Bundesliga

Eintracht Frankfurt: Adi Hütter schickt fatales Signal an seine Profis

Frankfurt verspielt Platz 4 - eine kommentierende Analyse

Hütters fatales Signal an seine Spieler

Steht aktuell nur noch als "Lame Duck" an der Seitenlinie: Eintracht-Coach Adi Hütter.

Steht aktuell nur noch als "Lame Duck" an der Seitenlinie: Eintracht-Coach Adi Hütter. imago images

Beim 1:1 gegen Mainz zeigte die Eintracht eine ihrer schlechtesten Saisonleistungen. Seit Hütter seinen Wechsel nach Gladbach verkündet hat, ist der Wurm drin. In Gladbach (0:4), gegen Augsburg (2:0), in Leverkusen (1:3) und nun ihm Rhein-Main-Duell gegen Mainz (1:1) ließ die Mannschaft vieles von dem vermissen, was sie in den Wochen und Monaten zuvor auszeichnete: bedingungsloser Einsatz, Kreativität, Spielwitz, Tempo, Effizienz. Sieben Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund nach dem 28. Spieltag verwandelten sich innerhalb von nur vier Spieltagen in einen Zähler Rückstand auf Platz 4.

Gegen Mainz ahnte man schon in den ersten Minuten, dass die Eintracht vor einem mühseligen Nachmittag steht. 1. Minute: Fehlpass Makoto Hasebe. 2. Minute: Fehlpass Erik Durm. 3. Minute: Fehlpass Sebastian Rode. Der hohe Ballbesitzanteil von 74 Prozent gaukelt eine Überlegenheit vor, die es in Wirklichkeit nicht gab, da die Spieler mit dem Ball meist kaum etwas anzufangen wussten und viel quer- und zurückspielten. Überspitzt formuliert: Die Partie wirkte phasenweise wie ein Sommerkick im nur einen Steinwurf entfernten Stadionbad. Wer die Tabelle nicht kennt, wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, dass diese Mannschaft um den Einzug in die Champions League spielt.

Im Erfolg kann jeder ein Häuptling sein

Es wäre zu einfach, die Verantwortung für den Leistungseinbruch allein Hütter in die Schuhe zu schieben. Auf dem Platz stehen immer noch elf Profis, die in dieser Saison oft genug gezeigt haben, welch großes Potenzial in ihnen steckt. Im Erfolg kann jeder ein Häuptling sein. Doch erst in schwierigen Zeiten zeigt sich, wer wirklich das Zeug zum Anführer hat. Die bittere Wahrheit ist: Gegen Mainz waren keine Leader zu sehen, die sich selbst und ihre Mitspieler zu Höchstleistungen animieren. Dabei ist seit Hütters schlecht kommuniziertem Wechsel klar: Jetzt müssen es die Führungsspieler in die eigene Hand nehmen, jetzt zeigt sich, wie reif und erwachsen die Mannschaft ist.

Da der Trainer nur noch als "Lame Duck" an der Seitenlinie steht, geht es darum, die Sache selbst zu regeln. Vielleicht ist es dazu noch nicht zu spät. Siege in Gelsenkirchen und eine Woche später gegen Freiburg sind Pflicht, um die Minimalchance auf die Königsklasse zu wahren. Ein Ausrutscher des BVB am Sonntag in Mainz erscheint nicht völlig illusorisch. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass selbst zwei Siege nicht helfen werden, um den vierten Platz zurückzuerobern und eine Chance verspielt wurde, die von den Verantwortlichen in den vergangenen Wochen auch deshalb stets als "historisch" bezeichnet wurde, weil sie voraussichtlich so schnell nicht wiederkommen wird.

Hütter präsentierte sich nach dem bis auf die letzten Minuten blutleeren Auftritt gegen Mainz einmal mehr dünnhäutig und wenig souverän. "Die Leute sollen reden, was sie wollen, das ist mir wirklich, ganz ehrlich gesagt, auch egal", grantelte er bei der ARD ins Mikro. "Niemand weiß, wie es bei uns in der Kabine, in den Katakomben aussieht. Das ist das, was zählt." Jegliche Verantwortung wies er weit von sich. "An mir liegt es nicht, und an der Mannschaft liegt es auch nicht", behauptete er. Da fragt man sich schon: An wem denn sonst? Am Busfahrer? Am Zeugwart?

Ich weiß nicht, ob wir teilweise über unsere Verhältnisse gespielt haben, aber sicherlich an der Obergrenze.

Adi Hütter

"Es ist einfach so, dass in der Bundesliga jedes Spiel schwer ist. Ich weiß nicht, ob wir teilweise über unsere Verhältnisse gespielt haben, aber sicherlich an der Obergrenze", fährt Hütter fort. Letzteres ist korrekt, taugt aber nicht als Alibi für die schlechten Leistungen. Denn einerseits performte das Team zum wiederholten Male eindeutig unter seinen Möglichkeiten, andererseits muss es im Leistungssport ohnehin immer der Anspruch sein, an der Obergrenze zu spielen. Erst recht dann, wenn man ein so großes Ziel vor Augen hat, das Vorstandssprecher Axel Hellmann am 15. April treffend beschrieb: "Mit Eintracht Frankfurt in die Champions League einzuziehen, ist in unserer Kategorie wie ein Deutscher Meistertitel zu sehen. Das wissen alle." Hütters Aussage ist auch als fatales Signal an seine Spieler zu werten, denn er suggeriert damit: So gut seid ihr eigentlich gar nicht. Es ist die nächste unglückliche Äußerung, nachdem er zuvor in Leverkusen ausgerechnet seinen in diesem Spiel besten Mann, Kevin Trapp, öffentlich kritisiert hatte - für einen vermeintlichen Torwartfehler, der keiner war.

Auffallendes Lob für den Gegner

Gelegentlich eine Prise Selbstkritik würde dem Coach gut zu Gesicht stehen und könnte ihn in der internen wie öffentlichen Wahrnehmung sogar stärken. Doch statt eigene Fehler einzugestehen, lobte er nach dem Unentschieden gegen Mainz auf der Pressekonferenz lieber auffallend oft den Gegner. Auf den seit Wochen schwachen Luka Jovic als zweite Spitze zu setzen, statt auf Amin Younes als zweiten Zehner, verstand schon vor dem Anpfiff kaum jemand. Schließlich war zu erwarten gewesen, dass die Flügelspieler Filip Kostic und Erik Durm gegen einen sehr tiefstehenden und mit einer Fünferkette verteidigenden Gegner nicht viele Räume bekommen. Umso wichtiger wäre es gewesen, das offensive Mittefeld zu stärken.

Zwar ist es hypothetisch, ob das Spiel mit Younes tatsächlich anders gelaufen wäre. Allerdings verkörpert der 27-Jährige all jene Attribute, die gerade in so einer Partie eminent wichtig gewesen wären: Spielwitz, Technik, Ideenreichtum, aber auch Mentalität. Younes ist einer, der sich auf dem Platz nichts gefallen lässt und andere mitreißen kann. "Er war verletzt und hat nicht mit der Mannschaft trainiert", behauptete Hütter. Doch das stimmt nicht, Younes trainierte vergangene Woche sehr wohl mit dem Team, nachdem er sich zuvor wegen einer kleinen Schambeinentzündung in Belgien bei Spezialisten seines Vertrauens behandeln ließ. Anschließend meldete er sich rechtzeitig fit.

Warum dreht Hütter das Rad nun wieder zurück?

Es kam wie es kommen musste: Luka Jovic und André Silva hingen die meiste Zeit in der Luft, im Mittelfeld fehlte es an Kreativität. Ausgerechnet Younes war es, der als Joker das spektakuläre Tor zum 1:1 einleitete. Selbst wenn es bei dem Spielmacher noch nicht für einen Einsatz über 90 Minuten reichen sollte, gehört er zwingend in die erste Elf. Es ist gewiss kein Zufall, dass die Eintracht ihre besten Spiele machte, wenn sie mit Daichi Kamada und Younes agierte. Die Umstellung auf zwei Zehner kurz vor Weihnachten war der Schlüssel zum Erfolg und trug zu einer erheblichen spielerischen Steigerung bei. Warum Hütter das Rad nun wieder zurückdreht, konnte oder wollte er nicht richtig erklären. "Ich wollte mit zwei Spitzen und einer Zehn spielen", sagte er lapidar.

Viele Anhänger sind spätestens nach Hütters jüngsten unglücklichen Äußerungen aus dem Häuschen und fordern die sofortige Entlassung. Eine Trennung zeichnete sich am Montagvormittag allerdings nicht ab, ein solcher Aktionismus wäre auch höchst fragwürdig. Wer könnte das Ruder quasi über Nacht übernehmen? Und was sollte ein neuer Trainer in so kurzer Zeit großartig bewirken? Die Spieler müssen es selbst in die Hand nehmen und am Samstag auf Schalke eine Reaktion zeigen. Das sind sie ihren Fans schuldig. Über 10.000 Anhänger schickten ihnen in der vergangenen Woche zur Motivation sehr kreative Postkarten - eine fantastische Aktion. Der Dank blieb aus.

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