2. Bundesliga

HSV: Das Herschenken von Erreichtem als Vereins-DNA

Hamburg scheitert seit Jahren immer wieder nach dem gleichen Muster

HSV: Das Herschenken von Erreichtem als Vereins-DNA

Der Hamburger SV stand am Ende in Heidenheim mit leeren Händen da.

Der Hamburger SV stand am Ende in Heidenheim mit leeren Händen da. imago images

Daniel Thioune hat schon einige Leitsätze von sich preisgegeben, seit er im Sommer seinen Job in Hamburg angetreten hat. Ein oft wiederholter lautet: "Ich lebe nicht in der Vergangenheit." Er will damit ausdrücken, dass er unbelastet ist, dass sich der HSV einerseits für die Größe durch die Vergangenheit im rauen Zweitliga-Alltag nichts mehr kaufen kann, und er will andererseits deutlich machen, dass die späten Einbrüche der Vorzeit nicht in seinem Einflussbereich liegen.

Doch die Vergangenheit holt den HSV ein. Immer wieder. Und schon wieder. Beim 2:3 in Heidenheim demonstrierte auch die nächste Spielergeneration, dass es mittlerweile scheinbar zur Vereins-DNA gehört, Erreichtes wieder herzuschenken.

Platz 1 ist wie in den Vorjahren verspielt, dieses Mal nur schon viel eher als üblich. Wieder wurde eine Führung beim FCH regelrecht weggeworfen, anders als beim 1:2 am 33. Spieltag der vergangenen Spielzeit reichte am Sonntag nicht einmal ein Zwei-Tore-Vorsprung.

Rolle der Fehlerteufel stets neu besetzt

Die Rolle der Fehlerteufel werden immer wieder neu besetzt, ganz gleich welcher Trainer den Klub anleitet, welche Spieler das Trikot oder im jüngsten Fall die Handschuhe überstreifen. Dieses Mal war es Sven Ulreich, der vor dem finalen Akt haarsträubend patzte, als er in der Schlussminute einen Abstoß zunächst völlig unnötig kurz auf Toni Leistner ausführte und den Rückpass dann verstolperte. Thioune verrät, dass es keine Vorgabe gab, so zu agieren. "Grundsätzlich wollen wir fußballerisch eröffnen, aber in der Situation hätte es Sinn gemacht, den Ball lang zu schlagen."

Grundsätzlich wollen wir fußballerisch eröffnen, aber in der Situation hätte es Sinn gemacht, den Ball lang zu schlagen.

Daniel Thioune

Doch der 46-jährige Ex-Osnabrücker muss weit mehr aufarbeiten als die falsche Entscheidung seines Torhüters. Denn in die falsche Richtung war es auf der Ostalb schon mindestens eine Stunde vor dem Aussetzer des Ex-Bayern gelaufen. Und in Wahrheit läuft schon einige Wochen etwas verkehrt. Die Anzeichen für eine handfeste Krise, die seit Sonntag auch Thioune einräumt, gab es schon vorher, und sie wurden entweder ignoriert oder aber die Fehler nicht behoben.

Projekt "Entwicklung" mit einer Ü-30-Achse

Dass die regelmäßigen Abstürze verschiedenster HSV-Kader generell kein Zufall sind, sondern das Resultat einer jahrelangen Fehlerkette, hatten die amtierenden Verantwortlichen im Sommer eigentlich analysiert. Es gab beim HSV immer zwei Dinge: das eine, was propagiert, und das andere, was tatsächlich getan wurde. Bei strenger Auslegung ist in der abgelaufenen Transferperiode wieder etwas Ähnliches passiert: Es wurde das Ziel "Entwicklung" ausgerufen, und schließlich mit der Ü-30-Achse um Ulreich, Leistner, Klaus Gjasula und Simon Terodde erneut alles auf die Karte Aufstieg gesetzt - wohl wissend, dass der Versuch, "all in" zu gehen, zwei Mal krachend gescheitert ist und bereits der Nährboden für den Bundesliga-Abstieg war. Dass mit Ausnahme von Terodde alle sogenannten Säulen noch nach Halt suchen, obwohl der Saisonstart zunächst gelungen ist, wirkt wie ein Wink des Schicksals.

Aus Kämpfern werden "Kätzchen"

Thiounes Aufgabe besteht nun darin, die Vergangenheit zu besiegen, obwohl er mit dieser nichts zu tun hat. Sie ist aber längst in der Gegenwart angekommen und damit auch ein Teil seines Problems. Er ist angetreten, um den HSV resistenter zu machen, wollte beweisen, dass auch der alljährliche Favorit im Unterhaus "eklig" sein kann. Die Realität am Sonntag war, dass ein Rückschlag ausreichte, um aus Kämpfern "Kätzchen" werden zu lassen, die lieber auf einen Einwurf spekulierten, anstatt den Zweikampf zu suchen, die uneins auf Abseits spielten, anstatt im Verbund zu verteidigen. "Wir kriegen zu viele Gegentore", sagt Tim Leibold, "wir brauchen eine stabile Defensive, wenn wir oben bleiben wollen."

Erstmal müssen sie überhaupt wieder nach oben kommen. Und brauchen dafür eigentlich von allem mehr als zuletzt.

Sebastian Wolff

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