.

Sie persönlich hat die EM 1996 zum Superstar gemacht.

Bierhoff: Ich habe mich nie als Star gefühlt. Außerdem bin ich nach jenem Golden Goal in Italien Torschützenkönig und Meister mit Milan geworden und habe auch eine gute WM gespielt. Das heißt, ich habe mich auf einem gewissen Niveau stabilisiert.

Hat die Nationalelf mittlerweile das Gerüst, das Sie als Kapitän noch vor sechs Wochen vermisst und gefordert hatten?

Bierhoff: Durch personelle Wechsel in den letzten Tagen - Thomas Häßler kam hinzu, Oliver Neuville ist weggefallen - sind die Überlegungen des Trainers noch nicht komplett abgeschlossen, wie er bei der EM spielen will. Ich glaube aber schon, dass im Trainingslager auf Mallorca klar wurde, wie die taktische Struktur der Mannschaft aussehen soll.

Hat sich Häßler bei Ihnen bedankt, dass Sie sich so nachdrücklich und erfolgreich für seine Nominierung eingesetzt haben?

Bierhoff: Ich bin nicht für die Personalpolitik zuständig, außerdem war es die Meinung vieler, dass Icke in den Kader gehört. Er bringt diese besondere Begeisterung mit, ist ein Spieler mit riesiger Erfahrung. Es hat mich für ihn und die Mannschaft sehr gefreut, dass er zurückkam. Ich bin überzeugt, dass er mit seiner Spielweise die Mannschaft weiterbringen kann.

Tut es Ihnen im Gegenzug für die ausgesonderten Stefan Beinlich und Oliver Neuville Leid?

Bierhoff: Ja, sehr sogar. Ebenso für Michael Preetz. Für sie alle ist es sicher bitter, vor allem für Neuville, der bei jedem Qualifikationsspiel dabei gewesen war. Aber der Teamchef wird seine Gründe gehabt haben.

Erfordert Häßlers Rückkehr eine taktische Neuorientierung? Muss ein Spieler wie er in die Anfangsformation?

Bierhoff: Diese Entscheidung liegt beim Teamchef. In jedem Fall ist Icke kein Quertreiber, falls er nicht spielen sollte. Sicherlich muss man die Mannschaft umstellen, wenn Häßler spielt.

Befürworten Sie einen, zwei oder gar drei Stürmer?

Bierhoff: Für mich ist es wichtig, dass ich spiele. Und dass ich als Stürmer entsprechend gefüttert werde.

Ist ein Angriff mit einer Doppelspitze überhaupt noch zeitgemäß?

Bierhoff: Warum nicht? In Italien kehren sie, nachdem zuletzt immer mehr mit drei Spitzen gespielt wurde, zum System mit zwei Angreifern zurück. Und mit Jürgen Klinsmann hat es auch geklappt, obwohl es immer hieß, Klinsmann und Bierhoff könnten nicht zusammen spielen.

Würde es auch mit Ulf Kirsten klappen?

Bierhoff: Selbstverständlich kann ich mit Ulf gut zusammenspielen. Wenn die entsprechenden Vorlagen und Flanken kommen, braucht man sogar zwei torgefährliche Stürmer, damit einer die Verteidiger wegzieht. Ich sehe im Sturm keine Probleme.

In den letzten Wochen und Monaten wurde immer wieder der große Teamgeist in der Nationalelf von den Verantwortlichen herausgestellt. Ist dieser Teamspirit wirklich so groß, wie es zur Kompensation der technischen und taktischen Defizite nötig sein wird?

Bierhoff: Er ist absolut vorhanden. Die Stimmung war gerade auch auf Mallorca gut. Wichtig aber ist, dass die Überzeugung und der Glaube da sind, dass wir es schaffen können.

Wer kann und muss diesen Glauben vermitteln? Was können Sie als Kapitän dafür tun?

Bierhoff: Man muss laufen und arbeiten. Mit Ascoli vor Jahren haben wir Spieler uns immer abgeklatscht, abgestiegen sind wir trotzdem. Es muss eine Kettenreaktion geben, jeder Spieler muss den anderen mitreißen. Auf dem Trainingsplatz und im Spiel.

Wenn die Harmonie und der Teamgeist so gut sind, wieso gab es dann diese Sanktionen für Jens Jeremies und Co-Trainer Uli Stielike?

Bierhoff: Ich sah diese Sache mit Jeremies nicht so schlimm. Andererseits hatte der Teamchef nicht so viele Möglichkeiten: Eine Geldstrafe wie ein Klubtrainer kann er nicht aussprechen; hätte er gar nicht reagiert, wäre ihm womöglich Autoritätsmangel vorgeworfen worden. Schmeißt er den Spieler ganz raus, heißt es, er sei zu stur. So aber hat er mit seiner Entscheidung, Jeremies für ein Spiel zu sperren, das richtige Maß getroffen. Er hat Jerry eine kleine Lektion erteilt.

War Stielikes Ablösung nötig?

Bierhoff: Es ist nicht meine Aufgabe, mir über die Personalpolitik des DFB Gedanken zu machen. Ich persönlich habe die Arbeit mit Uli Stielike sehr positiv empfunden. Er hat ein sehr interessantes Training gemacht, war fußballerisch sehr geschult. Was zwischen ihm und Erich Ribbeck vorgefallen ist, kann ich nicht beurteilen.

Stielike wurde als Stimmungstöter bezeichnet. Ist nun die Stimmung besser?

Bierhoff: Die Stimmung war vorher genauso gut. Wir haben mit Uli Stielike auch gelacht. Die Stimmung ist am besten, wenn gute Ergebnisse eingefahren werden.

Für wie groß halten Sie den Druck, der auf Teamchef Erich Ribbeck lastet?

Bierhoff: Die Erwartungen sind immer sehr hoch.

Auf ihn in der aktuellen Situation besonders?

Bierhoff: Er ist sicher der Hauptverantwortliche, der als Erster die Konsequenzen ziehen müsste. Doch wir alle stehen unter Druck, wollen und müssen Leistung bringen und mit ihm den Erfolg haben.

Haben nicht auch Sie an Ribbecks Autorität gekratzt, wenn Sie in der Halbzeit des Spiels gegen Hol- land an die Taktiktafel gingen und aufzeichneten, wer wie laufen solle?

Bierhoff: Nein, mit Autorität hat das gar nichts zu tun. Ich habe an der Tafel nur gezeigt, wo ich die Probleme sah.

Haben Sie keine taktische Zeichnung gemacht?

Bierhoff: Doch, ich war an der Tafel. Weil man es da besser erklären kann als nur mit Worten.

War es so, dass bei Ihrer Taktikerklärung Ziege auf der linken Seite plötzlich zwei Gegenspieler gehabt hätte?

Bierhoff: Ich habe während meiner neun Jahre in Italien in puncto Taktik sehr viel gelernt. Ich glaube nicht, dass Ziege bei meiner Aktion an der Tafel plötzlich zwei Gegenspieler gehabt hatte. Ich habe an der Tafel ganz einfach meine Meinung mitgeteilt.

Sind Trainer und Mannschaft unter diesen Voraussetzungen noch eine Einheit?

Bierhoff: Ja, wir sitzen alle in einem Boot. Ich habe keine Zweifel; außerdem wären Zweifel sowieso nutzlos.

Wird Erich Ribbeck nach der EM als Teamchef weitermachen?

Bierhoff: Darüber mache ich mir keine Gedanken.

Aber Sie sind der Kapitän.

Bierhoff: Auch nicht als Kapitän.

Wie sehen Sie Ihre Position heute, auch im Vergleich zu 1996?

Bierhoff: Sie ist völlig anders, die Erwartungen an mich sind viel höher. Ich gehe als Kapitän voran, stehe im Mittelpunkt und bekomme so jetzt immer als Erster den Wind ab. Jürgen Klinsmann hat dies auch in dieser Art erleben müssen. Also liegt die Kritik eher an der Position als an der Person. Ich hätte mich dieser Sache ja nicht zu stellen brauchen. Für mich ist es aber eine reizvolle Aufgabe.

Wo fühlen Sie sich zu Unrecht kritisiert?

Bierhoff: Ich denke mir manchmal schon, ob dieser oder jener Kritiker etwas persönlich gegen mich hat. Wenn ich zum Beispiel gegen Kroatien 50 Prozent der Zweikämpfe gewinne und ein anderer nur 20 Prozent, der aber besser bewertet wird. Außerdem müsste man berücksichtigen, dass ich als Stürmer oft in der Luft hänge und keine Bälle kommen.

Auch ein Paul Breitner kritisierte Sie scharf und sähe Sie am liebsten auf der Ersatzbank. Hat er auch etwas gegen Sie?

Bierhoff: Breitner ist immer sehr aggressiv. Ich muss ihm nur meine sta- tistischen Zahlen der letzten Jahre zeigen, dann sieht er, wie lächerlich das alles ist, was er sagt.

Es gibt aber auch Zahlen, die wiedergeben, wie lange Sie kein Tor mehr geschossen haben in der Nationalelf. Beschäftigen Sie diese mitgezählten und vorgerechneten Minuten?

Bierhoff: Zunächst ist es selbstverständlich, dass ich als Stürmer an Toren gemessen werde. Ich verkrampfe zwar nicht, aber ich gebe zu, dass man schon daran denkt. Ich weiß, wenn ich Tore mache, bin ich gut dabei, mache ich keine, stehe ich schlecht da. Natürlich geht man in ein Spiel lockerer rein, wenn man weiß, dass man in der Partie zuvor zwei Tore gemacht hat.

Klipp und klar gefragt - wären Sie nicht Kapitän, hätten Sie dann noch ihren Stammplatz?

Bierhoff: Diese Frage muss der Trainer beantworten. Ich habe immer gesagt, ich bestehe nicht auf meinem Stammplatz, weil ich Kapitän bin. Ich kann über die Zweifel und Bedenken im Zusammenhang mit meiner Person nur lächeln. Man muss doch nur meine Tore in Italien sehen. Irgendwie muss man sich dennoch immer wieder neu beweisen.

Sagen Sie sich manchmal, mir ist das alles zu doof? Fragen Sie sich, ob Sie das alles noch brauchen?

Bierhoff: Nein, noch nie. Dafür spiele ich zum einen noch zu kurz in der Nationalelf und habe zum anderen noch zu viel Freude daran. Für mich ist die Nationalelf noch immer das Höchste. Ich mag es einfach, solch große Turniere mitzumachen und darauf hinzuarbeiten. Doch je weiter man den Kopf rausstreckt, desto eher wird man getroffen. So geht es einem Profi, der oben steht. Man darf allerdings nicht auf einer Wolke schweben. Man muss psychisch stark sein. Und man muss hart arbeiten, dann kommen auch gute Ergebnisse.

Es lief über Monate nicht gut bei der Nationalelf. Wie soll es denn noch klappen bis zum nächsten Montag gegen Rumänien?

Bierhoff: Ich habe die Hoffnung, dass es noch klick macht. Dieser Ruck muss aber aus der Mannschaft kommen, von uns selbst. Auf dem Platz, nicht durch gute und nette Worte.

Wer soll denn anschieben? Der zurückgekehrte Häßler?

Bierhoff: Jeder. Icke ist ein sehr positiver Typ und ein Spieler, der die Bälle fordert. Er hat keine Angst, angespielt zu werden. Auch Jeremies kann von seiner Art her mit anpacken, Christian Ziege von seiner Erfahrung her.

Wo werden Sie in der kommenden Saison spielen?

Bierhoff: Bei Milan. Das Saisonende ist für mich sehr gut verlaufen mit einem Superspiel, einem Tor und zwei Torvorlagen. Nach diesem letzten Punktspiel kamen Präsident Berlusconi und Manager Galliani zu mir und beteuerten, dass sie nie daran gedacht hätten, mich zu verkaufen. Ich bin ihr Mann auch in der nächsten Saison. Da wird 100prozentig nichts passieren. Ich bleibe bei Milan.

Werden Sie nach der EM weiterhin in der Nationalelf spielen? Oder hängt diese Entscheidung vom Verlauf des Turniers ab?

Bierhoff: Bei positivem Abschneiden höre ich bestimmt nicht auf. Und auch bei negativem Verlauf wäre ich bestimmt keiner, der aufgibt. So oder so - von mir aus mache ich nicht den Rückzieher. Doch es können so viele Dinge passieren, die man jetzt noch nicht abschätzen kann.

Zum Beispiel?

Bierhoff: Wer wird Trainer nach der EM? Vielleicht kommt einer, der sagt, den Bierhoff kann ich nicht mehr brauchen. Warten wir erst mal die EURO ab!

Interview: Wolfgang Tobien, Rainer Franzke, Karlheinz Wild